Alexander Zverev

Mail aus London: Zverevs große Chance

Unabhängig vom Ausgang der Partie gegen Novak Djokovic an diesem Mittwoch ist für Alexander Zverev, wenn alles perfekt läuft, sogar der Titel beim ATP-Finale in London drin. Sollte es passieren, dürfte Ivan Lendl großen Anteil daran haben.

Vor ein paar Tagen saß Ivan Lendl in der Players Lounge. Dabei handelt es sich um ein riesiges Zelt neben dem Eingang der O2-Arena. Und für ein Zelt ist es ziemlich gemütlich hier. Der Boden besteht aus edlem Holz. Es gibt eine Bar, bequeme Sessel, einen Billardtisch und eine Tischtennisplatte. Wenn man aus dem Fenster sieht, blickt man auf einen Trainingsplatz. Geht man eine Treppe nach oben, gibt es weitere Tische für die Spieler und ihre Entourage – Manager, Trainer, Eltern, Physios, Fitnesscoaches.

Lendl trug eine Brille und schrieb etwas auf einen Zettel. Er sah aus wie jemand, der einen Coup plant. Was nicht weiter erstaunt. Seit den US Open ist der Wahlamerikaner mit Wurzeln in Tschechien der Chefcouch im Lager von Alexander Zverev. Und wenn man das Team während des Trainings auf dem taubenblauen Platz in der O2-Arena beobachtet, hat man der Eindruck, dass der vorherige Chefcoach, Alexander Zverev Senior, kein Problem damit hat, dass Lendl das Kommando übernommen hat. Die beiden älteren Herren verstehen sich bestens. Sie sind Brüder im Geiste.

„Wenn irgendjemand weiß, wie Zverev gewonnen hat, lasst es mich bitte wissen”

Am Montag gewann Lendls Schützling das erste Match beim ATP-Finale gegen Marin Cilic (7:6, 7:6) und selbst Craig O’Shannessy, einer der führenden Statistik-Experten wusste nicht, wie das passieren konnte. „Wenn irgendjemand weiß, wie Zverev gewonnen hat, lasst es mich bitte wissen“, twitterte er.

2:5 lag der Deutsche im ersten Satz zurück. Es war kein berauschendes Match. Dann wurde Cilic etwas schlechter, Zverev etwas besser und langsam verschoben sich die Verhältnisse. Um den Sieg einzuordnen, muss man wissen, dass kein Spieler im Tableau 2018 mehr Matches bestritten und gewonnen hat als Zverev. Es war Zverevs 55. Sieg im 73. Spiel. „Frisch ist hier keiner“, sagte Zverev.

Man muss auch wissen, dass der 21-Jährige zuletzt an der Schulter verletzt war und dass er eigentlich ziemlich platt ist. Er wolle aber an seine Grenzen gehen, sagte Zverev. Die Aussicht nach dem Turnier ist auch nicht die Schlechteste: fünf Tage Dubai und dann zum Urlaub auf die Malediven.

Einen „Arbeitssieg“ nannte Zverev den Erfolg gegen Cilic. Der Kroate liegt ihm. Es ist der sechste Sieg im siebten Duell. Ob Lendl denn schon etwas bewirkt habe, wurde er nach dem Auftaktmatch gefragt. Die Antwort: reichlich schwammig.  An was man derzeit genau arbeite, will er nicht verraten.

Djokovic: „Es kann ein großartiges Match werden”

Klar ist: Das Team Zverev will sich nicht die Karten schauen lassen. Es seien kleine Details, an denen man arbeite. Immerhin gab er zu, dass er inzwischen variabler aufschlage. Die Geschwindigkeit konnte sich auch sehen lassen. Mit 225 km/h und mehr servierte Zverev, von Schulterproblemen keine Spur.

Novak Djokovic, sein Gegner am Mittwoch, der in den letzten Monaten und im Auftaktmatch gegen John Isner einen glänzenden Eindruck hinterließ, sagte vor der Partie: „Es kann ein großartiges Match werden.“ Als die beiden zuletzt in Shanghai aufeinandertrafen und Zverev klar verlor, sei „Alex nicht auf seinem Toplevel gewesen“.

Egal, wie die Partie endet, eine Chance gibt es im letzten Gruppenmatch gegen John Isner in jedem Fall, um das Halbfinale zu erreichen. Im letzten Jahr ließ Zverev die Möglichkeit gegen Isners Landsmann Jack Sock verstreichen. Es spricht viel dafür, dass Zverev dieses Jahr die Gruppenphase übersteht: Er kann gewinnen, auch wenn er nicht sein bestes Tennis spielt – siehe Cilic. Er weiß um die Bedeutung des Turniers – „das ist fast wie ein Grand Slam-Turnier“. Und: Er hat in diesem Jahr Ivan Lendl in seiner Box. Er weiß, wie man Champions macht.