Zverev und die Frage nach Talent im Tennis
Was ist Talent? Alexander Zverev, Boris Becker und die verstorbene Trainerlegende Niki Pilic geben eine Antwort auf eine der ultimativen Fragen im Tennis.
Als Alexander Zverev nach seinem US-Open-Titel gefragt wurde, ob er denkt, dass er derzeit der beste Spieler der Welt ist, antwortete der mittlerweile zweifache Grand-Slam-Champion diplomatisch.
Zverev: „Wenn alle fit sind, liegt Jannik immer noch vorne”
„Ich weiß nicht, wie ich darauf antworten soll. Man muss alles berücksichtigen, weil Jannik Sinner verletzt ist und Carlos Alcaraz nach vier Monaten seine Verletzungspause hinter sich hat. Im Moment, genau jetzt, wahrscheinlich ja. Wenn beide fit und in Topform wären, vielleicht nicht. Aber wenn wir von genau diesem Moment sprechen, in dem Jannik verletzt ist und Carlos gerade von seiner Verletzung zurückkommt, dann vielleicht. Vor vier oder fünf Monaten, als beide fit waren, war ich es nicht. Ich habe ständig gegen Jannik verloren. Wenn alle fit sind, liegt Jannik meiner Meinung nach immer noch vorne. So einfach ist das“, sagte Zverev.
Feststeht: Alexander Zverev ist der mit Abstand erfolgreichste Grand-Slam-Spieler der Saison mit zwei Grand-Slam-Titeln (French Open und US Open), der Finalteilnahme in Wimbledon und der Halbfinalteilnahme bei den Australian Open. Und: Zverev hat beste Aussichten, in den nächsten Wochen die Nummer eins der Welt zu werden. In der Jahresweltrangliste hat der Deutsche bereits einen komfortablen Vorsprung von 700 Punkten auf Jannik Sinner.
Zverev: „Ich halte mich keineswegs für den Talentiertesten”
Immer wieder wird im Tennis die Frage gestellt, was denn eigentlich Talent sei. Zverev selbst ordnet seine Leistungen wie folgt ein: „Ich halte mich keineswegs für den Talentiertesten. Ich glaube nicht, dass ich ein gottgegebenes Talent bin wie manch anderer. Ich glaube, mein Tennisspiel basiert größtenteils auf harter Arbeit, auf vielen Stunden auf dem Platz, im Fitnessstudio und auf der Laufbahn. So spiele ich Tennis.“
Boris Becker äußerte sich in Bezug auf die Talentfrage im Podcast Becker Petkovic wie folgt. „Die meisten verstehen Talent unter Ballgefühl. Es sagen alle, Roger Federer oder John McEnroe hat Talent. Andere Aspekte beim Talent sind für mich Konzentrationsfähigkeit, Disziplin, Arbeitsmoral, Pünktlichkeit. Das sind alles wichtige Bausteine, um Profisportler zu werden. Es langt nicht nur, an guten Tagen gut zu spielen. Du musst an schlechten Tagen gewinnen. Zverev hat in der ersten Runde bis 2 Uhr morgens gespielt. Dann musst du dich erholen, die Ruhe und die Motivation finden. Dann hat Zverev in der zweiten Runde noch mal fünf Sätze bis in die Nacht gespielt. Die meisten sagen dann: ‚Das ist mir zu viel. Das ist mir zu anstrengend.‘ Das macht Sascha nicht. Das ist ein ganz wichtiger Baustein. Da hat er allen anderen Spielern etwas voraus. Er geht dahin, wo es weh tut. Die meisten haben irgendeine Ausrede. Das verstehe ich, aber dann wirst du auch kein Grand-Slam-Champion.“
Niki Pilic und seine Bibel
Einer, der genau wusste, was Talent bedeutet, ist die Trainerlegende Niki Pilic. Im vergangenes Jahr verstarb Pilic im Alter von 86 Jahren. Der ehemalige Profi führte Deutschland zu drei Davis-Cup-Titeln und betreute unter anderem Novak Djokovic in seiner Jugend. Pilics Tugenden: Disziplin, Pünktlichkeit und bedingungslose Hingabe. Anders wäre der Mann, der als Spieler die Nummer fünf der Welt war, als Trainer nicht so erfolgreich gewesen.

Old School: Niki Pilic trug wichtige Dinge in ein schwarzes Buch ein, seine „Bibel“Bild: Jürgen Hasenkopf
Als tennis MAGAZIN Pilic im Jahr 2021 traf, brachte er ein schwarzes, tischplattendickes Buch mit. Seine Bibel? Pilic lachte. „Ja, könnte man sagen.“ Seit Jahrzehnten trug er alles Wichtige akribisch darin ein. Auf einer Seite hatte er notiert, was für ihn Talent ist. „Das ist der Tennis IQ“, dozierte Pilic. Für ihn sind es 16 Komponenten, die über die Klasse eines Spielers entscheiden. Auf einer Skala von 1 bis 10 gibt es Noten. 10 ist der Höchstwert. Spieler wie Federer, Nadal oder Djokovic bekamen fast überall eine 9 oder 10 von ihm.
Niki Pilic: Kopf und Charakter sind das Wichtigste
Das Entscheidende ist für ihn Kopf und Charakter (1). Für Pilic macht dieser erste Punkt etwa 20 Prozent „von der ganzen Torte“ aus. Stimmt das klare Denken nicht, hat man keine Chance auf eine große Karriere. Charakter heißt für Pilic, ein guter Mensch zu sein mit Empathie und Respekt vor dem Gegner.
Es folgen die Punkte Koordination (2), Motorik (3) und Reflexe (4). Dinge, die man laut Pilic nur begrenzt lernen kann. „Fragt meine Frau“, sagt er, „ich habe ihr 50-mal den Ball zugespielt und sie hat 50-mal vorbeigeschlagen.“ Oder neulich sein Erlebnis, als er Unterricht an einer Schule gab: „Sieben von acht Jungs oder Mädchen hatten eine katastrophale Koordination. Bestimmte Bewegungsabläufe werden sie nie lernen.“
Siegeswille: „Djokovic und Becker haben Tonnen davon”
Es folgt der Punkt Siegeswille (5). „Hast du Kilos oder Tonnen davon?“, fragt der Erfolgscoach, „Spieler wie Novak Djokovic oder Boris Becker haben Tonnen davon.

Niki Pilic trainierte Novak Djokovic in der Jugend und blieb in seiner Karriere ein ständiger Begleiter – wie hier beim Davis-Cup-Sieg von Serbien im Jahr 2010.Bild: Imago
Disziplin (6) sei wichtig, ebenso Konzentrationsfähigkeit (7). „Kannst du dich bei einem Grand-Slam-Turnier fünf Stunden konzentrieren? Das können nur ganz wenige Spieler“, sagte Pilic.
In dem Zusammenhang wichtig: die Moral (8). Die zeige sich, wenn man etwa 0:2 in Sätzen und 1:3 in Spielen zurückliege. „Du hast dann noch nicht verloren!“, sagte Pilic und verwies auf seinen früheren Schützling Djokovic.
Niki Pilic: Du musst topfit sein”
Die psychische Stabilität (9) unterscheide ebenfalls den guten Spieler vom Champion. Die Voraussetzung, um überhaupt auf Topniveau konstant Leistung zu bringen, ist eine gute Kondition (10). „Du musst topfit sein.“ Sein Landsmann Marin Cilic sei kaum in der Lage, ein Best-of-three-Match zu gewinnen, wenn allein der erste Satz eine Stunde dauert.
„Schnelligkeit (11) ist wichtig“, so Pilic. Aber auch gepaart mit Antizipation (12). Der frühere indische Profi Ramesh Krishnan sei grottenlangsam gewesen, aber er war immer am Ball. Pilic: „Es hieß, Gott persönlich hat ihn geschickt, um für Indien zu spielen. Er war wie ein Mungo.“
Ein Beispiel für Antizipation und Koordination: „Boris war auf 100 Meter eine Sekunde langsamer als Charly Steeb. Aber bei der Übung, bei der ich sechs Bälle im T-Feld verteilte, die man erlaufen musste, war Boris eine Klasse besser.“
Djokovic viel fokussierter als Gulbis
Es folgt in Pilics Liste Fokussierung (13). „Ich hatte zwei Spieler, die fast zeitgleich bei mir trainierten – Djokovic und Ernests Gulbis“, sagte Pilic. Novaks Blick sei schon immer zielgerichtet gewesen. „Ernests hatte jeden Tag 15 andere Ideen. Er war ein großes Talent, aber in dem Bereich bekommt er von mir nur eine 4, Novak eine 10.“
Coachability (14), die Fähigkeit, sich trainieren zu lassen, sei ebenfalls eine Eigenschaft, die die Spreu vom Weizen trennt. Wer immer wieder den gleichen Fehler macht und Dinge nicht umsetzen kann, bleibt in der Entwicklung stehen.
Clever heißt zu sehen, was der andere nicht kann
Cleverness (15) sei hier auch entscheidend. „Ich habe als Junior Matches gewonnen, obwohl die Gegner technisch eine Klasse besser waren.“ Clever zu spielen, heißt laut Pilic, sich die Frage zu stellen, wie man den Punkt gewinnen kann. Manchmal reicht es, „den Ball mit sieben Kilometer pro Stunde über das Netz zu spielen“, während der andere gehirnlos mit 140 km/h auf den Ball drischt und den Fehler macht.
Clever heißt auch, zu sehen, was der andere nicht kann. „Warum spielst du 75 Prozent der Bälle auf die Vorhand?, habe ich einen Schüler mal gefragt. Siehst du nicht, dass dein Gegner eine sehr gute Vorhand und eine durchschnittliche Rückhand hat?“ Dumm sei das. Pilic redete sich richtig in Rage.
Sein letzter Punkt klingt banal. Ein normaler Körper (16) sei entscheidend. Nicht verletzungsanfällig zu sein, keine „zwei linken Beine“ zu haben, das Schlimmste, was man in seiner Kindheit in Split über einen Spieler sagen konnte.
Man wird als Champion geboren
Diese 16 Punkte sind für Pilic die Definition von Talent. Aber kann man vieles davon nicht lernen? „Ja, aber wir sprechen bei Federer, Nadal und Djokovic von Genies.“ Sie spielen so, wie Luciano Pavarotti singt. Unmenschlich schwer sei es, in allen Kategorien Bestnoten zu haben. Es ist wie eine „Treppe mit hundert Stufen“. In bestimmte Sphären kommen Normalsterbliche nicht. „Campione si nasce non si diventa“, parlierte Pilic auf italienisch – man wird nicht zum Champion, man wird als Champion geboren.
