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Rittner: „Glaube noch an Turniere in 2020 – aber nicht in den USA“

In der neuen Folge des  Interviewpodcasts „Advantage – der Tennis & Sportpodcast“ spricht Barbara Rittner unter anderem über diese Themen:

Folgen der Coronakrise für das neue Rasenturnier in Berlin, bei dem sie Turnierdirektorin ist:

„Wir haben wahnsinniges Glück, dass unser Hauptsponsor nicht so von der Krise betroffen ist. Viele andere Turniere müssen um ihre Sponsoren bangen. Fluglinien und andere Firmen überlegen sich genau, ob sie weiter Turniere unterstützen können. Wir haben Glück und der Sponsor hat sofort signalisiert, dass sie die Unterstützung langfristig angelegt haben. Das hat mich als Turnierdirektorin unheimlich beruhigt. Natürlich ist die Absage dieses Jahr sehr, sehr traurig. Aber es findet, wenn erlaubt, sicher 2021 statt. Momentan sind wir aber in Gesprächen, um den Platz noch dieses Jahr in einem kleinen Showevent über eins, zwei Tage einzuweihen.“

Spannungen mit Carina Witthöft und ihr mögliches Comeback:

„Bei ihr steht in den Sternen, ob sie nochmal zurückkommt, sie ist in einer Findungsphase und das ist auch ihr gutes Recht. Bevor sie die Pause eingelegt hat, habe ich ein bisschen verurteilt, dass sie sich nicht mal früher mitgeteilt hat. In ihr habe ich unheimlich viel Potential gesehen und sehe es nach wie vor. Wer weiß: Vielleicht findet sie in der Coronakrise nochmal den Weg zurück. Sie hat das nie so klar formuliert, warum sie nicht mehr will. Ich dachte eigentlich, dass wir uns so nahe stehen. Dann wäre ich nicht so enttäuscht gewesen. Ich wollte Carina nie wehtun. Aber in meiner Rolle als TV-Expertin habe ich nur beobachtet, dass sie nicht mehr so fit und fokussiert war.  Sie hatte alles, was es benötigt, um unsere nächste Top-10-Spielerin zu werden. Aber ich war wohl doch zu weit weg, um zu spüren, dass der Druck sie kaputt gemacht oder gehemmt hat oder dass sie einfach nicht bereit war, diesen Druck auszuhalten, um ihren Weg weiterzugehen. Meine Aussagen als TV-Expertin sind bei ihr falsch angekommen. Ich bin für Klartext bekannt, aber ich wollte ihr nie eins reinwürgen. Ich bin jetzt noch davon überzeugt, dass sie es immer noch schaffen kann. Sie muss nur wissen, was sie möchte. Wenn sie zurückkommen will, kann sie das noch schaffen. Sie ist gerade erst 25 geworden. Aber jeder Mensch hat das Recht selbst zu bestimmen und selbstredend hat sie das Recht zusagen, dass die Tenniswelt nichts mehr für. Ich wollte da nie noch mehr Druck aufbauen, aber ich habe halt ihr wahnsinniges Potential gesehen.“

Das Erbe der „goldenen“ Generation um Kerber, Görges und Petkovic:

„Wenn du als Nachwuchsspielerin unsere goldene Generation um Kerber, Görges und Petkovic, die es alle in die Top 10 gepackt haben, betrachtest und vor dir hast, ist die Messlatte extrem hoch für die nächste Generation. Diesen jungen Spielerinnen um Alexandra Vecic, Eva Lys und Co. muss man Zeit geben sich zu entwickeln. Wir müssen viel mit ihnen reden, die Balance finden, sie müssen sicherlich noch härter werden. Die goldene Generation war tougher und zielstrebiger, aber auch erst ab um die 20 Jahre. Die nächste Generation muss jetzt lernen, dass es die Ernsthaftigkeit braucht und das kapieren und sich klare Ziele setzen. Die arbeiten alle gut. Wir haben tolle Talente. Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit und bin gespannt, wer sich wie entwickelt sie gerade.“

Details und Teilnehmer bei der vom DTB gegründeten Turnierserie:

„Die Orte und die Veranstalter, die wir angeschrieben haben, hätten über den Sommer Bundesligaspieltage oder Challengerturniere ausgetragen. Da wussten wir, das Interesse an einer Alternative besteht. Laura Siegemund, Anna-Lena Friedsam, Mona Barthel und Tamara Korpatsch haben zugesagt bei den 24 Damen. Bei den Herren Jan-Lennard Struff, Philipp Kohlschreiber. Uns vom Verband waren die Spielerinnen und Spieler in der Reihe danach wichtig, die eher weniger Einnahmen haben oder gerade erste am Anfang der Karriere stehen. Denn es wird ja auch um Preisgeld gespielt und es wird sich über vier, fünf Wochen laufen und die Spielerinnen und Spieler haben wieder ein Ziel. Die Teilnehmer werden auf Einzelzimmern untergebracht und vielleicht ist bis dahin auch eine kleine Zuschaueranzahl von 50 erlaubt.“

Weitere Förderungen vom DTB für die Basis:

„Die Veranstalter dieser Serie spenden je eine Summe, die den Tennistrainern in Deutschland zu Gute kommen soll. Wir müssen von Verbandsseite weiter schauen, wie wir der Basis helfen können, damit so viele wie möglich diese Krise übersehen. Aber die Ideen sind noch in den Kinderschuhen und müssen behutsam aufgebaut werden. Es gibt von Verbandsseite aus in ganz viele Richtungen Überlegungen, wie man der Basis weiter helfen kann. Aber wir müssen abwarten, was etwa mit dem Fed Cup und dem Davis Cup 2020 passiert – ob die Wettbewerbe gespielt werden oder nicht. Da hängt auch für unseren Verband eine gehörige Summe an Fördergeld . Gleiches gilt auch für das Turnier am Hamburger Rothenbaum. Dort ist der DTB ebenfalls stark involviert und es gilt abzuwarten, wie der DTB finanziell aus der Sache herauskommt.“

Ihre Arbeit in den letzten Tagen am Bundesstützpunkt in Stuttgart:

„Wir dürfen seit knapp 12 Tagen am Bundesstützpunkt Stuttgart-Stammheim wieder trainieren mit den Bundeskader-Jugendlichen in der Altersstruktur 15 bis 18. Wir haben die Genehmigung zur Übernachtung bekommen, damit die Besten aus ganz Deutschland anreisen dürfen – mit extremen Vorschriften: jeder hat sein eigenes Zimmer, Duschen und Toilettengänge sind nur auf den Zimmern erlaubt, überall stehen Desinfektionsmittel, Lichtschalter etc werden ständig gereinigt, wir haben einen Lieferservive, essen drinnen getrennt an auseinander gestellten Tischen, jedes Mädchen ist am gleichen Tisch, der Physiotherapeut arbeitet mit Schutzbekleidung, es trainieren immer nur zwei auf einem Platz. Die Polizei war auch schon viermal da, um die Genehmigung zu kontrollieren. Jeden morgen wird bei allen Fieber gemessen und Protokoll geführt .“

Dominic Thiems Kritik am Hilfsfonds für niedrig platzierte Spielerinnen und Spieler:

„Gerade junge Spieler sind noch in der Entwicklung und streben eine Profikarriere an. Die sind auf Förderungen angewiesen und leben von der Hand in den Mund. Den Spielern fallen die Bundesligagelder weg und sie verdienen seit zwei Monaten nichts mehr und wer weiß, wie lange das noch geht. Man braucht die ganze Basis für das Große Ganze einer Profitour. Da finde ich es ein Stückweit egoistisch zu sagen, ,nö denen helfe ich jetzt nicht‘. Natürlich gibt es einige, die nicht bereit sind alles zu geben. Aber um die geht es in dieser Ausnahmesituation jetzt mal nicht. Die werden es auch nach Corona nicht schaffen. Jetzt geht es um Solidarität und darum, das große Ganze zu sehen.“

Profitennis 2020:

„Ich glaube noch an Profiturniere im Jahr 2020, aber nicht in den USA. Mit viel Hoffnung spielen wir aber ab September, Oktober nochmal in Europa. Aber Tennis ist eine globale Sportart und solange die Reisebeschränkungen bestehen, können wir international nicht spielen. Das wäre schlecht unfair gegenüber Spielern aus Nationen, die dann noch nicht reisen dürften. Aber es wäre schon sehr, sehr traurig, wenn wir dieses Jahr kein internationales Profitenns mehr sehen würden.“

Verletzungen von Kerber und Petkovic:

Angelique Kerber (Oberschenkel) und Andrea Petkovic (Knie) können ihre Verletzungen jetzt behutsamer auskurieren. Gerade die beiden stressen sich sonst immer sehr und setzen sich sehr unter Druck und wollen so schnell wie möglich wieder zurück. Gerade im Herbst einer Karriere besteht die Gefahr, dass man dann etwas verschleppt. Deswegen bin ich heilfroh, dass die Krise zumindest den Vorteil für die beiden Spielerinnen hat, ganz in Ruhe wieder zurückzukehren.“

„Advantage“-Podcast: Episode 4 mit Barbara Rittner