Nach drei verlorenen Grand-Slam-Endspielen steht Alexander Zverev in Roland Garros vor der größten Chance seiner Karriere. Gegen Flavio Cobolli will er endlich den ersehnten Major-Titel holen.
Als Alexander Zverev am Freitag seinen Matchball gegen Jakub Mensik verwandelte, riss er die Arme nur kurz nach oben. Kein emotionaler Ausbruch, kein Triumphgeheul, keine Jubelorgie. Es war die Reaktion eines Mannes, der genau weiß, dass seine Arbeit noch nicht erledigt ist.
Ein Sieg fehlt noch. Er würde seine Karriere verändern und ihn von der Zuschreibung „Der Unvollendete“ befreien. Ein Sieg, auf den er seit mehr als einem Jahrzehnt hinarbeitet und der aus Alexander Zverev einen Grand-Slam-Champion machen würde.
Zverev im seinem vierten Grand Slam-Finale
Am diesem Sonntag steht der Hamburger zum vierten Mal in einem Grand-Slam-Finale (live ab 15 Uhr bei Eurosport). Die Niederlagen gegen Dominic Thiem bei den US Open 2020, gegen Carlos Alcaraz in Paris 2024 und gegen Jannik Sinner bei den Australian Open 2025 haben Spuren hinterlassen. Sie haben Zweifel genährt. Zweifel bei Experten, Fans und vielleicht zeitweise auch bei ihm selbst. Doch noch nie war der Weg zu einem Grand Slam-Titel für Zverev so frei wie 2026 in Roland Garros.
Zverev in der Favoritenrolle: Das Feld in Roland Garros ist offen wie nie
Preisgeld in Roland Garros 2026: Das verdienen Zverev & Co in Paris
Es war ein verrücktes Turnier in Paris: Jannik Sinner scheiterte bereits in der zweiten Runde. Novak Djokovic verabschiedete sich überraschend in Runde drei. Titelverteidiger Carlos Alcaraz trat gar nicht erst. Plötzlich war Zverev, der lange Schatten dieses Trios stand, der höchstplatzierte Spieler im Turnier. Und mit jeder Runde wuchs die Erwartung. Zverev, der Top-Favorit.
Mario Kart statt Meisterfantasien
In dem Moment, in dem Tennis-Deutschland beginnt, vom großen Triumph zu träumen, entschied sich Zverev dafür, ganz bei sich zu bleiben. Seine Pressekonferenzen wurden noch kürzer als üblich. Große Aussagen vermied er. Seine Standardaussage nach fast jedem seiner bisher überzeugenden Siege: „Ich lege den Fokus auf die Matches, die vor mir liegen. Das ist das Einzige, was ich kontrollieren kann.“ Als ein deutscher Journalist ihn nach den wichtigsten Stationen fragte, die ihn nun wieder ein Grand Slam-Finale geführt hätten, stöhnte Zverev nur: „Frag mich das am Sonntag nochmal!“ Stattdessen sprach er über Videospiele. Mario Kart statt Meisterfantasien. Druck? Den versuchte er wegzuschlafen und wegzuzocken. Bislang mit Erfolg.
Zverev grabs the early break 🦁#RolandGarros pic.twitter.com/GgFTUU4INZ
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Gegen den tschechischen Jungstar Jakub Mensik zeigte Zverev im Halbfinale erneut die Version seiner selbst, die er zu Beginn dieses Jahres erschaffen wollte. Nach vielen Niederlagen vor allem gegen Sinner und Alcaraz hatte er eine schonungslose Analyse vorgenommen. Zu berechenbar, zu defensiv, zu passiv lautete das Urteil. Zum Glück reife diese Erkenntnis bei ihm, jubelten Beobachter. Der alte Zverev vertraute oft darauf, dass sich seine Gegner selbst schlagen würden. Gegen die meisten Spieler funktionierte das. Gegen die Besten der Welt nicht. Deshalb begann ein Umbau. Er geht nun häufiger ins Risiko, übernimmt die Initiative, streut Stoppbälle und Netzangriffe ein. Es ist ein mutigerer Spieler geworden, der nur noch selten zögert. Dazu sein alles überragender Aufschlag, eine der besten Rückhände der Welt und eine Vorhand, die früher insbesondere in Crunch-Time-Momenten wackelig wurde, inzwischen aber enorm an Stabilität hinzugewonnen hat.
Über weite Strecken des Halbfinales war genau dieser neue Zverev zu sehen. Er dominierte Mensik, kontrollierte das Geschehen und führte bereits mit 2:0 Sätzen. Erst im dritten Durchgang tauchte noch einmal die alte Version auf: passiver, abwartender, anfälliger. Auch, weil Mensik nun wie befreit aufspielen konnte und sein bestes Tennis abrief. Aber im vierten Satz fing sich Zverev, übernahm wieder das Kommando und brachte das Match nach knapp drei Stunden sicher nach Hause.
Zverev: „Das ist ein Grand Slam-Turnier“
„Das ist ein Grand Slam-Turnier, damit muss man klarkommen“, sagte Zverev später. Was er meinte: In einem Best-of-Five-Match gibt es immer Höhen und Tiefen. Zverev verfügt inzwischen über soviel Grand Slam-Erfahrung, dass er sich nicht davon nervös machen lässt, wenn der Gegner plötzlich eine Stufe besser spielt. Er weiß genau, dass sich das in den nächsten paar Minuten wieder ändern kann. Hauptsache, er selbst bleibt bei sich und seinem Tennis. Dieses Mindset wirkte in Roland Garros bisher unerschütterlich.
Das war längst nicht immer und ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. Oft genug ist er am Umgang mit Druck, Rückschlägen und Erwartungen gescheitert. Doch nun bekommt er eine weitere Chance.
With little to separate the two it could come down to a battle of nerves…
Cobolli vs Zverev, for a first Grand Slam title ↘️#RolandGarros https://t.co/NLTpdxpmTq
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Im Finale wartet Flavio Cobolli. Der Italiener erlebt mit 24 Jahren das Turnier seines Lebens und steht erstmals in einem Grand Slam-Endspiel. Zverev führt im direkten Vergleich mit 3:1 Siegen und besitzt auf dem Papier Vorteile in nahezu allen Bereichen: Erfahrung, Aufschlag, Konstanz und Finalroutine. Doch genau darin liegt womöglich die Schwierigkeit.
Zum ersten Mal als Favorit in einem Grand Slam-Finale
Zum ersten Mal in seiner Karriere geht Zverev nicht als Herausforderer in ein Grand-Slam-Finale – sondern als Favorit. Die Tenniswelt diskutiert seit Tagen weniger darüber, ob er gewinnen kann, sondern ob er gewinnen muss. Das ist gewaltiger Unterschied. Die Frage ist, wie sehr sich Zverev davon beeinflussen lässt, dass er dieses Endspiel gegen Cobolli tatsächlich gewinnen muss. John McEnroe formulierte es drastisch: Sollte Zverev diese Gelegenheit nicht nutzen, wisse er nicht, ob jemals wieder eine bessere kommen werde.
Sascha is here 🫡#RolandGarros @AlexZverev pic.twitter.com/XgHVUlMqRW
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Tatsächlich ist die Ausgangslage historisch günstig. Kein Spieler seit Zverev selbst bei den US Open 2020 hat ein Grand-Slam-Finale erreicht, ohne auf dem Weg dorthin einen Top-20-Spieler schlagen zu müssen. Zudem trifft der Deutsche seit dem Achtelfinale ausschließlich auf Gegner, die jeweils erstmals in ihrer Karriere die entsprechende Turnierphase erreicht hatten – ein statistischer Sonderfall, der zuletzt Mats Wilander 1988 bei in Roland Garros widerfuhr. Aber das ist nur Statistik. Was nun zählt, ist die Fähigkeit, den letzten Schritt zu gehen.
In seiner Box wird am Sonntag auch seine Großmutter Natalia sitzen. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie nach Europa und begleitet ihren Enkel in Paris. Sie fiebert dort gemeinsam mit Bruder Mischa Zverev und dem engsten Familienkreis mit. Es wäre ein passender Moment für Stück Familiengeschichte – und auch für ein neues Kapitel deutscher Tennisgeschichte.
Bild: IMAGOFeuer und Flamme für ihren Enkel: Oma Zverev fiebert in der Box mit, wenn Alexander Zverev am Sonntag sein zweites Roland Garros-Finale bestreiten wird.
Ein Kapitel deutsche Tennisgeschichte
Denn seit Boris Beckers Triumph bei den Australian Open 1996 hat kein deutscher Mann mehr einen Grand-Slam-Titel gewonnen. In Paris wartet Deutschland sogar noch länger auf einen Champion. Der letzte deutsche Sieger bei den Herren hieß Henner Henkel – im Jahr 1937. Nach neun Jahrzehnte bietet sich Alexander Zverev nun die Chance, eine der längsten Durststrecken des deutschen Sports zu beenden.
Noch ein Sieg, ein Schritt. Noch einmal Nerven bewahren. Dann könnte aus dem ewigen Anwärter endlich der Grand Slam-Sieger werden, auf den er und der deutsche Tennissport so lange gewartet haben.