Die Tennis-Tour der Leiden

Lorenzo Musetti Bild: Imago

Schmerz lass nach: Lorenzo Musetti beim Masters in Rom. Wegen einer Oberschenkelverletzung sagte er Paris und Wimbledon ab.

Immer mehr Spielerinnen und Spieler sind verletzt oder vernachlässigen ihre Gesundheit.Was sind die Gründe dafür? Unser Kolumnist Alexander Waske mit seiner Sicht der Dinge.

Profitennis im Herbst 2026. Drastisch könnte man formulieren: Die Tour frisst ihre Kinder. Man muss kein Mediziner sein, um festzustellen, dass die Liste der Verletzungen immer länger wird. Jannik Sinner sagte die US Open wegen einer Knieverletzung ab. Er und sein Umfeld sind smart genug zu wissen: Damit vermeidet die Nummer eins der Welt Schlimmeres. Carlos Alcaraz fiel viereinhalb Monate wegen einer Handgelenksverletzung aus. Novak Djokovic, Lorenzo Musetti, Jack Draper, Holger Rune, Joao Fonseca – sie alle sind mehr oder weniger dauerverletzt, haben Schmerzen an Hüfte, Schulter, Oberschenkel, Knie und anderen Stellen des Körpers.

Es ist eine Entwicklung wie im Fußball. Mit dem Unterschied: Beim Tennis bist du allein. Beim Spiel mit dem großen Lederball werden die Kader größer. Bei Bayern gibt es fast an jedem Spieltag eine andere Start-elf. International können mittlerweile fünf statt drei Spieler pro Partie ausgewechselt werden, weil die Belastungen so hoch sind.

Mastersturniere wie Kaugummi

Auf WTA- und ATP-Tour werden die Mastersturniere wie Kaugummi in die Länge gezogen, damit die Veranstalter mehr Geld verdienen. Dazu ist das Reisen um den Globus extrem anstrengend. Wenn nach sechs Wochen Hartplatztennis in Nordamerika die US Open starten, sind viele schon platt, zumal mit den Canadian Open und Cincinnati zwei zweiwöchige Masters auf dem Programm stehen, die für die Profis verpflichtend sind. 

Der Bodenbelag ist für mich übrigens kein Faktor. Die Beläge sind insgesamt langsamer geworden, die Bälle größer. Der Effekt: immer längere Ballwechsel, mehr Rennen und Rutschen und somit eine höhere athletische Belastung. Das Problem ist, dass sich die Profis immer wieder an andere Bälle gewöhnen müssen. Aktuell gibt es nur während der Rasensaison eine einzige Ballsorte –Slazenger. Das ist die große Ausnahme. Die Folge: Schulterschmerzen durch die ständigen Ballwechsel. Einen einheitlichen Ball zu spielen, wäre aus medizinischer Sicht dringend geboten, aber verschiedene Turniere haben verschiedene Sponsoren. Am Ende dreht sich auch dabei alles ums Geld. 

Viele junge Spieler wie Justin Engel sind verletzt

Was mich alarmiert, ist die hohe Verletzungszahl bei jungen Spielern. Justin Engel etwa laboriert schon lange an einer Ellbogenverletzung. Ich kenne ein indisches Mädchen, das jeden Tag sechs, sieben Stunden trainiert. Das funktioniert nicht für jeden. Aber die Limits werden immer weiter verschoben, weil der Druck groß ist. Wie hoch die Dunkelziffer der verletzten Junioren ist, weiß niemand. Fakt ist: Tennis ist ein unkontrollierter Sport, wie ich es nenne. Der Schwung – bei Vorhand, Rückhand, Aufschlag – ist keine kontrollierte Bewegung. Er hat Auswirkung auf Gelenk- und Knochenstruktur, auf Bänder und Sehnen. Dass man schon mit Anfang 20 wie bei Alcaraz, Sinner oder Rune Belastungssyndrome sieht, ist besorgniserregend.

Die Balance zu finden – physisch und mental –, ist schwierig angesichts einer brutal langen Saison. Dazu kommen Showkämpfe. Will man einem jungen Spieler verdenken, ein paar hunderttausend Euro mitzunehmen? Auch das Umfeld verdient mit. Der Sport und Tennis im Speziellen ist eine große Business-Opportunity. Milliardäre haben Sport als Plattform entdeckt, noch mehr Geld zu generieren. Die große Frage lautet: Wann ist die Schraube endgültig überdreht?