Lendl, Graf & Co.: Meine Meilensteine im Tennis
Nach dem ersten Grand Slam-Turnier des Jahres (Melbourne) und vor dem zweiten (Paris) macht sich unser Kolumnist Alexander Waske so seine Gedanken über Spieler, die die Tenniswelt nachhaltig verändert haben.
Als der letzte Ball in der Rod Laver Arena geschlagen war, fragte ich mich mal wieder: Wer sind eigentlich die Spieler, die Tennis mehr geprägt haben als alle anderen? Und damit meine ich nicht jemanden wie Boris Becker, ohne den es Tennis-Deutschland in der Form nicht gegeben hätte. Ich rede von Profis, die das Spiel an sich mehr vorangebracht haben als alle anderen.
Unten auf dem Platz stand einer von ihnen: Novak Djokovic. Möglicherweise auch zwei. Aber es ist noch zu früh, um über Carlos Alcaraz zu urteilen, auch wenn der Spanier bereits im Alter von 22 Jahren Historisches geleistet hat. Und: Er hat eine Komponente ins Spiel gebracht, die es bis dahin noch nicht gab – sein Lächeln.
Djokovic hat das perfektioniert, was mit Ivan Lendl in den 80er-Jahren begann. Der Tscheche war der erste Profi, der Tennis alles andere unterordnete. Seine Robert Haas-Diät ist legendär. Seine Devise hieß: Nur auf dem Platz alles geben, reicht nicht. Turniere waren für ihn wie Urlaub, wenn man bedenkt, wie er in der Vorbereitung schuftete. Lendl war der Pionier in Sachen Athletik, Ernährung und Ausrüstung.
Beinarbeit: Erst Graf, dann Federer
Djokovic ist gewissermaßen Lendl 2.0. Jedes Element des Spiels hob der Serbe auf ein neues Niveau: Er reiste mit eigenem Koch, ernährte sich glutenfrei, setzte Maßstäbe bei der Atemtechnik. Keiner analysierte bis dato das Spiel und die Schläge wie er. Sogar eine eigene Firma kaufte er, um Matchstatistiken bis ins kleinste Detail auszuwerten. Die Belohnung des Asketen für einen Majortitel: ein einziges Stück Schokolade – that‘s it.
Steffi Graf revolutionierte die Beinarbeit. Sie war darin die Beste, die es bis dato im Damen- und Herrentennis gab. Später pulverisierte Roger Federer ihre Technik, die Side Steps, in dem er mit Cross-over-Schritten schneller in den Ecken war, als je ein Mensch vor ihm. Keiner war so elegant, so leicht wie der „Balletttänzer“ Federer. Rafael Nadal hatte wahrscheinlich das größte Kämpferherz, aber er war längst nicht so professionell wie Novak. Einmal erlebte ich ihn in Stuttgart, wie er fünf Schoko-Croissants zum Frühstück aß.
Andre Agassi und Pete Sampras setzten neue Maßstäbe in Sachen Hardhitting, der eine von der Grundlinie, der andere mit seinem Aufschlag. Agassi war der erste richtige Returnspieler im Welttennis, keiner stand so nah wie er an der Linie.
Björn Borg: Pionier und Popstar
Klar muss man, wenn von Meilensteinen die Rede ist, Rod Laver nennen, den einzigen Profi der zweimal den Grand Slam gewann: bei den Amateuren (1962) und bei den Profis (1969). Seine Intensität auf dem Platz war riesig. Ich durfte auf dem College mit seinem früheren Coach Larry Willens arbeiten und spürte einen Hauch von Lavers Ausnahmestellung. Sein Lieblingsrestaurant hieß übrigens McDonald‘s – andere Zeiten.
Björn Borg war der erste Popstar des Tennis. Mit ihm begann die Kommerzialisierung. Auf dem Platz war er ein Pionier. Mit der beidhändigen Rückhand, die die einhändige inzwischen fast vollständig verdrängt hat, revolutionierte der Schwede den damals weißen Sport.
Zwei Spieler, die keine Legenden sind, fallen mir noch ein. Gael Monfils war der erste, der auf Hartplatz rutschte. Und Nick Kyrgios war der erste, der Tennis nur als Entertainment begriff. Devise: lieber Likes bei Insta als Punkte auf der Weltrangliste. Was kommt als Nächstes? Ich bin gespannt!
