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Alexander Zverev: „Sehe mich nicht als Superstar“

Alexander Zverev startet in der Nacht zum Mittwoch beim ATP-Turnier in Acapulco (Mexiko) gegen Alexei Popyrin. Es ist der erste Auftritt seit dem Achtelfinalaus bei den Australian Open.  Hier gibt es unser Print-Interview aus dem tennis MAGAZIN 1/2 – 2019 kostenlos online. Es wurde während der ATP-Finals in London geführt.

tennis MAGAZIN: Herr Zverev, die ATP-Finals am Ende des Jahres sind der Zeitpunkt für eine Bilanz: Waren Sie zufrieden mit Ihrer Saison?

Zverev: Das Jahr 2018 war insgesamt sehr gut. Das zweite Jahr in Serie unter den ersten fünf der Weltrangliste zu bleiben, war viel schwerer als das erste Jahr. Die Leute blicken intensiver auf mich als Spieler, die Gegner kennen mein Spiel besser. Ich habe es wieder in drei Masters-Finals geschafft, eins gewonnen. Darüber hinaus war ich bei den Masters mit einigen Halb- und Viertelfinals stabiler als 2017. Ich habe in meinen Augen auch besser bei den Grand Slams gespielt, vor allem Paris mit den drei Fünfsatzsiegen in Serie war der Wahnsinn wie die gesamte Sandplatz-Saison an sich.

tennis MAGAZIN: Was war Ihre größte Enttäuschung?

Zverev: Ebenfalls die French Open. Ich hatte einfach das Gefühl, über die gesamte Dauer der Sandplatz-Saison neben Rafael Nadal der beste Spieler gewesen zu sein. Wir haben die Turniersiege zwischen uns ein bisschen aufgeteilt. Deswegen dachte ich, ich bin für die French Open auf einem sehr guten Weg. Dann habe ich mich im Viertelfinale verletzt – leider! Das war enttäuschend in einem Moment, in dem ich dachte, ich spiele jetzt endlich auch bei einem Grand Slam gut und ich kann sehen, wie weit ich noch kommen kann. Ehrlicherweise hatte ich im Hinterkopf auch noch das Rom-Finale gegen Nadal, das sehr knapp war. Ein bisschen hatte ich mir erhofft, dass ich in Paris ein ähnliches Match bekomme, ob gegen Rafa oder einen guten Spieler wie Dominic Thiem. Schade, dass ich im entscheidenden Match nicht im Vollbesitz meiner Kräfte war.

tennis MAGAZIN: Sie haben mehrmals erwähnt, die Saison sei Ihnen zu lang. Können Sie sich Anpassungen an Ihren persönlichem Turnierkalender vorstellen?

Zverev: Ich bin mir noch nicht ganz genau über meine Planung im Klaren. Aber ich werde wieder die Turniere in München und die Gerry Weber Open in Halle spielen. Die Masters-Turniere sind sowieso Pflichttermine. Aber ich finde nicht, dass ich ein ausgewiesener Vielspieler bin. Ich habe zwar die meisten Matches gewonnen, aber nicht, weil ich jede Woche bei einem Turnier aufschlage. Ich habe mir gut ausgesucht, wann ich wo spiele und ich denke, das wird 2019 ähnlich aussehen wie dieses Jahr.

tennis MAGAZIN: Es wird viel darüber diskutiert, was Ihnen die Zusammenarbeit mit Ivan Lendel bringt. Provokant formuliert: Reicht für eine Verbesserung seine Aura?

Zverev: Seine Aura? Hundertprozentig. Wir reden ja
nicht die ganze Zeit über Tennis. Er redet eher viel über Golf – meistens mit sich selbst (lacht). Und die anderen müssen ihm zuhören. Das gilt auch für seine Witze, die er oft wiederholt. Als Persönlichkeit ist er ein unglaublicher Mensch. Wir mögen uns sehr. Ich höre ihm immer zu und er mag es auch, wenn ich ihn frage oder wenn ich ihm mal widerspreche. Er hat nämlich alles auf dem Schirm, alle Daten und Techniken auf seinem Computer. Ihm gefällt es sehr, dass er mir dann anhand der Daten zeigen kann, dass ich unrecht habe.

tennis MAGAZIN: Lendl, so wirkt es, ist Ihr Korrektiv auf dem Platz, Ihr direkter Ansprechpartner im Training, wenn er dabei ist. Über was sprechen Sie genau: Geht es auch um eine offensivere Position auf dem Platz?

Zverev: Er sagt mir das Gegenteil. Dass ich zu weit vorne stehe, weil ich groß bin und kein Djokovic oder Murray beim Return. Er sagt, ich benötige Platz, um meine Schläge generell ausführen zu können. Das ist das, was er mir speziell für die Returns mitgibt. Ansonsten geht es bei der Kommunikation nach Unterbrechungen im Training eher darum, was er bei einem Schlag gut oder weniger gut empfand und warum das so ist.

tennis MAGAZIN: In der Vergangenheit haben Sie auch mal eine Saison früh beendet, um einen längeren Fitness- und Kraftblock mit Ihrem langjährigen Fitnesscoach Jez Green einzubauen. Wie fangen Sie das jetzt auf, wenn Sie länger spielen? Wollen Sie überhaupt noch an Kraft zulegen?

Zverev: Jeder Spieler muss fortlaufend stärker und schneller werden. Ich wiege jetzt rund 90 Kilogramm. Das Gewicht muss ich auf dem Court mit mir herumschleppen. Ich werde daher nicht mehr viel Muskelmasse zulegen der Geschwindigkeit wegen. Da gilt es, die Balance zu finden und da hat Jez sehr viel Ahnung. Die Arbeit, die ich mit ihm in den vergangenen  Jahren bewältigt habe, hilft mir nun ungemein.

tennis MAGAZIN: Finden Sie, dass Deutschland einen zu hohen Anspruch an einen Weltklasse-Sportler stellt? Fühlen Sie sich gerecht bewertet?

Zverev: Nein, Deutschland hatte immer unglaubliche Sportler. Auch wenn die Fußball-WM bescheiden war, vor vier Jahren sind die Fußballer Weltmeister geworden und auch fernab vom Fußball haben wir viele Weltklasse-Athleten. Im Tennis hatten wir mit Steffi Graf und Boris Becker und Michael Stich absolute Ausnahmespieler. Wenn jetzt jemand wie ich in den Top 5 steht, ist das natürlich gut. Aber in Deutschland wird erwartet, dass dann mehr kommt und das auch durchaus schnell. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich erwarte das selbst. Niemand hat einen höheren Anspruch an mich als ich selbst. Aber ich verstehe, dass manches Zeit benötigt.

Alexander Zverev mit seiner Freundin Olga Sharypova auf der Players Party in Acapulco.

tennis MAGAZIN:Haben Sie mit 21 Jahren für sich schon eine Balance gefunden zwischen der Privatperson und der Person im öffentlichen Leben? Beispielsweise mussten sie nach dem Tsitsipas-Match in Montreal…

…(Zverev unterbricht die Frage) Zverev: Ja, dafür habe ich viel Kritik eingesteckt, für das, was ich da genau gesagt habe: Dass das Match scheiße war.

tennis MAGAZIN: Dass das Spiel und die Leistung lächerlich waren, haben Sie in der Pressekonferenz gesagt.

Zverev: Ja, dass das spielerische Niveau an sich in besagtem Match etwas lächerlich war. Und wenn ich jetzt mit Abstand zurückblicke, bleibe ich dabei. Ich will ein ehrlicher Spieler auf der Tour sein. Viele meiner Kollegen setzten sich in die Pressekonferenz und sagen: ‘Mein Gegner hat gut gespielt’ stehen wieder auf und gehen. Ich antworte ehrlich, ob ich persönlich gut oder schlecht gespielt habe. Nach meiner Niederlage gegen Hyeon Chung etwa in Australien habe ich gesagt: Er steht zwar nur auf Platz 50, aber er hat richtig gut gespielt. Und dann ist er ins Halbfinale gekommen. Nach dem Tsitsipas-Match habe ich empfunden, dass das Level nicht gut war und das habe ich so gesagt. Die Kritik habe ich vernommen. Um auf die Balance und die Frage zurückzukommen.

tennis MAGAZIN: Ja. Haben Sie für sich da einen Mix gefunden?

Zverev: Ich weiß nicht. Ich versuche, im persönlichen Leben derselbe Mensch zu sein wie bei öffentlichen Auftritten.  Ich versuche, nett zu sein und geduldig. Insbesondere dann, wenn ich mit Kindern zu tun habe. Ich verstehe schon, dass es für sie eine ganz besondere Bedeutung hat, wenn sie mich treffen oder mit mir ein paar Bälle spielen dürfen, oder generell mit einem Top 5-Spieler. Ich sehe mich selbst nicht als Superstar oder als besondere Person, die jeder anfassen möchte. Ich schätze aber sehr, wenn Kinder mir nahe kommen wollen und den Kontakt suchen.