Younes El Aynaoui

Marokkos Bester: Younes El Aynaoui (fünf ATP-Titel, Platz 14 der Welt).

Younes El Aynaoui: „Das Roddick-Match ist immer noch präsent”

Der 50-jährige Marokkaner Younes El Aynaoui über eine denkwürdige Partie bei den Australian Open 2003 und die Rolle Afrikas im Welttennis.

Herr El Aynaoui, Sie sind vor Kurzem 50 Jahre alt geworden. Wie geht es Ihnen? 

Ich lebe seit vielen Jahren in Frankreich. Nach meinem Karriereende 2007 habe ich viel Zeit mit meinen Kindern verbracht. Danach habe ich meine Trainerlizenz im französischen Verband gemacht und in den Verbänden in Katar und Frankreich gearbeitet. Derzeit bin ich als Trainer in der Akademie von Novak Djokovic in Belgrad involviert. Mir geht es sehr gut.

Wie ist Ihr Kontakt zu Djokovic?

Bestens. Novak ist unglaublich. Er entscheidet jede Kleinigkeit für die Akademie. Er spielt ein Grand Slam-Turnier, ist die Nummer eins der Welt, hilft anderen Spielern und kümmert sich nebenbei auch noch darum, die Akademie zu führen. Ich hätte das nicht gekonnt. Selbst kurz vor einem Match schaut er darauf, ob in der Akademie alles gut läuft. 

Spielen Sie selbst noch?

Ja, ich darf beim Blau-Weiß Halle bei den Herren 50 in der Westfalenliga mitspielen. Das macht mir eine Menge Spaß. Ich habe viele Jahre in der Bundesliga gespielt, zunächst in Dinslaken, dann in Erfurt. Ich liebe den Teamspirit im Mannschaftstennis. Ich schaue auch noch viel Tennis. Wenn man erst einmal mit dem Tennis-Virus infiziert ist, dann hast du ihn dein gesamtes Leben.

Sie halten den Rekord als ältester Spieler im ATP-Ranking – mit 45 Jahren.

Das war ein Zufall. 2017 beim Future-Turnier in Bahrain coachte ich für den katarischen Verband. Der Turnierdirektor freute sich, mich zu sehen und wollte mir eine Wildcard fürs Hauptfeld geben. Ich wollte jedoch einem jungen Spieler nicht die Wildcard wegnehmen, sodass ich in der Qualifikation antrat. Ich habe schließlich die beiden Quali-Matches gewonnen und auch die erste Runde im Hauptfeld. Dafür gab es dann einen ATP-Punkt.

Wie oft wollen die Leute mit Ihnen über das verrückte Viertelfinale bei den Australian Open 2003 gegen Andy Roddick (6:4, 6:7, 6:4, 4:6, 19:21; Anm. d. Red.) sprechen?  

Immer! Wenn die Leute mich sehen, ist dieses Match Thema Nummer eins. Obwohl ich schon 15 Jahre auf der Tour war, haben mich einige Leute erst durch diese Partie wahrgenommen. Ich denke gerne daran zurück, auch wenn ich verloren habe.

Younes El Aynaoui, Andy Roddick

Younes El Aynaoui und Andy Roddick spielten bei den Australian Open eines der unterhaltsamsten Matches der Tennisgeschichte.

Was war so besonders an diesem Match? 

Mit 21:19 im fünften Satz hat es einige Rekorde gebrochen, bis John Isner und Nicolas Mahut kamen. Verglichen mit Isner gegen Mahut wirkt es fast lächerlich. Hinzukam die Atmosphäre in der Night Session in Melbourne, es war ein Viertelfinale, die Qualität extrem hoch. Die Chemie zwischen Andy und mir passte.

Hat Rainer Schüttler Ihnen gedankt, dass Sie Roddick kaputt gespielt haben? Schüttler gewann dann im Halbfinale gegen Roddick.

Nein. Andy hat mir später erzählt, dass er sich beim vorletzten Punkt im Match bei einem Hechtvolley einen Finger gebrochen hat. Er bekam dann eine Injektion, damit er im Halbfinale gegen Schüttler spielen kann. Rainer hat aus der Verletzung dann Kapital geschlagen.

Sie spielten in der goldenen Ära des marokkanischen Tennis mit Hicham Arazi und Karim Alami. Sind Sie ein Nationalheld?

Ich sehe mich nicht so. Die Marokkaner sind durch Arazi, Alami und mich auf Tennis aufmerksam geworden. Heute sehen wir viele Jugendliche, die durch deren Eltern durch unsere Erfolge zum Tennis gebracht wurden. Das ist schön zu sehen. Seit 1984 haben wir ein ATP-Turnier in Marokko. Der König ist ein passionierter Spieler und Fan. Der Centre Court in Marrakesch ist nach mir benannt. Das war ein stolzer Moment für mich.

Sie haben ihr Heimturnier in Casablanca 2002 gewonnen. War das ihr emotionalster Moment auf der Tour?

Es ist immer schön, vor heimischem Publikum zu spielen. Wenn man es zu gut machen möchte, kann es auch knifflig sein. Ich stand bereits 1993 in Casablanca im Finale und habe gegen Guillermo Perez-Roldan verloren. Neun Jahre später habe ich dann endlich den Titel in Casablanca gewonnen. Ein Jahr später stand ich noch mal im Finale. Ich war immer der Typ Spieler, der von der Heimatmosphäre beflügelt wurde. Auch beim Davis Cup und in Doha und Dubai, wo ich ebenfalls große Unterstützung bekam, spielte ich immer gut. Umso mehr Zuschauer, umso besser für mich. In Casablanca war der Centre Court mit 7.000 Zuschauern immer voll. Seit 2016 wird das Turnier in Marrakesch gespielt.

Younes El Aynaoui

Charismatisch: Younes El Aynaoui gehörte zu den beliebtesten Spielern auf der Tour.

Seit Arazi, Alami und Sie ihre Karriere beendet haben, gab es keinen Top-100-Spieler aus Marokko. Woran liegt es?

Tennis ist ein globaler Sport. Die Konkurrenz wird immer größer. Selbst Grand Slam-Nationen wie Frankreich, die Millionen durch die French Open verdienen und in die Förderung stecken, haben Problem damit, Champions auszubilden. Marokko ist ein kleiner Tennisverband mit wenig finanziellen Mitteln. Die Eltern müssen ihren Nachwuchs unterstützen. Das ist teuer uns riskant. Die meisten Eltern in Marokko wählen den sicheren Weg und empfehlen ihren Kindern eher ein Studium oder einen regulären Job. Bereits als Jugendlicher muss man viel in der Welt herumreisen. Wir hatten viele gute Jugendliche. Dann im Alter von 15 Jahren, in dem es ernst wird und es nicht nur um Schläger und Ball geht, sondern auch um Fitness, Ernährung und Schlaf, wird es für einige problematisch.

Es gibt nicht nur aus Marokko wenig erfolgreiche Spieler, sondern aus Gesamt-Afrika. Wie sehen Sie die Entwicklung in Afrika? 

Ich finde es etwas traurig, wenn ich mir die Weltkarte im Tennis anschaue. Wir haben nur ein ATP- oder WTA-Turnier in Afrika – in Marrakesch. Ich schaue neidisch auf die Entwicklung in Asien. Der einzige Kontinent, in dem Tennis nicht an Fahrt aufnimmt, ist Afrika. Es ist auch eine Frage der Möglichkeiten. Man braucht viel mehr Plätze, damit mehr Menschen in Afrika die Chance bekommen, Tennis zu spielen. Roger Federer, Serena Williams und Mary Pierce sind positive Beispiele, die sich sehr für Afrika einsetzen.

Wer ist für Sie der beste Spieler aller Zeiten?

Ich habe noch gegen Federer und Nadal gespielt, als beide relativ jung auf der Tour waren.  Gegen beide habe ich jeweils einmal gewonnen. Nadal habe ich sogar bei den US Open geschlagen. Ich sehe alle drei als die Besten, auch wenn ich nie gegen Novak gespielt habe. Wenn man über Selbstkontrolle spricht, ist Nadal herausragend. Er zeigt nie seine Frustration, immer nur seine Motivation. Wenn es um die Schönheit des Tennis mit den flüssigen Bewegungen geht, dann ist Federer das Nonplusultra. Es ist ein Vergnügen, die drei besten Spieler der Geschichte in einer Ära zu haben. Junge Tennisspieler sollten sich das zum Vorbild nehmen. Leider schauen sich einige Jugendliche lieber die Highlights von Benoit Paire und Nick Kyrgios an. Ich empfehle, sich lieber die Highlights von Djokovic anzuschauen.



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