Rolex Paris Masters – Day Four

Mentalcoach Markus Hornig: „Zverev ist ein Sklave seiner Emotionen!“

Die Saison 2019 verlief für Deutschlands Nummer eins Alexander Zverev wie eine Achterbahnfahrt – sowohl sportlich als auch emotional. Woran liegt das? Betway Sport führte dazu ein Gespräch mit dem Mentaltrainer Markus Hornig, der Spitzensportler und Topmanager coacht.

Bei den ATP Finals vom 10. bis 17. November treffen in London die besten acht Tennisprofis der vergangenen Saison aufeinander. Welche mentale Voraussetzung muss man mitbringen, um dieses Turnier zu gewinnen? Hat Titelverteidiger Alexander Zverev aktuell die Einstellung, das Turnier zu gewinnen?
Markus Hornig: 
Seine Einstellung scheint aktuell nicht optimal. Er schafft es nicht, über einen längeren Zeitraum konstant zu spielen. Das ist aber der Schlüssel, um sich in der Weltspitze langfristig zu etablieren. Erschwerend kommt hinzu: Im vergangenen Jahr war Alexander Zverev bei den ATP Finals der absolute Außenseiter und hatte nichts zu verlieren. Jetzt ist er der Titelverteidiger und Gejagter und schon sieht das ganze Ding anders aus. Jeder im Sport weiß, dass es ungleich leichter ist, einen großen Titel zum ersten Mal zu gewinnen als diesen zu verteidigen.

In der einen Woche zieht Alexander Zverev ins Finale ein, in der nächsten scheidet er in der ersten Runde aus. Woran liegt das?
Markus Hornig: 
Tennis ist aus mentaler Sicht eine brutale Sportart. Du wirst permanent mit deinen Fehlern und Unzulänglichkeiten konfrontiert. Machst du einen Fehler, bekommt dein Gegner direkt den Punkt gutgeschrieben. Dazu ist Tennis technisch und koordinativ eine der anspruchsvollsten Sportarten überhaupt. Triffst Du den Ball nicht sauber, verliert er sofort an Qualität oder geht gleich ins Netz oder ins Aus. Und wenn Du verkrampft oder angespannt bist, überträgt sich das unmittelbar auf die Technik. Das Ballgefühl schwindet, der Schwung geht verloren, der Arm wird schwer, kurz: Du schaffst es nicht, Dein eigentliches Potenzial abzurufen, wenn der Kopf nicht mitspielt und negative Emotionen das Kommando haben. Dies scheint bei Zverev der Fall. Offenbar hat er seine Emotionen nicht im Griff und kann nicht gegensteuern. Seine Emotionen haben ihn unter Kontrolle und das ist das Fatale.

„Zverev hat zu Mentalstrategien keinen Zugang“

Was könnte Zverev tun, damit das besser wird?
Markus Hornig: 
Fakt ist: Tennis wird im Kopf entschieden! Selbstkontrolle und Psychoregulation sind von elementarer Bedeutung. Wenn ich dieses „innere Spiel“, das permanent im Kopf abläuft, nicht verstehe und beherrsche, nutzen mir die besten Schläge nichts. Federer war in jungen Jahren ein ähnlich hitziger Typ wie Zverev, hat sich aber früh auf mentaler Ebene weiterentwickelt und damit die Basis für seine außergewöhnliche Karriere gelegt. Auch Novak Djokovic ist ein Meister der mentalen Stärke. Er beherrscht die Kunst der Achtsamkeits-Meditation. Das heißt: Auch bei ihm kochen negative Emotionen und Gedanken hoch, er hat jedoch gelernt, diese vorbeiziehen zu lassen, indem er sich auf seine Atmung konzentriert und sich zur inneren Ruhe animiert. Ein unglaubliches Beispiel mentaler Stärke hat Djokovic im diesjährigen Wimbledonfinale vollbracht, in dem die Zuschauer bekanntlich ja größtenteils Federer unterstützen. Immer wenn diese „Roger, Roger!“ skandierten, drehte Djokovic das um und tat in seinem Kopf so, als würden sie „Novak! Novak!“ rufen.

Zverev ATP-Finals

TENDENZ FALLEND: 2019 rutschte Alexander Zverev Monat für Monat im Ranking ab. Positiv ist, dass er sich trotzdem für die ATP-Finals qualifizieren konnte.

Und Alexander Zverev macht das nicht?
Markus Hornig: Zverev scheint zu diesen Mentalstrategien offensichtlich noch keinen Zugang zu haben. Seine Doppelfehler-Orgien der letzten Monate sprechen Bände. Vielleicht hat er gegenüber diesem Thema eine latente Abwehrhaltung entwickelt, weil er in letzter Zeit scheinbar oft schlecht beraten wurde und jeder ihm mit anderen schlauen Tipps kam. Das Offensichtliche ist aber: Er ist Sklave seiner Emotionen und muss lernen, diese besser zu kontrollieren.

Ist es für seine Mentalität gut, dass er mit seinem Familienclan durch die Welt tourt?
Markus Hornig: 
Aus meiner Sicht verpasst er dadurch die Chance, Eigenverantwortung zu lernen. Denn eine sportliche Entwicklung bis an die Weltspitze verläuft immer parallel zur persönlichen Entwicklung. Wenn ich mich als Persönlichkeit weiterentwickeln will, funktioniert das nur, wenn ich Eigenverantwortung übernehme. Habe ich um mich herum aber nur Menschen, die mir alles abnehmen und alles von mir fernhalten wollen, damit ich mich auf mein Tennis konzentriere, dann ist das der falsche Weg: Ich muss selbst lernen, dass es im Leben Rückschläge gibt und ich mich Dingen stellen muss, die mir nicht unbedingt gefallen.

„Zverev hat sich in den letzten Monaten nicht weiterentwickelt“

Muss Zverev diese Eigenverantwortung noch lernen?
Markus Hornig: 
So sieht es momentan aus. Auch Boris Becker hat festgestellt, dass sich Zverev in den vergangenen 18 Monaten nicht weiterentwickelt hat. Das sieht man nicht nur an seinem Ranglistenplatz, sondern auch an seinem Spiel, das nicht besser geworden ist. Gerade jetzt muss er eigentlich Leistung abliefern, schafft das aber nicht – vor allem nicht bei den Grand-Slam-Turnieren. Das verstärkt natürlich den Druck. Man muss Zverev klipp und klar sagen: Nur du bist verantwortlich für dein Verhalten auf dem Platz.

Zur Person: Markus Hornig
Markus Hornig kommt ursprünglich aus dem Profisport. Bis Ende der 1990er-Jahre arbeitete er als Tennis-Profitrainer auf der ATP-Tour und war acht Jahre Bundesliga-Cheftrainer in Stuttgart, Hannover und Berlin. Namhafte deutsche Davis-Cup-Spieler wie Markus Zoecke, David Prinosil oder Bernd Karbacher gingen durch seine Hände. Von 2011 bis 2016 war er in seiner Funktion als Mentaltrainer Mitglied der Trainerteams der Frauenfußball-Nationalmannschaft maßgeblich mit am Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro beteiligt. Heute arbeitet er als Coach in Unternehmen, ist Privatdozent und Autor und unterstützt den LTTC Rot-Weiß Berlin bei der Entwicklung von Nachwuchsspielern.