Aryna Sabalenka und Naomi Osaka bestreiten heute Abend in Roland Garros das erste Damenmatch während der Nightsession seit 2023.
Erstmals seit drei Jahren wird in Roland Garros wieder ein Damenmatch zur Prime Time angesetzt – und die Entscheidung kommt nicht zufällig. Das Achtelfinale zwischen der Weltranglistenersten Aryna Sabalenka und der viermaligen Grand-Slam-Siegerin Naomi Osaka am Montagabend auf dem Court Philippe-Chatrier ist mehr als nur ein sportlicher Höhepunkt. Es ist auch die vorläufige Antwort auf eine Debatte, die das Turnier seit Jahren begleitet: Warum sind Frauen bei den prestigeträchtigen Nightsessions von Roland Garros nahezu unsichtbar?
Seit der Einführung der Abendveranstaltungen im Jahr 2021 wurden Frauen lediglich viermal für den exklusiven Prime-Time-Slot ausgewählt. Dagegen fanden zuletzt 32 Nightsessions in Folge ausschließlich mit Männermatches statt. Das Duell Sabalenka gegen Osaka beendet diese Serie nun.
Kaum weibliche Beteiligung
Bisherige Damenmatches in der Nightsession von Roland Garros
- 2021: Serena Williams Irina Camilla Begu 7:6, 6:4
- 2021: Iga Swiatek Martha Kostyuk 6:3, 6:4
- 2022: Alize Cornet vs. Jelena Ostapenko 6:0, 1:6, 6:3
- 2023: Aryna Sabalenka vs. Sloane Stephens 7:6, 6:4
- 2026: Aryna Sabalenka vs. Naomi Osaka ???
Die Kritik an dieser Praxis ist in den vergangenen Jahren immer lauter geworden. Spielerinnen, Funktionäre und ehemalige Profis werfen den Organisatoren vor, dem Frauentennis die größte Bühne des Turniers systematisch vorzuenthalten. Was für die französischen Organisatoren die Lage zusätzlich erschwert: Roland Garros ist der einzige Grand Slam-Turnier, das in der Abendsession nur ein einziges Match ansetzt. Während die Australian Open und die US Open regelmäßig je ein Frauen- und ein Männermatch am Abend zeigen, setzt Paris auf ein exklusives Hauptspiel – und entschied sich dabei fast durchgehend für die Männer.
Becker: „Verstehe es auch nicht“
Auch Boris Becker zeigte wenig Verständnis für diese Linie. Bei Eurosport sagte er: „Ich verstehe es auch nicht.“ In Zeiten der Gleichberechtigung müssten auch Frauen regelmäßig die Abendsession bestreiten. Den zentralen Beweggrund der Veranstalter benannte Becker ebenfalls unverblümt: „Die Veranstalter haben Schiss, dass ein Damenmatch nach einer Stunde vorbei ist.“
Tatsächlich argumentiert der französische Tennisverband FFT seit Jahren mit genau diesem Punkt. Frauen spielen bei Grand Slam-Turnieren nur über zwei Gewinnsätze, Männer über drei. Dadurch besteht theoretisch die Möglichkeit, dass ein Frauenmatch bereits schnell beendet ist. Angesichts von Ticketpreisen zwischen 60 und 280 Euro für die Nightsession sehen die Organisatoren darin das Risiko, dass den Zuschauern zu wenig Tennis für ihr Geld geboten wird.
„Match of the Day“: Sabalenka vs. Osaka
Hinzukommt, dass Streaming-Anbieter Amazon-Prime die Exklusivrechte an der Nightsession in Paris hat. Und natürlich will man dort mit dem besten Match des Tages möglichst viele Fans vor die Screens locken. Die Frage ist allerdings: Was ist nun aus französischer Sicht tatsächlich das „Match of the Day“?
Den Veranstaltern dürfte bei der schwierigen Beantwortung der Frage geholfen haben, dass es im Männerfeld zu „besonderen Umständen“ kam. Denn die größten Stars im Herrentennis – Carlos Alcaraz, Jannik Sinner und Novak Djokovic – sind nicht mehr im Turnier (bzw. sind gar nicht erst angetreten). Alle drei haben in den letzten Jahren regelmäßig die Abendspiele bestritten, doch nun kommen sie nicht mehr in Frage. Außerdem sind keine französischen Herren mehr im Turnier vertreten. Mit Arthur Fils zog der beste französische Spieler kurz vor Turnierstart raus.
Vor dem Turnier 2026 traf sich außerdem Valerie Camillio, die neue Geschäftsführerin der WTA-Tour, mit Turnierdirektorin Amélie Mauresmo, um sich im Namen der Spielerinnen für die Vergabe des Abendtermins einzusetzen. Mauresmo, ehemalige Weltranglistenerste, wies dabei den Vorwurf zurück, Frauen würden sportlich geringer geschätzt. „Es geht ganz sicher nicht darum, dass die Frauen es nicht verdient hätten, in der Abendsession zu spielen“, sagte sie zuletzt. „Es ist keine Frage des Könnens.“ Sie verwies stattdessen erneut auf die unterschiedliche Matchlänge bei Herren und Damen.
Keine Chance auf Verlängerung der Nightsession
Aber warum wird die Nightsession dann nicht einfach verlängert? Tatsächlich begann die Spätschicht in Paris zu Beginn ihrer Einführung erst um 21 Uhr. Inzwischen liegt die Startzeit bei 20:15 Uhr. Noch früher soll es aber nicht losgehen, weil die Pariser – laut Mauresmo – „gerne abends vorher Essen gehen“. Außerdem will Mauresmo auch Berufstätigen die Chance geben, rechtzeitig im Stadion zu sein.
Gleichzeitig lässt sich die Nightsession im Stade Roland Garros auch nicht ewig lang nach hinten ausdehnen. „Pariser nehmen in der Regel die Metro, um zu Tennis zu kommen“, erklärte Mauresmo schon mehrfach. Die letzte Bahn aber fährt um 0:50 Uhr – und für Roland Garros gibt es keine Ausnahmeregel. Weil es nun bei langen Fünf-Satz-Matches in der Vergangenheit schon vorkam, dass die Besucher ihre letzte Bahn verpassten, beginnt die Nightsession inzwischen früher. Aber auf das Wagnis, zwei Matches in die Nightsession zu packen, wird sich der französische Tennisverband niemals einlassen. Auch ein zusätzliches Doppel anzusetzen, sei keine Option, hieß es zuletzt.
Popcorn-Match: Sabalenka gegen Osaka
Wen sollte Mauresmo nun also für das Abendmatch nominieren, wenn im Herrenfeld die „Big Names“ und die „Local Heros“ fehlen? So gesehen ist die Entscheidung, die Bühne am Abend Aryna Sabalenka und Naomi Osaka zu überlassen, nur folgerichtig. Es werden zwei der größten Stars des Sports aufeinandertreffen – beide vierfache Grand-Slam-Siegerinnen, beide mit enormer internationaler Strahlkraft. Ob diese Ansetzung aber gleichzeitig auch ein Eingeständnis der Organisatoren dafür ist, dass der Druck für mehr Damenmatches in der Nightsession zuletzt spürbar gewachsen ist, bleibt ungewiss.
Bild: IMAGO Golden Girl: Naomi Osaka tritt auch in Roland Garros mit einem speziellen Outfit an.
Osaka selbst reagierte gewohnt gelassen auf die Diskussion. „Mir ist es wirklich egal, auf welchem Platz oder zu welcher Uhrzeit ich spiele“, sagte die Japanerin. Gleichzeitig meinte sie, sie hätte nichts dagegen, einmal Teil eines „Popcorn-Matches“ zu sein – eines jener Duelle, für die Fans sich mit Snacks vor den Fernseher setzen und beste Unterhaltung erwarten. Genau ein solches Match verspricht nun der Montagabend in Paris.
Vor Kurzem spielten Sabalenka und Osaka in Madrid auf Sand gegeneinander. Sabalenka gewann 6:7, 6:3, 6:2 und das Match dauerte zwei Stunden und 20 Minuten.