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Davis Cup-Dilemma: Wäre, Wäre – Fahrradkette

2018 ist das deutsche Davis Cup-Team so homogen aufgetreten wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch die radikale Reform des Weltverbandes und das politische Rumklüngeln um den Novembertermin stellen die Verantwortlichen des DTB vor Probleme rund um Alexander Zverev. Und es ist alles andere als leicht, zu durchschauen, wer denn jetzt genau die Schuld trägt.

Lothar Matthäus als Texteinstieg: So weit ist es im Davis Cup-Dilemma, in dem niemand so richtig weiß, woran er denn eigentlich ist, gekommen. Vor ein paar Wochen hat der ehemalige Weltfußballer – mal wieder – sein Sprachtalent genutzt und bei einer vergebenen Torchance geurteilt. „Wäre der Elfmeter reingegangen, wäre, wäre – Fahrradkette, so ungefähr oder wie auch immer.“

Diese falsche Nutzung der Redewendung „Hätte, hätte – Fahrradkette“, die auf ironische Art und Weise auf die übertriebene Nutzung des Konjunktiv II hinweist, war, wie so oft beim 57–jährigen TV-Experten urkomisch.  Sie erinnert aber unweigerlich auch daran, dass hinter dem Ausdruck einer Bedingung, die nicht eintreten wird, auch im Tennisjahr 2018 eine Story steckt. Die des Davis Cups.

Hätte Philipp Kohlschreiber nämlich im April in dieser irrational wirkenden Stierkampfarena von Valencia am ehrwürdigen plaza de toros beim Spielstand von insgesamt 2:2 gegen Spanien im Einzel gegen David Ferrer bei 2:2, 5:4 und 30:15 diesen unter normalen Umständen so kinderleichten Rückhandvolley ins Feld gedrückt. Ja, dann. Dann wäre Deutschland wohl ins erste Halbfinale seit 11 Jahren eingezogen.

Doch der Volley blieb im undankbaren Tennisnetz hängen. Die 8.000 überwiegend spanischen Fans feierten diesen Fehler frenetisch, das Spiel kippte. Ferrer wurde in seiner Heimatstadt zum Helden. „Kohli“ vergrub sein Gesicht unter dem Trikot und sprach von „einer der bittersten Niederlagen“ seiner Karriere.

Wäre Deutschland also ins Halbfinale eingezogen, würden wir nun in diesen Tagen über die Leistung während der Auswärtsaufgabe in Frankreich philosophieren. Mit Alexander Zverev und dem eingespielten Doppel Tim Pütz/Jan-Lennard Struff an Bord hätten die Chancen nicht schlecht gestanden, das erste Davis Cup-Finale seit 1993 zu erreichen – und das, wie wir nun wissen, im letzten Jahr vor der radikalen und beschlossenen Reform (Lesen Se HIER mehr). Nicht weniger als historisch wäre das gewesen.

Davis Cup: DTB muss vieles organisieren

Statt die Lorbeeren dafür einzuheimsen, müssen die Verantwortlichen um Kapitän Michael Kohlmann und Head of Men’s Tennis, Boris Becker, sowie die DTB-Oberen in diesen Tagen die hohe Kunst der Öffentlichkeitsarbeit bewältigen und allerlei Fragen beantworten: Wie füllen wir eine Halle gegen den unattraktiven Gegner Ungarn im Februar? Welche Halle ist überhaupt noch frei? Und viel wichtiger: Spielt Alexander Zverev in dieser nach der Reform einzig verbliebenen K.o.-Runde überhaupt mit, wenn er im November beim neuen Finalturnier nicht zur Verfügung steht? Und wer steht überhaupt zur Verfügung, so spät im November?

Zverev wird definitiv nicht spielen. Der Weltranglisten-Fünfte machte das am Donnerstag zum bereits vierten Mal deutlich: „Ich werde das Finalturnier im November nach den ATP-Finals nicht spielen. Das ist verrückt“, sagte er im Sky-Interview. Die Australian Open könne man ansonsten ja gleich abhaken, ergänzte er noch mit Blick auf die verkürzte Saisonpause und das daraus resultierende Vorbereitungsdilemma. Am Mittwoch hatte er betont, dass das alle Topspieler ähnlich sehen. Ob dem so ist, bleibt abzuwarten.

Zverevs Traum bleibt der Davis Cup

Der 21-Jährige gab aber ebenso zu Protokoll, dass der Davis Cup ein Ziel gewesen sei und das auch bleibe, bis er ihn einmal gewonnen habe. Aber nicht um jeden Preis, sprich: nicht im November. „Im Erstrundenduell gegen Ungarn werde ich aber höchtwahrscheinlich spielen.“ Zverev bestätigte damit die Herangehensweise seines Teamchefs.

Alexander Zverev nach dem Erstrundenerfolg gegen Australien in Brisbane.

Michael Kohlmann hatte bereits vor zwei Wochen gegenüber unserem Magazin geurteilt, dass er mit dem besten Team antreten wolle, inklusive Zverev. Am Donnerstag erneuerte Kohlmann diesen Anspruch gegenüber tennismagazin.de. „Durch die Reform können wir uns nur noch ein einziges Mal vor unseren Zuschauern präsentieren und diese Bühne wollen wir optimal nutzen. Wir haben lange nicht mehr zu Hause gespielt.“ Das sehe Zverev, mit dem Kohlmann wie vereinbart in Shanghai gesprochen hat, ähnlich, und ist damit Teil der Planungen für das erste Novemberwochenende.

Kohlmann: „Davis Cup hat das Team zusammengeschweißt“

„Das Jahr 2018 mit den Spielen in Brisbane und Valencia hat uns alle zusammengeschweißt – Spieler und Betreuerteam. Deswegen wollen auch alle, mit denen ich gesprochen habe, dabei sein und das neue Format spielen, testen und dann entscheiden, wie es war.“ Kohlmann sprach bislang neben Zverev mit Peter Gojowczyk, Jan-Lennard Struff, Philipp Kohlschreiber und seinem Schützling Maximilian Marterer.

Dass Zverev kein Fan dieser Reform und des Termins sei, habe er auch im persönlichen Gespräch verdeutlicht. Dennoch habe er sich klar zum Team positioniert. „Der Davis Cup war und bleibt sein Ziel. Wir wollen weiterhin erfolgreich sein. Erst nach dem Match gegen Ungarn kümmere ich mich um das Endturnier im November.“

Also, vorausgesetzt, das Finalturnier findet dann überhaupt statt. Bisher, und das ist die größte Farce des ganzen Organisations-Dilemmas, steht nur der Austragungsort Madrid definitiv fest (Lesen Sie HIER mehr). Die Verantwortlichen des Weltverbands ITF um Präsident David Haggerty und den Organisationsverbündeten der Investorengruppe Kosmos um Fußballer Gerard Piqué wollten nach der mit großzügigen finanziellen Zusagen an die Verbände durchgeboxten und korruptionsumwehten Reform am späten Termin nach den ATP-Finals drehen. Problem: Es gibt kaum Spielraum.

Davis Cup: Das große Terminproblem fürs Endturnier

Da wäre der angestrebte September-Termin, der aber vom Laver Cup blockiert wird. Die ersten beiden Ausgaben in puncto Organisation, Spektakel und monetärer Vergütung der Stars ließen wenig zu Wünschen übrig . Mitinitiator Roger Federer sei über die Pläne „not amused“, heißt es in der Szene. Dies bestätigte Philipp Kohlschreiber bei einem DTB-Termin unter der Woche ebenfalls.

Federer und sein Manager Tony Godsick, der Hauptverantwortliche des Laver Cups, haben eine nicht zu unterschätzende Macht und werden sich aller Wahrscheinlichkeit durchsetzen. Wenn ein Federer ruft, sagen die Stars mehrheitlich zu. Da kann der Davis Cup, der nicht erst seit der Reform an Macht und Prestige verloren hat, nicht mithalten. Austragungsort und Termin sind im Gegensatz zum Davis Cup ohnehin bereits alternativlos fixiert.

Im Davis Cup stets vereint: Alex Zverev und Boris Becker.

Bliebe lediglich der Termin, der 2018 für die Davis Cup-Halbfinals genutzt wurde. Dieser fällt auf das Wochenende nach den US Open. Da das neue Format aber als Endturnier der besten 16 Teams innerhalb einer Woche ausgetragen werden soll, bleibt dieses Szenario utopisch. Die ersten Spiele in Madrid müssten dann am Tag des US Open-Finals starten.

Davis Cup: Septembertermin bleibt utopisch

Das bleibt auch so, wenn man sich folgendes Gedankenspiel zu Gemüte führt. Denn interessant und kompliziert zugleich wird es, wenn man betrachtet, welcher Verband in welchem Länderturnier involviert ist. Sowohl der australische als auch der amerikanische Verband unterstützen den Laver Cup nicht unerheblich. Tennis Australia ist zeitgleich Mitorganisator des wiederbelebten World Team Cups, der mit der ATP im Januar 2020 seine Neuauflage feiern soll – als Konkurrenzprodukt zum Davis Cup.

Dass sich die ITF, die bei den Slams und dem Davis Cup verantwortlich ist und die ATP, die den Rest der Tour managt, sich in ständigen Grabenkämpfen verwickeln, ist nichts Neues. Tennis Australia kann aber kein großes Interesse daran haben, dass der Davis Cup nur wenige Wochen vor ihrem Produkt, dem World Team Cup, in ähnlicher Form stattfindet und könnte theoretisch Druck auf Federer und Godsick ausüben, Platz im September zu finden. Die ebenfalls involvierte USTA würde das aber nie zulassen, da die Exklusivität der US Open gefährdet wird.

Davis Cup: Stars müssen zwischen Geld und Pause abwägen

Egal, wie man es also dreht und wendet: Haggerty und Piqué bleibt nur noch der späte November-Termin. Der DTB muss in diesem realistischsten aller Szenarios auf Alexander Zverev verzichten. Weitere Spieler, wenn auch nicht alle Topspieler, werden folgen. Sie werden zwischen monetärem Ertrag und Aufwand abwägen. Zverev hat das für sich schon getan. Am Donnerstag schloss auch Roger Federer seine Teilnahme aus.

Noch so ein Konjunktiv: Sagen einige Stars ab, hätte die ITF mit ihrer Reform eines ihrer Hauptziele verpasst: mehr Topspieler für die aus ihrer Sicht verstaubte Salatschüssel zu begeistern.

Davis Cup: Heimspielstätte steht bald fest

Insofern fahren der DTB und Kohlmann gut mit ihrer Taktik, das Erstrunden-Duell gegen Ungarn als eigenständiges Event zu betrachten. Der Austragungsort soll in den nächsten eins, bis zwei Wochen bekanntgegeben werden. Zwei Standorte seien reserviert. Der DTB befindet sich in entsprechenden Gesprächen mit den Städten. Die Standortsuche verlief alles andere als einfach. Einige in Frage kommende Hallen seien aufgrund der Kurzfristigkeit bereits belegt gewesen, hieß es von DTB-Seite.

„Wir müssen die gesamte Situation so respektieren, wie sie ist“, resümiert Kohlmann, dem das Jahr 2018 dennoch in positiver Erinnerung bleiben wird. Trotz der vielen Konjunktiven im zweiten Halbjahr. Leider sind sie nicht so zum Lachen wie die eines Lothar Matthäus. Rund um diesen altehrwürdigen, prestigeträchtigen, legendären und oftmals so mitreißenden Länderkampf im Tennis passiert viel, was man nicht unbedingt verstehen kann.

Zum Schluss noch ein paar alles andere als vage Sätze mit hohem Wahrheitsgehalt aus unserer Geschichte aus Valencia im Magazin 05/18: Die Woche in Valencia dürfte sich in puncto weitere Entwicklung des besten deutschen Spielers dennoch gelohnt haben. Kohlmann wie Becker betonen immer wieder, dass Zverev von den Aufgaben im Davis Cup profitieren werde. Zverev selbst bestätigte das und versicherte vor besagter Pressekonferenz nach seinem Nadal-Match glaubhaft, wie gern er für Deutschland spielt. Hinter den Kulissen ist zu hören: Mit seinen Ansprüchen als künftiger Spitzenspieler der Tour würde er sich eine Reform mit weniger Davis Cup-Terminen im Jahr wünschen.

Da wusste Zverev aber noch nicht, dass weniger Termine bedeutet: Spielen im späten November. Es ist zum Mäuse melken; oder wie Matthäus vielleicht sagen würde…