Alexander Zverev

Mail aus Wimbledon: Zverevs Selbstverständnis macht ihn angreifbar

Der gebürtige Hamburger beurteilte sein erstes Halbjahr insgesamt leicht positiv: „Ich bin die Nummer drei im ,Race to London‘. Ich bin die Nummer drei in der Weltrangliste, ich habe auch wieder ein Masters-Turnier gewonnen. Ich habe mein erstes Viertelfinale bei einem Grand Slam erreicht.  Das war in Ordnung bis hierhin“, urteilte er, schob aber hinterher. „Aber das Jahr ist nur zur Hälfte um.“

Zverevs Selbstverständnis macht ihn angreifbar

So weit, so ambitioniert und reflektiert. Wären da nicht noch weitere Nebenkriegsschauplätze gewesen. Wie die Aussage, er sei mit und nach Rafael Nadal einer der zwei besten Spieler der diesjährigen Sandplatz-Saison gewesen. Was so gesehen werden kann, wenn man bedenkt, dass er in Madrid Dominic Thiem schlägt und einen Masters-Titel gewinnt. Den zweiten auf Sand, der Thiem ohnehin noch fehlt. Was so gesehen werden kann, wenn man wie Zverev glaubt, in Paris mit einer Verletzung um den Lohn eines fairen Viertelfinalmatches gebracht worden zu sein.

Ernests Gulbis sorgte gegen Alexander Zverev für die Überraschung.

Doch auch hier gilt: Ein Spieler muss bei einem Slam mit seinen Kräften haushalten. Drei aufeinanderfolgende Fünfsatz-Matches sind für ein Aufeinandertreffen mit Dominic Thiem keine gute Basis. Den Österreicher in dieser Aussage komplett außen vor zu lassen, war nicht die feine Art. Sie zeigt aber zum wiederholten Male das Selbstverständnis des DTB-Akteurs, der sich ob der Zahlen im Konzert der ganz Großen angekommen sieht. Erst, wenn die Majorergebnisse konstant auf hohem Niveau sind, ist er mit diesem Auftreten nicht mehr angreifbar.

Wimbledon: Becker kritisiert Zverev

Dazu gehört, dass er an seiner spielerischen Aggressivität auf dem Platz arbeiten muss. In London stand er teilweise mehrere Meter hinter der Grundlinie. Dominantes Rasentennis sieht anders aus, und diese Spielweise kann ihm langfristig zum Verhängnis werden. Auch in der anstehenden Hartplatz-Saison. Boris Becker kritisierte ihn live im englischen TV mit den Worten: „Er denkt, er sei schon ein Großer, aber er hat sich spielerisch in seine Wohlfühlzone zurückgezogen. Da muss er wieder rausfinden.“

Bei seiner besten Turnierleistung, den Sätzen vier und fünf gegen Taylor Fitz, machte er das teilweise besser. Vater und Trainer Zverev senior wird beide Seiten des Auftretens genau wahrgenommen haben und weiter feinjustieren. Die Zeit auf Hartplatz in Nordamerika könnte für den Zverev-Clan zur besten Zeit des Jahres werden. 2017 gewann er nach guter Vorbereitung das Turnier in Washington und das Masters in Montreal gegen Roger Federer. Er scheiterte aber in Runde zwei der US Open gegen Borna Coric.

Den Transfer hin zum Hartplatz-Höhepunkt im Jahr 2018 zu schaffen, sollte rasch die Hauptaufgabe sein. Darauf sollte der Fokus liegen. Am Sonntag stand aber noch Zverevs Temperament auf der Tagesordnung.

Zverev schießt gegen Linienrichter

Ende des dritten Satzes war er offenbar einen Linienrichter verbal angegangen, der Stuhlschiedsrichter sprach ein ,warning‘ aus, was Zverev aus der Haut fahren ließ.  Er sagte Unfreundliches, schlug mit dem Schläger aufs Netz. Buh-Rufe waren die Folge. Beim Seitenwechsel sagte er Beleidigendes.

„Braucht er Aufmerksamkeit, oder was?“, rief er zum Stuhlschiedsrichter und meinte damit den Linienrichter, der eine „hörbare Obszönität“ von Zverev zuvor gemeldet hatte.  In der Aufzeichnung war zu vernehmen, dass er zum Stuhlschiedsrichter rief: „Braucht er Aufmerksamkeit oder was braucht er? Also glaubst du ihm und nicht mir? Seit wann kann ein Linienrichter ein Warning aussprechen. Er will nur wichtig sein einmal auf einem großen Platz in Wimbledon. Darum geht es ihm. Damit man sich einmal an sein Gesicht erinnert.“ Später sagte er noch: „Was er gesagt hat, ist egal. Er ist nur ein Linienrichter.“

Zwei Stunden nach Spielende fragte ihn ein Kollege, ob er da etwas über das Ziel hinausgeschossen sei. „Ich kann mich nicht erinnern, was ich genau gesagt habe. Ich glaube, ich habe nichts Riesengroßes falsch gesagt“, entgegnete Zverev und führte auf Nachfrage aus: „Für mich war es in diesem Moment ein bisschen so, dass er Aufmerksamkeit wollte. Vor allem habe ich meiner Meinung nach nichts aus Wut heraus gesagt. Ich habe mir einen Breakball erspielt und versucht, wieder in den Satz zurückzukommen, und dann macht er so etwas.“

Wimbledon: Zverevs Image wird weiter gefestigt

Die Abstinenz von Demut kam erneut nicht gut an. Es entstand der Eindruck, dass sich Alexander Zverev für etwas Besseres hält. Etwas Besseres als ein einfacher Linienrichter. Zu einer objektiven Beurteilung sollte aber ebenfalls Enttäuschung und Frust eines 21-Jährigen auf dem Platz – und auch noch zwei Stunden nach Spielende – mit einfließen. Wer jemals als Sportler, zumal in jungen Jahren in einer negativen Situation gesteckt hat, weiß, was damit gemeint sein könnte.

Mit dem Zitat des Schriftstellers Tschechow, dass der russische Nationaltrainer zitiert hatte, hatten Zverevs Antworten dieses Mal wenig gemein. Sie waren länger. Über den Inhalt der Antworten kann bis zum nächsten Auftritt wunderbar gestritten werden. Die Art und Weise, wie dieser deutsche Tennisspieler auf- und außerhalb des Platzes unter Fans, Experten und Journalisten polarisiert, ist schon außergewöhnlich. Fortsetzung folgt. Garantiert.