Dominik Köpfer

Jugendtrainer über Dominik Koepfer: „Sein Weg war ungewöhnlich, aber richtig“

Dominik Koepfer steht in Wimbledon zum ersten Mal im Hauptfeld eines Grand Slam-Turniers und spielt in der ersten Runde gegen den Serben Filip Krajinovic (Dienstag, live auf Sky). Sein Jugendtrainer Oliver Heuft erinnert sich an seinen ungewöhnlichen Weg zum Tennisprofi.

Aus einem Vereinsspieler zum College und dann nach Wimbledon. Der Weg des Dominik Koepfer ist ein ganz besonderer und zeigt, dass es den einen Weg, den Königsweg, auf dem Weg nach oben nicht gibt. Er macht aber auch Mut, dass man mit solidem Basistraining den Nährboden bereiten kann für das ganz große Tennis. tennismagazin.de sprach mit Oliver Heuft, der gemeinsam mit Jürgen Müller 20 Jahre lang bei BW Villingen für die Basisausbildung verantwortlich war und Dominik Koepfer lange trainiert hat. 

Herr Heuft, in seiner Jugend bei BW Villingen war Dominik ein sehr vielseitiger Sportler, der ausschließlich Medenspiele und Verbandsmeisterschaften gespielt hat. Ab wann war Ihnen klar, dass eine Profikarriere für Dominik Koepfer Sinn macht?

Ich möchte noch ergänzen: Mit 16 war er deutscher Vizemeister, er spielte praktisch keine TE- und ITF-Turniere in der Jugend. In den Ranglisten rangierte er eher unter ferner liefen. Nach dem Abitur kam der Wechsel ins College. Nach vier Jahren Tulane University (New Orleans) schloss er das Studium erfolgreich ab, war US-Hallenmeister und die Nummer eins der College-Rangliste. Dann erfolgte der Wechsel ins Profilager.

Ein ungewöhnlicher Karriereverlauf für einen Tennisprofi.

Ja. Um zur Frage zurückzukommen. Zum Ende seiner Collegezeit und dem bevorstehenden Abschluss seines Studiums hielt ich es für sinnvoll, mit dem Profitennis zu starten. Sein Vater Thomas und Dominik baten Jürgen Müller und mich zum Gespräch, was wir darüber denken. Unter der Voraussetzung, dass er sich eine gewisse Mindest-Zeitspanne von zwei Jahren gibt, konnten wir das empfehlen. Zum ersten Mal in unserer Trainerkarriere übrigens.

Warum zum ersten Mal? Gab es noch keine anderen Spieler bei Ihnen, die das drauf gehabt hätten?

Doch. Aber wir sind als Schwarzwälder nicht sehr schnell bei der Hand mit diesen Empfehlungen.  Wir haben nichts übrig für dieses „Alles oder nichts“-Prinzip, also quasi alles früh auf eine Karte zu setzen. Meine Auffassung für den Job des Aufbautrainer ist es, die Kinder und Jugendlichen so auszubilden, dass sie später einmal gegen Ende ihrer Jugendzeit zumindest eine gewisse Entscheidungsfreiheit und eine solide technische, motorische und athletische Basis haben. Der gute Schulabschluss muss immer klar im Fokus sein, parallel dazu die sportliche Ausbildung. Alles andere wäre verantwortungslos. Vernünftige Eltern wollen das auch nicht anders. Genau so wurde auch Dominik Koepfer ausgebildet. Eine Entscheidung, Profi zu werden, kann man meines Erachtens nur dann tragfähig treffen, wenn sich diese Entscheidung durch gewisse Entwicklungsprozesse aufdrängt und alle Informationen der unterschiedlichen Trainer gesammelt werden und dann zu weiteren Entscheidungen reifen. Unser Freund und Trainerkollege Edgar Giffenig hat einmal einen guten und sehr weisen Blog gepostet, den Jürgen Müller und ich zu hundert Prozent bestätigen können: „You do not choose to be a professional player, it chooses you!”

Was machen Sie denn mit Spielern, die davon träumen, Profi zu werden? Reden Sie es Ihnen aus?

Sehr junge Spieler formulieren das ja nicht so. Sie wollen so wie ihre Vorbilder werden, das hat mit Berufswunsch ja erst mal gar nichts zu tun. Den Traum zu haben, ein toller Tennisspieler zu werden, ist doch völlig okay. Und das Ziel zu haben, in den ersten Mannschaften zu spielen ist doch auch schon ziemlich hoch. Aber mit Tennis seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Ganz ehrlich, die Nummer 150 der Welt im Golf verdient siebenstellig. Im Tennis? Ich glaube nicht, dass die mit ihren Ausgaben im Plus sind. Aber diese Diskussion ist ja jetzt durch das veränderte Reglement der ITF voll im Gange. Ganz nebenbei, ich habe nie ein Problem damit, wenn junge Spieler ihre Ziele äußern, solange es nicht die Eltern sind, die das tun.

Dominik Köpfer

Sie waren in Villingen für die frühen Jahre bis 14 für Dominiks Ausbildung verantwortlich. Was hat ihn ausgezeichnet? War schon früh zu erkennen, was da entstehen könnte?

So was wie in der Art: „Ich habe schon immer an sein besonderes Talent geglaubt”, „ich wusste vom ersten Schlag an, was in ihm steckt”, „mir war klar, dass das mal ein Großer wird” – Quatsch. Ganz ehrlich? Dominik wurde von mir genau wie von vielen anderen Trainern an der Basis nach soliden DTB-Trainingsrichtlinien trainiert. Ich war für die ersten Jahre von 7 bis 14 verantwortlich, dann übernahm ihn Jürgen Müller. Junge Spieler sollten aus meiner Sicht in Deutschland zuerst in einem funktionierenden Clubsystem aufwachsen. Sie brauchen vielfältige Trainingsreize, unterschiedliche Trainingspartner, Teamwettkämpfe, auch andere Sportarten und eine solide athletisch-motorische Grundlage. Dann sollten sie auch früh in die aktiven Mannschaften integriert werden. Je näher die zweite Herrenmannschaft an der ersten liegt, desto leichter der stufenlose Übergang. Sein erster Einsatz war mit 16 in der zweiten Herrenmannschaft, die in Villingen zu dieser Zeit in der Oberliga spielte. Direkt eine unter der ersten Mannschaft (Badenliga). Das war ideal für das „Anfüttern”. Ein Jahr später stand dann mit 17 seinem Einsatz in der Badenliga nichts mehr im Wege.

Also auf Medenspiele setzen?

Unbedingt! Nichts ist für die Grundausbildung besser geeignet als die Medenspiele und ein gutes Clubsystem. Dominik zum Beispiel hat das geliebt. Er ist ein Teamspieler – genau so ist er auch aufgewachsen. Auch wir Trainer sind Teamplayer, wir haben das vorgelebt. Den Eltern empfehlen wir das ebenso, früh Allianzen zu bilden und im Team Turniere zu bereisen oder sich auch abzuwechseln. Das nimmt Druck und entspannt auch die finanzielle Situation ein wenig.

Funktioniert das denn?

Das hängt davon ab, inwieweit Eltern das auch zulassen. Dieses ständige sportart-spezifische Duellieren, der Kampf Mann gegen Mann, verführt Eltern dazu, selbst in dieses Schema abzugleiten und alle nur noch als direkte Konkurrenten zu sehen. Als ich in Villingen 1993 als Trainer begann, machte ich als Leiter der Talentfördergruppe (damals nannte man das so) in den ersten drei Jahren mit 25 Kindern eine vierwöchige Turnierreise. Esslingen, Waiblingen, Detmold, dann die besseren Kids noch Brühl und am Schluss Baden-Baden. Ich nahm fünf Eltern mit großen Fahrzeugen mit. Die Bedingung: Keiner der Väter oder Mütter durfte sein eigenes Kind betreuen. Diese Erfahrung war Gold wert, für die Eltern, die Kinder und für mich. Jeden Abend um 22 Uhr kamen wir wieder zusammen und die Eltern erzählten bis nach Mitternacht von ihren Erlebnissen mit – wohlgemerkt – anderen Kindern. Dieses gelebte Teamplay hat mich geprägt und sicher dann auch die Art und Weise, wie ich Eltern und Spieler danach betreut habe. Von Tenniseltern wird soviel verlangt, ich habe sie immer in die Prozesse mit einbezogen.

Haben Dominiks Eltern das zugelassen?

Die Eltern von Dominik waren sicherlich des Trainers Traum: zurückhaltend und unterstützend. Sie haben sich nie eingemischt und haben uns machen lassen. Vielleicht liegt das auch an einem grundsätzlichen Ur-Vertrauen. Die ganze Familie, Eltern, Schwester, Tante haben in Blau-Weiß Villingen in Mannschaften gespielt, durchaus auch hochklassig. Sie wussten, was wir tun. Aber eine Message für Eltern kann man sich aus der „Koepfer“-Story herausziehen.

Welche wäre das?

Ruhe zu bewahren. Ab 18 geht’s erst richtig los. Eltern müssen nicht in Panik verfallen, wenn es in der Jugend mal nicht so rund läuft. Es geht nicht darum, Ergebnisse anzuhäufen. Ab 18 sind Jahrgänge egal. Wenn die Spieler erwachsen werden und das richtige Tennis los geht, dann müssen die Trainingsumfänge verdoppelt, teilweise sogar verdreifacht werden. Wie soll das gehen, wenn Kinder schon täglich 2-3 Stunden trainieren? Vielmehr geht es darum, den Spielern klar zu machen, „intensiv“ zu trainieren, nicht unbedingt viel – Qualität vor Umfang! Ein Top-Spieler hat beides: hohe Umfänge mit einer hohen Intensität. Das geht erst, wenn die Spieler ausgereift sind. Schauen Sie sich das gestiegene Durchschnittsalter der Tour an. Das sagt doch alles.

Das hört sich gut an, aber ist nicht immer leicht umzusetzen, oder?

Klar, das Thema Förderung hängt immer wie ein Damoklesschwert über den Eltern. Aber wie man in Dominiks Fall sieht, der wirklich nicht übermäßig viel Förderung genossen hat: es ist wichtig, sich einen guten Club zu suchen. BW Villingen ist zwar besonders, aber kein Einzelfall. Ich kenne viele Clubs und Trainer, die genauso arbeiten wie wir. In Dominiks Fall haben sich einfach viele Faktoren in der richtigen Reihenfolge begünstigt. Aber allen voran steht seine unglaubliche Leistungsmotivation und sein Einsatz. Und vergessen wir nicht die entscheidendsten aller Faktoren: Glück und Gesundheit.

Lassen Sie uns zu seinem weiteren Weg zurückkommen, die Zeit nach dem Verein. Ist es ihm leicht gefallen, in die USA zu gehen?

Ich erinnere mich noch genau an diese Tage kurz vor seiner Abreise in die USA, als ich ihm Tim Gallweys „Inner Game of Tennis“ in die Hand drückte und mein Kollege Jürgen Müller das Training abbrach, weil sich „Donne”, wie wir ihn nennen, mal wieder selbst heruntergeputzt hat. Sein Anspruch an sich selbst war so hoch, dass es ihm unmöglich war, diesem gerecht zu werden. Seine Frustrationstoleranz tendierte unter null. Jürgen verbrachte den Rest der Trainingseinheit mit ihm auf der Bank. Uns allen war klar, entweder Donne ist in 14 Tagen wieder zurück in Deutschland oder er nimmt dem Kampf mit sich auf und setzt sich durch.

Aber er hat ihn angenommen.

Oh ja, das hat er.

Wie groß ist Ihrer Meinung nach der Anteil vom Collegetennis an seinem jetzigen Erfolg?

Den kann man nicht hoch genug einschätzen. Head-Coach Marc Booras und das College in Tulane haben aus ihm auf jeden Fall einen Athleten gemacht.

Wie wurde die Entscheidung für Tulane getroffen?

Wir nahmen mit unserem Freund und Trainerkollegen Edgar Giffenig in den USA Kontakt auf, der selbst College-Coach war. Einer seiner Spieler war Marc Booras, jetzt selbst Head-Coach bei Tulane. Als Dominik 2013/ 2014 entschied, sich für Colleges zu bewerben, stand er in der deutschen Herrenrangliste auf Position 525. Da kann man sich das College nicht aussuchen. Vor allem nicht eine Adresse wie Tulane.

Ein schwieriges Thema, oder? Förderung und Rangliste …

Das hat auch Dominik betroffen, nicht nur wegen der College-Bewerbung. Jürgen Müller als sein Stützpunkttrainer hat ihn teilweise in der Jugend im Verband wie Sauerbier anbieten müssen, weil sein Ranking nicht gut war. Den Trainern sind da oft die Hände gebunden. Und dann wird er auch noch deutscher Vizemeister U16 mit zwei Trainingseinheiten pro Woche. Konnte ja eh keiner glauben.

Was heißt das für die Förderung im Allgemeinen?

Mir ist völlig klar, dass man einen derart großen Tanker, wie die Förderung der Masse an jugendlichen Turnierspielern in Deutschland nur mit eindeutigen Regularien steuern kann. Und die einfachste Lösung ist natürlich eine Rangliste. Das Problem ist nur, jugendliche Tennisspieler werden genau in diese Spirale hineingezwungen, viele Turniere spielen zu müssen, um in der Rangliste zu steigen. Über die Rangliste werden die Förderungen und Kaderzusammenstellungen bestimmt. Die Spieler handeln also häufig gegen die Altersempfehlungen aus der Sportwissenschaft und haben dann mit 18 so viel Training und Wettkämpfe auf dem Buckel, dass sie den Umfang gar nicht mehr groß steigern können. Das ist meine Wahrnehmung, aber sicher auch nicht nur rein auf diese Sportart bezogen.

Dominik Köpfer

Was wäre denn besser?

Ein Kollege von mir hatte einmal die Idee eines Player Performance Tests, der gewisse athletische, motorische und tennisspezifische Faktoren abfragt. Neutral und unabhängig, ähnlich wie der bekannte FMS (Functional Movement Screen). Aber in der Umsetzung aufwendig und vermutlich unbezahlbar. Aber sicher gerechter. Was sagt denn eine Ranglistenposition aus? Die tatsächliche Spielstärke? Das ist das erste, was ich den jungen Spielern – so auch Dominik – beigebracht habe: Schaut nicht auf die Ranglistenposition, beurteilt euren Gegner danach, was er jetzt gerade drauf hat. Wenn er beim Einschlagen keinen Schmetterball trifft oder noch besser, gar keine will (alles schon erlebt), dann locke ihn ans Netz und überlobbe ihn. Wenn er auf einen Slice mit seinem starken Vorhandgriff mit dem Rahmen trifft, dann halte dann Ball flach und spiel den Slice so oft es geht. Spieler, die schon vor der Ranglistenposition ihres Gegners erzittern, bemerken manchmal nicht mal, dass der Gegner Linkshänder ist. Auch das habe ich schon mehrfach erlebt.

Ihr Fazit aus dieser Diskussion?

Ranglistenpositionen im Jugendtennis suggerieren Spielstärke und Leistungsvermögen. Das korreliert jedoch nicht immer.

Um noch mal auf die Verpflichtung mit Tulane zurückgekommen. Was hat denn dann den Ausschlag gegeben, nachdem es ja sein Ranking nicht sein konnte?

Zuallererst sicher die persönliche Einschätzung von Marc Booras (Headcoach von Tulane) der erste Eindruck, den Dominik im Probetraining in Tulane hinterlassen hat und auch die Gespräche mit seiner Familie. Sicher war es nicht zu Dominiks Nachteil, dass Edgar und ich Marc berichten konnten, dass er noch viel Luft nach oben hatte, eine große Affinität zu Athletik und Fitness hat und ein totaler Teamplayer ist. Unterm Strich war das trotzdem ein ganz schönes Risiko, das Tulane damals eingegangen ist.

Aber das hat sich ja richtig gelohnt.

Ich würde sagen der Pick des Jahrzehnts! Von der Nummer 6 im Team zur Nummer 1, US College-Hallenmeister und Nummer 1 der Rangliste. Dominik hat Tulane das mit seinem Einsatz und seiner Performance mehr als zurückgegeben. Er kann so unglaublich hart trainieren und Marc Booras hat definitiv auch die richtigen Inhalte gewählt.

Aber der Club BW Villingen hat nach dem Weggang gelitten, oder?

Eines ist klar, es sind niemals nur „Deine“ Spieler. Wenn du als Trainer oder Club so denkst, dann führt das irgendwann zu einem ungesunden sozialen Druck. Der Spieler fühlt sich verpflichtet. Das ist kein guter Nährboden. Für Jürgen Müller und mich galt immer der Grundsatz: Spieler, die uns wichtig waren, sollten immer wieder zurückkommen können.

Das Glück des Spielers als Maxime?

Spieler, die man glücklich sehen möchte, muss man manchmal auch loslassen. Es kommt der Tag, an dem du ihnen nicht mehr das geben kannst, was sie brauchen. Ich weiß, dass viele Trainer den Traum hegen, einen Spieler vom ersten Schlag bis ins Profilager und dem ersten Grand Slam-Turnier zu betreuen. Aber in meinen Augen ist das eine Illusion und funktioniert eigentlich fast nur bei Eltern, die beide Funktionen haben. Und auch dann nur extrem selten.

War Profitennis nicht auch einmal Ihr Traum oder der Kollegen in Villingen?

Dieses System aufzubauen, am Leben zu halten, kostet so viel Zeit, Energie und vor allem eines: ständige Präsenz. Wenn du als Club- oder Stützpunkttrainer deinen besten Spieler auf der Tour betreust, lässt du dein System im Stich und riskierst eine Menge. Was ist, wenn der Spieler mit dir als Trainer nicht erfolgreich ist und du zuhause gebraucht wirst, von anderen Spielern, die ebenfalls deine Expertise brauchen? Mal von Familie, Kindern oder finanziellem Druck ganz abgesehen. Jeder Spieler mit einer gewissen emotionalen Intelligenz spürt auch diesen Druck. Er spielt irgendwann dann nicht nur für sich, sondern auch für dich. Um zu orakeln, dass das nicht gut gehen kann, muss man nicht Psychologie studiert haben.

Der Spagat funktioniert nicht?

Ich bewundere Trainer, die es über Jahre geschafft haben, ihr System zuhause – egal, ob Club oder Academy – am Laufen zu halten und trotzdem viel unterwegs sind. Aber ich bin sicher, dass da immer was auf der Strecke bleibt. Unterm Strich: entweder Basistrainer oder Tour-Trainer.

Gibt es so etwas wie Heimatverbundenheit bei Profis?

Bei vielen ganz sicher. Es kommt sicher darauf an, wie man aufgewachsen ist. Das wichtigste ist, dass Spieler immer eine sportliche Heimat haben. Auch wenn sich Spielerstationen in Karrieren ändern können, so muss es doch eine Heimat geben, die immer da ist. Gerade dann wenn’s nicht optimal läuft. Nennen wir es einmal „Ursuppe”. In Dominiks Fall ist seine Ursuppe sicher BW Villingen und die TennisGate Tennis- und Ballschule.

Haben die Spieler noch Kontakt zu ihm?

Sie müssen mal sehen, was in den Villinger WhatsApp-Gruppen los ist, wenn er spielt. Das Leben eines Profis kann ziemlich einsam werden. Vielleicht nicht gerade jetzt, bei diesem Trubel um ihn nach seiner erspielten Wildcard fürs Wimbledon-Hauptfeld und sein Saddlebrook-Team mit allen Spielern da ist. Viele Turniere spielt er allein und muss sich vor Ort um alles selbst kümmern: Anreise, Hotel, Trainingsplätze, Trainingsprogramm, Hitting-Partner. Da denke ich, dass es ihm sicher guttut, immer Kontakt zur Basis zu haben. Und Basis ist nicht nur die Ursuppe Villingen, sondern auch die Spieler von Tulane, sein dortiger Coach Marc Booras und auch sein aktuelles Saddlebrook-Team.

Was glauben Sie, hat zu seinen jüngsten Erfolgen beigetragen?

Er ist jetzt bereit, genau daran zu arbeiten, wo es wehtut. Donne hat bisweilen ein hitziges Gemüt, putzt sich herunter, geht mit sich sehr sarkastisch um. Schon seit seiner Jugendzeit. Meine Meinung ist, dass man seinen Charakter hat und diesen auf keinen Fall verleugnen kann – und auch nicht darf. Im Gegenteil, man muss lernen, damit richtig umzugehen. Man soll sich nicht verbiegen, muss ehrlich sein zu sich selbst und seine Energie richtig leiten. Da braucht es Fachleute, die das angehen. Was mich stolz macht – für ihn, nicht für mich – ist die Tatsache, dass er mit Experten an seiner mentalen Einstellung arbeitet und wer das Turnier in Ilkley (Rasen-Challenger vor Wimbledon, bei dem der Sieger eine Wildcard für Wimbledon bekommt; d. Red.) mitverfolgt hat, weiß, was ich meine. In sich ruhend, auch in engen Situationen und sogar mit Matchball gegen sich. Und das bei dem, was auf dem Spiel stand, nämlich die Wildcard in Wimbledon – Mann o Mann!

Ist es auf dem Niveau normal, dass man mit Sport-Psychologen arbeitet?

Für Berufssportler? Machen sicher einige, aber beileibe nicht alle. Von den meisten erfährt man es auch nicht. Bis zu einem gewissen Maß können auch sozial kompetente und emotional geschickte Tennistrainer wertvolle Arbeit leisten. Aber wenn es um die Sahne geht, die Top 100, und du als Spieler genau weißt, dass es in engen Situationen um die paar Prozent geht, die deiner Performance noch im Wege stehen? Dann ist es schon sträflich leichtsinnig, sich nicht Fachleuten anzuvertrauen. Dominik hat das erkannt und gehandelt. Du weißt nie was kommt und wie alles endet, aber eines fand ich als Trainer schon immer unschön: Wenn klar erkennbares Potenzial nicht ausgereizt wird. Wenn man als Spieler auf seine Karriere zurückblickt und erkennen muss, dass man nicht bereit war, alles zu versuchen.

Aber das garantiert ja trotzdem keinen Erfolg.

Man kann nur Erfolg erhoffen, wenn man alles interne Potenzial nutzt und alles daran setzt, was einem möglich ist. Erwarten kann man ihn sowieso nicht. Aber dennoch ist er die Triebfeder. Es gibt so viele Spieler, die alles tun und sich trotzdem nicht das gewünschte Ergebnis einstellt. Aber dann kann man auf jeden Fall mit sich im Reinen sein.

Was kann Dominik noch erreichen?

Nach diesem Turnier in Ilkley, in dem er einige Top-Leute hintereinander geschlagen hat und er seine mentale Einstellung richtig anpackt und Veränderungen zugelassen hat, bin ich überzeugt, dass er zeitnah unter die ersten 100 der Welt kommen kann. Und dann? Vieles ist möglich. Für Wimbledon wünsche ich ihm ein bis zwei machbare Runden und dann vielleicht die ultimative Erfahrung (lacht): Boris’ Wohnzimmer!

Werden Sie dabei sein?

Jürgen Müller und ich werden mit Freunden selbst ab Donnerstag zwei Tage vor Ort sein. Außer Jürgen, der schon mal Joschi Thron (Manager von Angie Kerber, d. Red) als Jugendlicher dort betreut hat, war noch keiner von uns da. Wir alle kommen noch aus der Borg/McEnroe-Generation und drückten uns in den späten 70ern noch die Nase an kleinen Fernsehern platt. Dominik genau dort jetzt spielen zu sehen, wäre ein unfassbares Erlebnis und – wir haben ja schon über Träume gesprochen – sicher der Traum eines jeden Jugend-Trainers. Aber wir machen uns keinen Druck! (lacht).

Infos TennisGate 

TennisGate ist seit 16 Jahren der Spezialist für visuelles Coaching rund um die Ausbildung von Tennisspielern und Partner nationaler wie internationaler Verbände und Organisationen. Das seit 2003 bestehende Projekt „Der Trainerclub” ist ein Premium-Service für erwerbstätige Tennistrainer und -lehrer. Gerade neu erschienen ist die internationale Plattform „Tennis2Brain”, mit visuellem Coaching für Spieler, Trainer, Eltern und Tennis-Fans. Mehr Infos unter: www.tennisgate.com

Oliver Heuft – TennisGate

Oliver Heuft (54) ist DTB-A-Trainer und war 15 Jahre lang stellvertretender Stützpunkttrainer am Stützpunkt Villingen. Er ist Gründer und Inhaber von TennisGate, Producer des DTB-Online Campus.