Nadal über Zverev: „Sascha hat ein Problem: Er ist vom Gewinnen besessen“
Trainerlegende Toni Nadal äußerte sich nach den Australian Open zu den Chancen von Alexander Zverev im Kampf um die Grand Slam-Titel.
Er war sein Wunschtrainer, aber Toni Nadal musste Alexander Zverev im Spätsommer 2025 absagen – keine Zeit und auch keine Lust, nochmal um die Welt von Turnier zu Turnier zu fliegen. Zverev hatte die Hilfe von „Onkel Toni“ gesucht, nachdem er in Wimbledon 2025 in der ersten Runde gegen Arthur Rinderknech ausgeschieden war und danach einen mentalen Meltdown erlebte. Er stellte alles in Frage: sein Spiel, sein Team, ja sogar sein Dasein als Tennisprofi.
Toni Nadal, legendärer Coach seines Neffen Rafael Nadal, trainierte damals mit Zverev zehn Tage auf Mallorca. Für Zverev war das wie eine „Verjüngungskur“ und er sprach von „großartigen Tagen mit Toni.“ Zu einer weiterreichenden Zusammenarbeit kam es indes nie – ganz zum Bedauern von Zverev.
Gegenüber tennis MAGAZIN erklärte Toni Nadal beim 125er WTA-Turnier Anfang Oktober 2025 auf Mallorca: „Ich habe Sascha gesagt, dass ich kein guter Trainer für ihn bin. Denn ich bin kein Trainer mehr, ich bin zu alt. Ich kann sicher gute Tipps geben, aber er benötigt jemanden, der ihn pusht. Der ihm sagt, was er machen muss. Grundsätzlich muss er nicht viele Dinge ändern, er ist die Nummer drei der Welt. Aber ich finde, er sollte etwa im Übergang zum offensiven Spiel schneller werden.“
Zverev in Melbourne: offensiver dank Nadal
Wer Alexander Zverev nun bei den Australian Open 2026 sah, musste zugeben: Der Deutsche war tatsächlich offensiver eingestellt und ließ sich seltener als früher in eine passive Rolle drängen. In seinen ersten fünf Runden überzeugte Zverev voll: Er dominierte die Gegner dank seines Weltklasse-Aufschlags und einer aggressiven Spielausrichtung. Die meisten Experten waren sich einig: Einen so guten Alexander Zverev hatten sie noch nie gesehen.
Dann folgte das Halbfinalmatch gegen Carlos Alcaraz, das er auf dramatische Art und Weise nach fast fünfeinhalb Stunden verlor. Auch wenn zunächst der Spanier tonangebend war: Zverev boten sich einige Chancen, um die Partie zu gewinnen. Im zweiten Satz führte er 5:2 – er verlor ihn im Tiebreak. Als Alcaraz mit 2:0 Sätzen vorne lag, bekam er plötzlich körperliche Probleme – es war die Gelegenheit für Zverev, zurück ins Match zu finden. Er nutzte die Chance und glich nach Sätzen aus.
Closer. Further. Closer again. 😳
The minimum points to win, constantly shifting in yesterday’s #AO26 semi-final between Alcaraz and Zverev 👀 pic.twitter.com/tSmIWwko7e
— Tennis TV (@TennisTV) January 31, 2026
Allerdings: Dass er insbesondere den vierten Durchgang „nur“ im Tiebreak gewann, brachte wiederum Alcaraz zurück in die Partie. Er erholte sich und wurde wieder fitter. Hätte Zverev diesen vierten Satz schnell für sich entschieden, wäre die Ausgangslage im entscheidenden fünften Durchgang eine ganz andere gewesen. Aber auch so hatte Zverev, der nun am absoluten Limit gegen einen wiedererstarkten Alcaraz spielte, seine Chance: Er führte 5:3, bei 5:4 servierte er zum Match – doch am Ende gewann eben der Weltranglistenführende.
Nadal: „Zverev hatte das Match im Griff“
Für Toni Nadal hat das einen handfesten Grund, wie er in einem Interview mit der spanischen Hörfunksendung „Radio Estadio“ auf dem Sender „Onda Cero“ verriet: „Zverev hat ein mentales Problem. Er ist besessen vom Gewinnen.“ Nadal, der als neuer Tennis-Experte bei „Radio Estadio“ seit Jahresbeginn auftritt, begründete seine Aussage so: „Zverev hatte das Match im Griff, er hatte die Chance, den zweiten Satz zu gewinnen, und als er zum Matchgewinn aufschlug, wurde sein Aufschlag gebreakt. Sein bester Schlag ist sein Aufschlag. Er kommt im fünften Satz also zurück, um das Match zu gewinnen, und wieder scheitert er in diesem Moment.“
Toni Nadal
„El único que puede competir con Alcaraz y Sinner creo que es Zverev, si cambia ciertas cosas“ pic.twitter.com/tud7xcITeC
— Radioestadio Noche (@RadioestadioN) January 29, 2026
Für Nadal gibt es dafür nur eine Erklärung: „Er ist so ein gefährlicher Gegner (…), aber ihm fehlt etwas. Wenn Zverev gegen Alcaraz gewonnen hätte, hätte er wahrscheinlich auch das Finale gewonnen. Es würde ihn verändern, weil es ihm zusätzliches Selbstvertrauen gibt und den Druck nimmt, einen Grand Slam-Titel gewinnen zu müssen.“
Grundsätzlich hält Toni Nadal Zverev allerdings aktuell für den einzigen Spieler, der Alcaraz und Sinner gefährlich werden kann: „Er ist der Einzige, der ihnen – meiner Meinung nach – wirklich Paroli bieten kann.“
Das Potenzial Zverevs beschreibt er so: „Er hat eine großartige Ballkontrolle und einen sehr guten Aufschlag. Das habe ich ihm gesagt, als er 2025 zum Training bei mir war. Ich sagte ihm: ‚Schau mal, du hast diesen Aufschlag, wie viele Breaks werden sie dir in einem Match schon abnehmen? Zwei? Dann spiel viel aggressiver. Denn du bist nicht wie Rafael, der um jeden Punkt kämpfen musste. Du weißt, dass sie dir in einem langen Match zwei Breaks abnehmen werden, also musst du viel mehr Risiken eingehen.‘“
Nadal: „Zverev kann ihnen Paroli bieten“
Beim Blick auf den weiteren Saisonverlauf hält Nadal seinen Landsmann Alcaraz für den Favoriten auf die großen Titel – aus drei Gründen: „Erstens verfügt er über besondere körperliche Voraussetzungen, zweitens über sehr gute technische Fähigkeiten und drittens hat er Glück: Seine Gegner sind schwächer.“
Den letzten Punkt führte er weiter aus: „Ich sage das nicht, weil ich Rafael Nadals Onkel bin – ganz und gar nicht. Ich versuche, unparteiisch zu sein. Aber es ist klar: Früher spielten Rafael oder Djokovic gegen Del Potro, und wenn Del Potro einen guten Tag hatte, konnte er sie schlagen. Früher trafen Rafael und Federer auf Wawrinka oder Murray, und man wusste, dass man leiden würde und dass das Match kompliziert werden würde.“ Solche Gegner hätte Alcaraz momentan nicht; abgesehen natürlich von Jannik Sinner und – mit Abstrichen – Alexander Zverev.
Nadals Prognose: „Momentan kenne ich keinen jungen Spieler im Alter von 17, 18 oder 19, der schon jetzt Anzeichen dafür zeigt, die Nummer eins zu werden. Natürlich konkurriert Alcaraz mit Sinner. Bei Zverev muss man abwarten, wie sich die Halbfinalniederlage von Melbourne auf ihn auswirkt. Aber die anderen, die eigentlich dazugehören sollten, sind wie vom Erdboden verschluckt: Rublev, Tsitsipas, Medvedev.“
