Ion Tiriac

Ion Tiriac: „Die ITF ruiniert 120 Jahre Tradition”

Im Interview mit tennis MAGAZIN verrät Ion Tiriac, warum er Rafael Nadal bewundert und was er an Roger Federer nicht mag. Er wettert gegen die ITF und fordert größere Bälle.

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 9/2019

Der Mann scheint alterslos. 80 Jahre ist Ion Tiriac mittlerweile alt und wirkt erstaunlich fit. Als er in der 1980er-Jahren Boris Becker managte, kannte ihn die ganze Republik. Der Rumäne sitzt an diesem heißen Sommertag in Wimbledon unter einem weißen Sonnenschirm an einem Teakholztisch im Spielerbereich. Mit Tiriac einen Termin zu machen, ist fast unmöglich. Der Mann ist immer beschäftigt. Aber gerade ist die Gelegenheit günstig. Er ist allein, also spricht man ihn einfach an. „Ein kurzes Interview? Okay“, sagt er und deutet auf einen Stuhl neben ihm. „Nehmen Sie Platz in meinem Büro.“  

Herr Tiriac, Sie verfolgen Tennis intensiv. Sie sind Chairman des Masters in Madrid. Bei den French Open in Paris sieht man Sie jedes Jahr in Ihrer Loge sitzen… 

Die letzten zwei Jahre bin ich wieder näher dran. Davor habe ich mich zehn oder fünfzehn Jahre außerhalb des Tennissports bewegt, weil ich andere Geschäfte zu erledigen hatte. Aber vor zwei Jahren bin ich zurückgekommen, denn die Dinge im Tennis laufen nicht so, wie sie sollten.

Das klingt spannend, aber lassen Sie uns zuerst über die Next Gen reden. Spieler wie Stefanos Tsitsipas oder Alexander Zverev kletterten in der Rangliste nach oben. Was glauben Sie: Können sie in naher Zukunft Djokovic, Nadal und Federer schlagen oder ist es noch ein weiter Weg für die jungen Profis?

Ich bin seit 65 Jahren in dieser Sportart. Kaum einer in diesem Geschäft ist überhaupt so alt. Ich habe die Generation von Laver, Rosewall, Emerson und Stolle erlebt. Alle haben von diesen Spielern geschwärmt – von den Australiern, aber auch von den Amerikanern, bei denen ich mich nicht einmal an die Namen erinnern kann. Aber sie waren gut genug, um im Finale des Davis Cups zu stehen. Es gewannen immer die Australier oder die Amerikaner. Rumänien hat es 1969 mit Ilie Nastase und mir geschafft, in diese Liga einzudringen, in dem wir ins Finale einzogen. Das Entscheidende aber: Es gab immer Spieler, die nachrückten.

Die Diskussion ist also müßig?

Die Jungen verdrängen die Alten! Nach den großen Australiern kamen Jimmy Connors und Björn Borg, unglaubliche Spieler. Dann John McEnroe. Andre Agassi und Pete Sampras waren wieder eine andere Generation. Das waren fantastische Athleten. Und in den Zeiten von Nadal und Federer hat das Tennisbusiness noch einmal um eine Null bei den Einnahmen zugelegt. Genau wie bei Boris Becker zu seiner Zeit. Mit allem Respekt vor den anderen Nationen, aber die Tatsache, dass Becker Deutscher war, hat das Welttennis in eine andere Dimension gehoben.

Inzwischen ist Tennis global.

Ja, aber wir fragen uns immer noch: Wer ist der Nächste? Was kommt als Nächstes? 

Verraten Sie es uns.

Diese jungen Männer haben sicherlich gute Chancen. Zverev oder Tsitsipas können Champions werden, aber sie sind nicht die Einzigen. In diesem Jahr in Wimbledon, in einem Feld von 128 Spielern, waren vermutlich noch vier weitere Spieler, von denen wir noch nicht wissen, dass sie später Titel holen. Es ist genau das Gleiche bei den Damen. Die heutige Spielerinnengeneration ist viel schwächer als die der Herren. Die Ladies sind längst nicht so schillernd wie vor, sagen wir, sechs Jahren. Trotzdem gibt es gute Spielerinnen. Bei den Herren habe ich keine Zweifel, dass die Lücke nach Federer und Nadal wieder geschlossen wird. 

Aber Sie stimmen zu, dass die Fußstapfen gewaltig sind.

Federer und Nadal verdienen jede Anerkennung dieser Welt. Ich bin vor allem ein Nadal-Fan. Weil er der einzige ist – nein, nicht der einzige, aber einer der wenigen , die mit den Füßen fest auf dem Boden stehen. Seine Persönlichkeit ist pure Hingabe an den Sport. Selten findet man einen solchen Athleten. Was die kommenden Spieler angeht, da mache ich mir keine Sorgen. Klar, das vergangene Wimbledon war ein Desaster für die nächste Generation. Sie haben alle früh verloren. Aber so etwas passiert. 

Nadal und Djokovic waren schon als Teenager ganz oben. Brauchen die jungen Spieler heute mehr Zeit? Machen sie Fehler? 

Der Fehler liegt im System. Das System verbietet es dir als sehr jungem Spieler, bei großen Turnieren anzutreten. Um bei einer Qualifikation eines 250er-Turniers dabei zu sein, musst du zu viele Stufen nehmen. Dieses Problem muss repariert werden, aber ich frage mich von wem. Die ITF ist die größte Schande und das größte Problem, das Tennis je hatte. Wir reden über einen Sport, der weltweit die Nummer zwei ist, außer in den USA. In Europa steht Tennis auf Platz zwei hinter Fußball, in Südamerika auf Platz zwei hinter Fußball. Vielleicht ist Tennis in Asien die Nummer eins. Es braucht Führung, aber es gibt keine.

Wie lautet Ihre Lösung?

Das System muss geändert werden und man muss den jüngeren Spielern mehr Unterstützung entgegenbringen, sodass sie im Wettbewerb bestehen können. Man muss U18-Spielern Wildcards geben, entweder direkt oder für die Qualifikation. Klar gibt es viele Challenger, aber das Niveau der Challenger ist geringer. Sie können nicht mit den ATP-Turnieren mithalten. Früher schaffte es Ferrero einmal, die Juniorenkonkurrenz zu gewinnen und beim gleichen Turnier bei den Herren im Viertelfinale zu stehen.

Sie geben der ITF die Schuld an der Misere?

Ich gebe nicht der ITF die Schuld – ich nenne das, was die ITF gemacht hat, Majestätsbeleidigung. Sie sollten dafür lebenslänglich verurteilt werden. Was sie mit dem Davis Cup und dem Fed Cup veranstalten, kann man nicht mit ansehen. Sie ruinieren 120 Jahre Tradition. Nur für Geld. Was hat das mit Sport zu tun? Es ist das Lächerlichste, das ich je erlebt habe. Wie sollen Umkleideräume für 18 Teams aussehen, wenn sie das neue Davis Cup-Format in Madrid spielen? Diese Leute sind krank im Kopf. Die haben noch nie einen Tennisball geschlagen. Sie hören auf niemanden. Nicht auf unsere Generation, die mehr Davis Cup gespielt hat als jeder andere. Ehemalige Spieler wie Pietrangeli, Santana, Nastase, Orantes und ich. Und was macht die ITF? Sie verspricht nationalen Verbänden Geld, damit sie für ihre Reform stimmen. Sie verteilt hunderttausend Dollar hier, hundertausend Dollar da. Aber es ist nicht transparent. Man sollte uns wissen lassen, wer wie abgestimmt hat.

Meinten Sie das, als Sie anfangs davon sprachen, dass die Dinge nicht so laufen, wie sie sollten? 

Ja, aber das ist nicht das Einzige. Es gibt die ITF, die Grand Slams, die ATP und WTA. Es ist nahezu unmöglich, eine Entscheidung zu treffen. Wir stimmen alle zu, dass das Spiel zu schnell geworden ist. Es ist wie ein Schieß-Wettbewerb. Früher gab es einen Manolo Santana, der hat dreimal in Folge einen Stoppball gespielt, der über das Netz zurücksprang. Die Leute auf der Tribüne raunten „Jesus Christ“. Ich habe es dann sechs Monate geübt, damit ich es einmal in meinem Leben schaffe. Die Zuschauer haben sich mit Santana identifiziert. Heute tun sie das nicht mit den Spielern. Aber es ist weltweit der zweitbedeutendste Sport. Wir haben eine unglaubliche Technologie, um Matches im Fernsehen zu zeigen, besser als bei den meisten anderen Sportarten, aber der Funke springt nicht über.

Wie sollte man das Spiel ändern?

Seit 25 Jahren sage ich, es gibt keine Chance, dass wir den Spielern die Schläger wegnehmen. Würden sie wieder mit Holz spielen, müsste jeder nach einer halben Stunde ins Krankenhaus, weil er sich den Arm brechen würde. Der zweite Punkt ist der Spieler selbst. Er ist im Schnitt mindestens fünf Zentimeter größer als früher. Aber man kann seine Beine nicht kürzen. Das Einzige, was man tun muss: den Ball um 25 Prozent vergrößern. Das würde das Problem lösen. 

Sollte man die Beläge ändern?

Da kann man nichts dran ändern. Ich hasse Hartplatz. Es ruiniert deine Gelenke. Aber die US Open werden immer auf Hartplatz gespielt werden. Und Wimbledon wird vermutlich für immer überleben. Aber darum geht es nicht. Es existiert kein Sport mehr! Pierre de Coubertin (der Erfinder der Olympischen Spiele der Neuzeit; d. Red.) ist seit Jahrhunderten tot. Es geht nur noch ums Geld. Ich hasse denKommunismus. Ich habe in diesem System gelebt, aber wenn ein Erstrundenverlierer in Wimbledon 50.000 Pfund bekommt, dann stimmt etwas nicht. Ich will nicht über meine Zeit reden – als ich 1970 mit Nastase die French Open gewann, bekam ich hundert Dollar –, aber ich frage mich: Wo sind die Grenzen? Auch was Fußballspieler verdienen, ist nicht normal. 

Zurück zu Federer, Nadal und Djokovic. Wird Tennis in ein Loch fallen, wenn sie verschwinden?

Es existiert kein Loch. Im Feld bei einem Grand Slam werden immer 128 Spieler stehen. Sie werden Tennisbälle schneller oder langsamer schlagen, aber es wird immer Spieler geben.

Werden die Stars fehlen?

Was ist für Sie ein Star? Wissen Sie, wer für mich ein Star war? Nastase! McEnroe war einer, auch Connors. Borg war zu still, um ein Star zu sein. Kann man Federer mit irgendjemandem vergleichen? Nein. Federer schreibt sein eigenes Buch über Tennis. Aber ich würde mir wünschen, Federer würde klarer Missstände benennen. Selbst Nadal prangert die Probleme im Tennis mehr an.  

Und Djokovic?

Djokovic kommt aus einem sehr kleinen Land. Er war viel hungriger als andere. Er verdient Respekt für das, was er geschafft hat. Ich weiß aber nicht, was er politisch erreichen will. Ich verstehe es nicht.

Ion Tiriac spricht an, dass Novak Djokovic in seiner Funktion als Spielerpräsident mit dafür gesorgt hat, dass ATP-Chef Chris Kermode am Jahresende seinen Posten räumen muss. Ausführen kann er es nicht mehr – der nächste Termin wartet. Audienz beendet.