Grigor Dimitrov

Grigor Dimitrov: Mann für die großen Momente

Er sieht blendend aus, spielt wunderbares Tennis, ist mit einer Promi-Freundin liiert – und hat auch noch Erfolg. Grigor Dimitrov gilt schon lange als künftiger Superstar der Branche. 

„Mister Dimitrov, an welchem Punkt ihrer Karriere haben sie sich eigentlich dafür entschieden, sich voll auf Tennis zu konzentrieren – und weniger aufs Modeln?“ Die Frage erwischt Grigor Dimitrov eiskalt. Er hat sich gerade für das Halbfinale als Debütant bei den ATP Tour-Finals in London qualifiziert. Es ist ein großer Moment für ihn und dann stellt ihm der Interviewer des englischen Fernsehens so eine Frage. Für einen Augenblick, so scheint es, ringt Dimitrov um Fassung. Tennis oder Modeln: Es gab diese Entscheidung nie in seinem Leben. Aber Dimitrov bleibt gelassen, knipst sein Lächeln an und antwortet: „Da müssen sie meine Eltern fragen.“ Cool gelöst, diese Fangfrage. Später soll er vor laufender Kamera singen, einen Song der „Backstreet Boys“, seiner Lieblingsgruppe. Dimitrov schließt das zunächst kategorisch aus, macht es am Ende aber doch. Schließlich stellt sich heraus: Der Reporter hatte einen unsichtbaren Einflüsterer auf seinem Knopf im Ohr. US-Profi Ryan Harrison schickte Kollege Dimitrov aufs Glatteis.

Die perfekte Blaupause für einen Tennisprofi

Die Anekdote verrät einiges über den Bulgaren. Modeln, Sänger einer Boygroup: Würde man Dimitrov nicht als Profisportler kennen, wären das passende Berufsalternativen. Man kann die kleinen Seitenhiebe von Harrison aber auch durchaus als Kritik verstehen. Nach dem Motto: Hätte sich Dimitrov, der schnelle Autos liebt, edle Uhren sammelt, an Mode, Architektur und Geschichte interessiert und mit Promi-Damen eng befreundet ist, mal früher nur auf den Sport fokussiert, wäre seine Karriere noch steiler nach oben verlaufen.

Dimitrov gilt seit knapp zehn Jahren als größte Verheißung im Herrentennis. Das liegt nicht nur an seinen Erfolgen als Junior: 2008, nach Titeln in den U18-Konkurrenzen von Wimbledon und New York, war er der weltbeste Nachwuchsspieler. Er fiel in der Szene aber noch durch andere Qualitäten auf: smart, gutaussehend, charmant, weltgewandt und ein Liebling der Groupies. Wenn ein Sport-Vermarkter eine Blaupause des perfekten Tennisprofis hätte erstellen müssen – es wäre Grigor Dimitrov dabei herausgekommen.

Die Liebe zur einhändigen Rückhand

Seinen ersten Tennisschläger erhält ­Grigor, das einzige Kind seiner Eltern, mit drei Jahren. Es ist ein Geschenk seines Vaters Dimitar, einem Tennislehrer in der südbulgarischen Stadt Haskovo. Er hatte zuvor den Griff des Rackets abgesägt, damit ihn Grigor besser halten kann. Die Mutter Maria spielt ­Volleyball und ist Sportlehrerin am örtlichen ­Gymnasium. Der Vater übt sporadisch Tennis mit seinem Sohn; mit fünf Jahren spielt Grigor regelmäßig. „Meine erste ­Erinnerung, die ich mit Tennis in Verbindung bringe: ich allein an der Ballwand im Club meines Vaters“, verriet Dimitrov einmal in einem Interview.

„Zu Beginn wollte ich ihm nur beibringen, wie man Tennis spielt – ohne besondere Ambitionen“, erinnert sich Vater Dimitar, der sich auffällig dezent im Hintergrund hält, an die Anfänge. „Aber sein Talent war einfach unverkennbar. Jedes Mal, wenn ich ihm einen neuen Schlag zeigte, machte er die Bewegung ganz natürlich nach. Er wollte immer mehr lernen, sodass ich irgendwann über eine Profi­karriere nachdachte.“ Zum bald täglichen Training gehört auch die einhändige Rückhand, es ist der Lieblingsschlag des Vaters – und sie soll zum Markenzeichen seines Sohnes werden. „Die einhändige Rückhand faszinierte uns beide. Mein Vater stellte mein ganzes Spiel auf diesen Schlag ein“, erzählte Dimitrov 2014 in einem Gespräch mit der Financial Times.

Tennis als Vehikel für ein besseres Leben

Grigor macht als Kind schnell Fortschritte. Dem Vater wird damals klar: In Bulgarien kann er nicht vernünftig gefördert werden. Es fehlen gute Trainings­partner und eine ordentliche Tennis-Infrastruktur. Fußball und Gewichtheben – das sind die bulgarischen Kernsportarten. Tennis erlebte nur durch die Erfolge der drei Maleeva-Schwestern einen kleinen Aufschwung, ist aber nicht fest im Land verwurzelt. Die Familie entscheidet, dass Grigor ins Ausland gehen muss, er ist damals zwölf Jahre alt. Es ist der Beginn einer langen Reise, die ihn zunächst nach Ojai in den Süden Kaliforniens verschlägt. Dort trainiert er an der Weil Tennis Academy.

„Natürlich war es hart, aber meine Eltern besuchten mich, wann sie es konnten“, vertraute Dimitrov einst dem britischen The Telegraph an. Immer, wenn er über diese Phase seiner Karriere spricht, betont er, dass er selbst diesen Weg unbedingt gehen wollte: „Ich war bereit dazu, alles zu machen, um besser zu werden.“ Die Beweggründe für seine Einstellung sind auch in seiner Herkunft zu finden. Es sind einfache Verhältnisse, in denen er groß wird. „Wohlstand existierte in unserem Wortschatz nicht“, sagte Dimitrov 2015. Tennis, das weiß auch schon der kleine Grigor, kann das Vehikel für ein besseres Leben sein.  Mit 15 Jahren wechselt Dimitrov auf die berühmte Sanchez-Casal-Akademie nach Barcelona. Es beginnt die „beste Zeit meines Lebens“, wie er es einmal in einem Rückblick formulierte. Dimitrov ist rebellisch in jener Zeit, er will sich nicht ans System anpassen. Er feiert viel, hängt mit Freunden ab, kommt zu spät zum Training. „Ich wurde ein paar Mal von der Akademie verwiesen.“

Der ewige Vergleich mit Roger Federer

Manchmal kommt er erst im Morgengrauen nach Hause, klettert über das Sicherheitstor und schleicht sich an den Wachhunden vorbei aufs Gelände der Elite-Akademie. Trotz der durchfeierten Nächte: Zigaretten und Alkohol rührt er in seiner Party­phase nicht an. Dimitrov sieht in seinen wilden Tagen auch eine Reaktion auf das harte Regime bei seinem Vater in Haskovo: „Er hat mich nie verwöhnt und mich so behandelt wie jeden anderen. Das führte natürlich oft zum Streit.“ Ex-Profi Emilio Sanchez, Mitbegründer der Kaderschmiede in Barcelona, hat die Zeit mit Dimitrov noch gut vor Augen: „Ich war von seinem unglaublichen Talent regelrecht geschockt, weil er jeden Ball perfekt traf. Aber eine zeitlang stand er sich selbst im Weg, weil er dachte, dass mit seinem Riesentalent alles schon von selbst kommen würde. Ihm ­mangelte es an Entschlossenheit, er wollte nicht hart arbeiten.“

Dimitrov kriegt irgendwie noch die Kurve. Die ersten Erfolge stellen sich auf Juniorebene ein. Er wird gehypt, gelobt und schon als künftiger Weltstar angepriesen – bei dem Talent kann doch nichts schiefgehen. Peter Lundgren, ehemaliger Federer-Coach, sieht das 2009 genauso. Er ist zu diesem Zeitpunkt der Trainer von Dimitrov. Die beiden lernten sich in der Pariser Akademie von Patrick Mouratoglou kennen, wo Dimitrov – es ist seine mittlerweile dritte Akademie-Station – eine Weile trainierte. Lundgren jedenfalls sagt im Sommer 2009: „Grigor Dimitrov ist der neue Roger Federer.“ Es ist ein Satz, der Dimitrov sein Leben lang verfolgen wird. Das Interesse an dem bulgarischen Aufsteiger wird immer größer, der Spitzname „Baby Federer“ kommt auf, weil Dimitrov und Federer sich in ihrem Spielstil auf verblüffende Weise ähneln. Im Netz gibt es mittlerweile Videos, in denen die Schläge der beiden übereinander gelegt wurden – sie sind zu 90 Prozent deckungsgleich.

Liaison mit Sharapova und Nicole Scherzinger

Dimitrov („Ich bin kein zweiter Federer“) wehrt sich gegen die Vergleiche, kommt seinem Idol aber gleichzeitig immer näher. Ende 2012 etabliert er sich als jüngster Profi in den Top 50. 2013 schlägt er in Madrid Novak Djokovic. 2014: Halbfinale in Wimbledon, drei Turniersiege auf drei unterschiedlichen Belägen. Er erreicht die Top 20, darf als Ersatzmann zu den ATP-Finals nach London. Jeder geht zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass er 2015 um die ganz großen Titel mitspielen wird. Das Leben Dimitrovs wird nun auch von der Klatschpresse verfolgt, weil er mit Maria Sharapova zusammen ist. Paparazzi stellen den beiden nach, sie sind das Glamour-Paar des Sports: Beide verdammt gutaussehend, erfolgreich und schwer vermögend. Ob gewollt oder nicht: Die Liaison heizt beide Karrieren zusätzlich an.

2015 aber bringt den fest einkalkulierten Durchbruch nicht. Dimitrov stagniert. Die Beziehung mit Maria Sharapova geht in die Brüche. In ihrer jüngst erschienenen Biografie „Unstoppable“ schreibt Sharapova über die Trennung: „Ich musste mich in dieser Lebensphase um meine eigene Karriere kümmern.“ Dimitrov tröstet sich schnell. Ende 2015 wird er an der Seite der 13 Jahre älteren Sängerin Nicole Scherzinger gesichtet, die zuvor mit Formel 1-Pilot Lewis Hamilton jahrelang eine On-Off-Beziehung führte. Die Liebelei wird offiziell und spätestens seitdem haftet Dimitrov der Ruf eines Frauenhelden an.

Ausraster im Istanbul-Finale

2016 wird mehr über seine Beziehung mit der früheren „Pussycat Dolls“-Frontfrau berichtet als über seine sportlichen Leistungen. Dimitrov spielt mies, gute Resultate bleiben aus. Nachdem er im Mai 2016 im Finale von Istanbul gegen Diego Schwartzman komplett ausrastet, drei Schläger auf dem Platz zerhackt und das Finale schließlich wegen eines Spielabzugs verliert, ist er im freien Fall unterwegs. Fünfmal verliert er danach in der ersten Runde auf der Tour. Plötzlich findet er sich nur noch auf Platz 40 in der Weltrangliste wieder. Die Szene fragt sich: Wie ist das bei all seinem Talent nur möglich? Hat er vielleicht zu viele Optionen in seinem Repertoire, wodurch ihm eine Struktur im Spiel, ein strikter „Game Plan“, fehlt? Dimitrov nennt diese Tage im Frühjahr 2016 selbst „beängsti­gend“. Er fühlt sich „unsicher“.

Die Wende bringt ein neuer Trainer: Daniel Vallverdu. Der Venezolaner gilt als harter Hund, der von seinen Schützlingen auch mal acht Stunden Training an einem Tag einfordert. Andy Murray führte Vallverdu – gemeinsam mit Ivan Lendl – zu seinen ersten beiden Grand Slam-Titeln. Tomas Berdych brachte er bis auf Platz vier im Ranking.  Im August 2016 beginnt die Zusammenarbeit. Mit dabei sind auch Fitnesscoach Sebastien Duran und Physiotherapeut Azdine Bousnana. „Wir haben uns hingesetzt und komplett von vorne angefangen“, erzählt Dimitrov. Vallverdu hinterfragte alles, er ließ keinen Stein auf dem anderen. Dimitrov: „Es ging vor allem darum, alles zu vereinfachen und sich realistische Ziele zu setzen. Dadurch bekam ich neues Selbstvertrauen. Außerdem lernte ich, geduldiger zu werden.“

„Ich habe dazugelernt”

Schon in der zweiten Jahreshälfte 2016 findet er langsam seine alte Form wieder: Auf der ATP-Tour erreicht er drei Halbfinals und ein Endspiel. Am Ende der Saison steht er in den Top 20. Aber Dimitrov und Vallverdu reicht das noch lange nicht: 2017 will das neue Erfolgsgespann ganz oben mitmischen. Das Fundament dafür wird in Monte Carlo gelegt: Sechs Wochen bereitet sich Dimitrov dort mit seinem Team auf die neue Saison vor. „Im Tennis geht es um viel mehr, als nur bei den Turnieren gut zu spielen. Es geht um die tägliche Bereitschaft, sich zu verbessern, sich zu quälen. Für mich ist Tennis eine Lebenseinstellung. Das habe ich Grigor versucht zu vermitteln in unserer Anfangszeit. Und ich glaube, dass er mich verstanden hat“, erklärt Vallverdu seine Trainingsphilosophie.

Die Botschaften kommen an. Dimitrov ist zu Beginn der Saison 2017 in fantastischer Form – bis Mitte Februar verliert er von 18 Matches nur zwei. Er gewinnt die Turniere in Brisbane und Sofia. Sein Halbfinale bei den Australian Open, das er in fünf Sätzen gegen Rafael Nadal verliert, wird später in jedem Jahresrückblick vorkommen – als eines der besten Matches der Saison. Überhaupt Melbourne: Dort rückt er wieder in den Fokus der breiteren Öffentlichkeit. Nicht wegen seiner Freundin, sondern weil er im Turnier sein außergewöhnliches Talent in geordnete Bahnen lenkt und so fokussiert, so siegeshungrig wie noch nie auftritt. Vor seinem Viertelfinale kommt es zu einer legendären Pressekonferenz, als ihn ein Journalist fragt: „Grigor, hat sich dein Aufstieg im Tennis verzögert, weil du dich zwischenzeitlich in etwas anderes verliebt hattest?“ Dimitrov grinst. Er weiß genau, dass die Frage eine Anspielung auf seine Promi-Freundinnen ist. Aber dann antwortet er entwaffnend ehrlich: „Es gab eine Zeit, in der ich nicht sicher war, wie ich mit beiden Dingen – der Liebe zum Tennis und meiner persönlichen Liebe – umgehen sollte. Aber ich habe bei Liebesangelegenheiten dazugelernt.“

Lernen bei Nadal auf Mallorca

Im Sommer verbringt er eine Woche auf Mallorca in der Akademie von Rafael Nadal. Die beiden verstehen sich gut, sie trainieren jeden Tag zusammen, machen Bootstouren, gehen schwimmen, besuchen feine ­Restaurants. „Manchmal waren wir wie zwei kleine Jungs, die einen Sommer voller Spaß hatten“, wird Dimitrov über die Tage später sagen. Doch hinter der Urlaubswoche beim Weltranglisten­ersten steckt mehr. Sie kam auf Initiative Vallverdus zustande. Dimitrov sollte von Nadal lernen – nicht nur auf dem Court, sondern vor allem abseits des Trainings: „Grigor sollte Nadal als Privatperson kennenlernen, um besser zu verstehen, wie sich jemand 15 Jahre in der absoluten Weltspitze hält.“ Tennis als Lebenseinstellung – hier wird der Ansatz Vallverdus wieder deutlich.

Ein paar Wochen nach dem Mallorca-Ausflug holt Dimitrov in Cincinnati seinen ersten Masters 1000-Titel. Es folgt ein starker Herbst und seine erste Qualifikation für die ATP-Finals, die mit seinem bislang größten Triumph enden. Der bulgarische Staatspräsident schickt Glückwünsche via Facebook, in seiner Heimat Haskovo soll ein Court nach ihm benannt werden. Grigor Dimitrov ist nun bereit für die ganz großen Momente.