Spain’s Rafael Nadal reacts during his l

Wimbledon: Warum Rafael Nadal nur an Position 5 gesetzt wird

Von Tim Böseler

Vor dem Endspiel der French Open 2013 zwischen Rafael Nadal und David Ferrer machte eine Meldung die Runde, die mehr Zündstoff in sich barg, als das einseitige Finale. Während „Rafa“ seinen Landsmann nach Belieben dominierte, war längst klar, dass Nadal in der Weltrangliste hinter Ferrer bleiben würde unabhängig vom Ausgang des Endspiels. Nadal gewann 6:2, 6:3, 6:2, aber im Ranking verbesserte er sich nicht. Platz 4 für Ferrer, Platz 5 für Nadal. Was für sich genommen schon ein kleiner Aufreger war und erneut die Debatte um das Weltranglistensystem befeuerte, ist jetzt zu einer großen Diskussion in Tennisforen und sozialen Medien geworden, weil diese Platzierungen entscheidenden Einfluss auf die Setzung in Wimbledon haben. Es geht um die Frage: Darf ein Spieler vom Format eines Rafael Nadal beim wichtigsten Tennisturnier des Jahres in Wimbledon tatsächlich nur an fünf gesetzt werden, also hinter seinen Widersachern Djokovic, Federer, Murray und eben Ferrer?

Die Offiziellen in Wimbledon sagen: ja, man darf das! Sie gaben heute die Setzliste bekannt und Nadal, der 2013 schon sieben Titel holte und erst zwei Matches verlor, taucht erst auf Platz fünf auf. Vielen ist das auf den ersten Blick unverständlich. Wimbledon gilt nach wie vor als das etwas andere Turnier, bei dem auch die Setzliste nicht zwangsläufig den Gesetzmäßigkeiten des Tennis-Circuits folgt. Doch diese Vorstellung ist längst überholt.

Kaum nachvollziehbare Setzung bis 2000

Richtig ist: Früher genauer gesagt bis zum Turnier 2000 legte ein spezielles Komitee die Setzliste der Herren nach nicht immer nachvollziehbaren Kriterien fest. Rasenspezialisten wurden deutlich bevorteilt, Sandplatzexperten hatten das Nachsehen. 2000 zum Beispiel wurde der ewige Angreifer Patrick Rafter an Position 12 gesetzt, obwohl er nur die Nummer 23 der ausschlaggebenden Weltrangliste war. Er rückte dann bis ins Finale vor und verlor gegen Pete Sampras. Theoretisch hätte Rafter auch schon in Runde 1 auf Sampras treffen können, hätten ihn die honorigen Clubmitglieder nicht derart protegiert. Denn: 2000 wurden nur 16 Spieler gesetzt, nicht 32 wie heute. Viel Glück also für Rafter. Und viel Pech für seine spanischen Profikollegen: Alex Corretja und Albert Costa flogen von der Setzliste, obwohl sie damals in den Top 16 standen. Ihre Reaktion: Sie traten aus Protest in Wimbledon nicht an. Später erhielten sie populären Beistand, unter anderem durch Gustavo Kuerten, der 2000 die French Open gewann und am Jahresende die Nummer 1 der Welt wurde. Er drohte mit einem Wimbledon-Boykott für 2001 und hatte eine ganze Armada spanischer Sandplatzspezialisten hinter sich.

Wimbledon reagierte. 2001 führte es als erstes Grand Slam-Turnier 32 gesetzte Spieler ein. Und es sorgte für mehr Transparenz bei der Setzung. Wer sich die Mühe macht, kann sich seitdem selbst ausrechnen, wie die Setzliste aussehen wird. Die Reihenfolge ergibt sich aus einer dreistufigen Addition:

1. Alle Weltranglistenpunkte vom Montag vor Turnierbeginn (2013 ist das also der 17. Juni).

2. Alle Weltranglistenpunkte, die in den vergangenen 12 Monaten auf Rasen erzielt wurden (2013 kommen dafür in Frage: Queens/Halle 2013, Olympische Spiele 2012, Newport 2012, Wimbledon 2012, Rosmalen/Eastbourne 2012).

3. 75 Prozent der Punkte für das beste Resultat auf Rasen in den davor liegenden 12 Monaten (2013 sind das: Queens/Halle 2012, Newport 2011, Wimbledon 2011, Rosmalen/Eastbourne 2011).

Alle Werte werden addiert und schon steht die neue Setzliste fest. Für 2013 ergibt sich folgendes Szenario:

Novak Djokovic (ATP-Nummer 1):

1. Aktuelle ATP-Punkte: 11.830

2. Rasenpunkte 2012/13: 990 (4. Platz Olympische Spiele 2012: 270, HF Wimbledon 2012: 720)

3. Bestes Rasenergebnis 2011/12: 1500 (Sieg in Wimbledon 2011: 75% von 2000)

Insgesamt: 14.320 „Wimbledon-Punkte“ (Nr. 1 der Setzliste)

Andy Murray (ATP-Nummer 2):

1. Aktuelle ATP-Punkte: 8.560

2. Rasenpunkte 2012/13: 2.200 (Sieg Queens 2013: 250, Goldmedaille Olympische Spiele 2012: 750, Finale Wimbledon 2012: 1.200)

3. Bestes Rasenergebnis 2011/12: 540 (HF in Wimbledon 2011: 75% von 720)

Insgesamt: 11.300 „Wimbledon-Punkte“ (Nr. 2 der Setzliste)

Roger Federer (ATP-Nummer 3):

1. Aktuelle ATP-Punkte: 7.740

2. Rasenpunkte 2012/13: 2.700 (Sieg Halle 2013: 250, Silbermedaille Olympische Spiele 2012: 450, Sieg Wimbledon 2012: 2.000)

3. Bestes Rasenergebnis 2011/12: 270 (VF Wimbledon 2011: 75% von 360)

Insgesamt: 10.710 „Wimbledon-Punkte“ (Nr. 3 der Setzliste)

David Ferrer (ATP-Nummer 4):

1. Aktuelle ATP-Punkte: 7.220

2. Rasenpunkte 2012/13: 680 (Sieg in Rosmalen 2012: 250, AF Olympische Spiele 2012: 70, VF Wimbledon 2012: 360)

3. Bestes Rasenergebnis 2011/12: 135 (AF Wimbledon 2011: 75% von 180)

Insgesamt: 8.035 „Wimbledon-Punkte“ (Nr. 4 der Setzliste)

Rafael Nadal (ATP-Nummer 5):

1. Aktuelle ATP-Punkte: 6.895

2. Rasenpunkte 2012/13: 45 (2.R. Wimbledon 2012)

3. Bestes Rasenergebnis 2011/12: 900 (Finale Wimbledon 2011: 75% von 1.200)

Insgesamt: 7.840 „Wimbledon-Punkte“ (Nr. 5 der Setzliste)

2013 gibt es in den Top Five also keine Unterschiede zwischen den Weltranglistenpositionen und den Plätzen auf der Wimbledon-Setzliste. Für Nadal kommt zum Tragen, dass seine Ergebnisse auf Rasen im letzten Jahr zu dünn waren, als er in Wimbledon schon in der zweiten Runde ausschied. Hinzukommt seine Absage für Halle in diesem Jahr: Angenommen er hätte dort den Titel geholt, hätte das noch gereicht, um Ferrer in der Wimbledon-Setzliste zu überholen.

Es gibt noch Unterschiede zwischen Rangliste und Setzliste

Entspricht die Setzung in Wimbledon also nun komplett der Rangliste? Nein. Bestes Beispiel: Mikhail Youzhny, der Finalist von Halle, springt von 28 auf 20. Philipp Kohlschreiber macht zwei Plätze gut (von 18 auf 16), John Isner drei (von 21 auf 18). Die „Rasen-Formel“ zur Berechnung der Setzliste in Wimbledon kann also durchaus noch für Verschiebungen sorgen, aber unterm Strich hat sich die Setzung schon stark der Weltrangliste angeglichen.

Dabei steht in den Bestimmungen des „Official Grand Slam Rule Book“ vom Tennis-Weltverband (ITF) unter dem Punkt „Selection of Seeds“, dass „die Auswahl der gesetzten Spieler im Ermessen jedes einzelnen Grand Slam-Turniers liegt, wobei die neueste Weltrangliste das wichtigste, aber nicht das alleinige, Auswahlkriterium darstellt.“ Im Klartext: Wimbledon geht schon weiter als die anderen drei Grand Slam-Turniere, die sich ausschließlich an der Weltrangliste orientieren. Würden allerdings noch die Regeln von früher gelten, als sich Wimbledon noch wesentlich weniger um die Weltrangliste scherte, wäre Rafael Nadal an vier gesetzt worden. Die Zeiten sind aber nun endgültig vorbei.

Andy Murray könnte ein „Monster-Draw“ bekommen

Freitag kommt es zur Auslosung in Wimbledon. Man kann davon ausgehen, dass es dann den nächsten Aufreger geben wird. Nadal könnte als Fünfter der Setzliste schon im Viertelfinale auf Djokovic, Murray, Federer oder Ferrer treffen. Früher wäre das klar gewesen: Die Nummer 5 traf in der Runde der letzten Acht immer auf die Nummer 4. Wenn also Nadal auf Ferrer zulaufen würde, wäre das die fairste Lösung für das Wimbledon-Turnier 2013. Doch seit etlichen Jahren werden die Platzierungen der Gesetzen im Feld gelost. Feststeht nur noch, dass die Nummer 1 oben und die Nummer 2 unten stehen. Paarweise (3/4, 5/6, 7/8, etc.) werden im Anschluss daran die anderen gesetzten Profis jeweils einer Hälfte zugelost.

Gut möglich also, dass am Freitagnachmittag „Local-Hero“ Andy Murray, Nummer 2 im Feld, vor einem „Monster-Draw“ stehen wird. Viertelfinale: Nadal; Halbfinale: Federer; Finale: Djokovic. Spätestens dann wird die englische Presse eine Reform der Setzung in Wimbledon verlangen.

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