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Turniere in Coronazeiten: zwischen ausgelassener Party und tristem Medenspiel

Während auf der Adria-Tour von Novak Djokovic das Coronavirus in Vergessenheit geriet, sind bei der deutschen Turnierserie DTB German Pro Series weiterhin die Auswirkungen der Pandemie zu spüren. tennis MAGAZIN blickt hinter die Kulissen. 

Monatelang haben wir nun auf unseren Lieblingssport verzichtet. Mittlerweile findet nicht nur die Fußball-Bundesliga wieder statt. Seit Mai dürfen wir auch überall unter bestimmten Richtlinien wieder auf der roten Asche Bälle hin und her dreschen. Vor lauter Alltagserfahrungen könnte einem da fast entgangen sein, dass auch die Profis wieder zurück auf den Plätzen sind. Wäre da nicht Novak Djokovic mit seiner Adria-Tour gewesen:

Macht Corona vor den Grenzen Serbiens halt?

Wimmelbild: In Mitten der Kinder stehen Novak Djokovic, Dominic Thiem, Alexander Zverev und Grigor Dimitrov.

Spätestens als die Bilder vom Weltranglistenersten und seinem Gefolge um die Welt gingen, dürfte so ziemlich jeder Tennisinteressierte erstmal verwundert gewesen sein. Gruppenbilder mit nahezu siebzig Kindern, mittendrin Novak Djokovic, Dominic Thiem, Alexander Zverev und Grigor Dimitrov. Von Sicherheitsabstand, wie wir ihn in Deutschland und Österreich kennen, war dort nichts zu sehen. Freundschaftliche Umarmungen, zufriedene Handshakes und ein gut besetztes Stadion. Zuschauer an Zuschauer gereiht – ohne freie Sitzplätze, ohne Mund- und Nasenschutz. Spätestens als die Party-Bilder aus einem serbischen Club im Netz auftauchten, blieb nur noch die Frage: Macht Corona vor den Grenzen Serbiens halt?

Fairerweise muss hier allerdings auch erwähnt werden, dass Serbien vom Coronavirus nicht so hart betroffen war wie etwa Deutschland, China, Italien, Spanien oder die USA. In ganz Serbien gelten daher nicht so scharfe Maßnahmen wie in unserer Heimat.

Es lässt sich nun darüber streiten, ob das Verhalten angebracht ist oder nicht. Aber im Hinblick auf die Vorbildfunktion der weltweit bekannten Spieler wäre es doch wünschenswert gewesen, coronabedingte Umgangsformen beizubehalten. Besonders wenn man an die abgesagten Turniere denkt und an diese, bei denen noch fraglich ist, ob sie 2020 noch stattfinden werden. Die US Open werden unter besonderen Maßnahmen ausgetragen: Die Spieler dürfen nur von einem Teammitglied begleitet werden, bekommen getrennte Aufenthaltsbereiche, müssen einen Corona-Test machen und vieles mehr. Blickt man dann auf die Lockerheit, mit der die Adria-Tour in Belgrad ausgetragen wurde, scheinen die Maßnahmen fast schon unrealistisch.

Gute Unterhaltung trotz Sicherheitsmaßnahmen

Strenge Regeln und bestimmte Sicherheitsvorschriften bedeuten jedoch nicht gleich, dass der Spaßfaktor einer Sportveranstaltung vollends verloren gehen muss. Wie etwa in Frankreich bei der von Patrick Mouratoglou veranstalteten Exhibition-Serie oder in Deutschland bei der DTB German Pro Series bleiben den Zuschauern, ob live vor Ort (arg limitiert!) oder vor den Fernsehern, keine hochklassigen Ballwechsel verwehrt. Während Benoit Paire und Dustin Brown sich in Frankreich unterhaltsame Ballwechsel liefern und mit frechen Kommentaren für gute Stimmung sorgen, garantieren auch Spieler wie Jan-Lennard Struff, Peter Gojowczyk, Laura Siegemund und Alexandra Vecic bei der DTB German Pro Series in verschiedenen deutschen Städten hochklassige Partien.

Wie genau aber die deutsche Turnierserie abläuft, wollte tennis MAGAZIN mit eigenen Augen sehen. Deshalb haben wir einen Blick hinter die Kulissen geworfen und geschaut, wie die Stimmung bei den „German Ladies‘ Series presented by Porsche“ in Stuttgart ist.

Exhibition Match oder Medenspiel?

Nachdem man die Bilder aus Serbien im Kopf hat, ist es fast erschreckend, die Leere beim Württembergischen Tennis Bund zu sehen. Als Eva Lys und Lisa Matviyenko um circa 14 Uhr den Platz betreten, befinden sich knapp 20 Leute auf der Anlage, viele von ihnen Organisatoren und Beschäftigte des WTB. Auch einige Journalisten und Fotografen sind vor Ort. Am Spielfeldrand sitzt lediglich eine Mutter sowie DTB-Trainerin Jasmin Wöhr.

Die Stimmung gleicht viel mehr einem Punktspiel in der Verbandsliga statt einem Exhibition-Match zwischen Weltranglisten-Nummer 589 und 612. Die eher triste Atmosphäre wird durch den leichten Regen unterstrichen. Dennoch haben die 18-jährige Lys und die 22 Jahre alte Matviyenko beste Laune. Die beiden sind Geschwister, haben allerdings unterschiedliche Väter und deshalb andere Nachnamen. Zwar spielen sie mit Ernsthaftigkeit, Power und Entschlossenheit, trotzdem liegt eine gelassene Stimmung in der Luft. Beide scherzen über verschlagene Bälle und loben die jeweils andere bei starken Winnern.

Vor laufenden Kameras

Gespielt wird ohne Ballkinder und Linienrichter. Lediglich ein Stuhlschiedsrichter ist mit den Spielerinnen auf dem Platz. Er gibt den Spielstand an und ändert bei jedem Seitenwechsel den Punktestand an der Tafel neben der Spielerbank. Ganz klassisch, ohne jene Elektronik – eben wie bei einem Medenspiel. Das einzige was dieses Match von einem Punktspiel in der Verbandsliga unterscheidet, sind die Kameras. Am mittleren Pfosten des Zaunes, der den Platz umrahmt, ist eine kleine Kamera angebracht. Sie zeichnet die Partie nicht nur auf, sondern überträgt auch live auf der Streaming Plattform „Tennis Channel“. „Ich habe den Mädchen gesagt, dass sie nicht zu viel scherzen sollen, sie werden immerhin live gesendet“, lacht ihre Mutter während der Partie.

Reduziert: Nur wenige Personen haben Zutritt auf die Anlage.

Wie ruhig die neuen Tennisturniere wirklich sind, zeigt sich besonders neben dem Court. Hin und wieder huscht mal ein Kameramann übers Feld, um ein paar Schnappschüsse einzufangen. Der ein oder andere WTB-Mitarbeiter gesellt sich gelegentlich neben die Mutter auf einen der zehn Zuschauerplätze. Die Gartenstühle stehen unter dem vorgegebenen Sicherheitsabstand von 1,50 Metern auseinander. Da unter freiem Himmel gespielt wird, ist es nicht notwendig, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen. Sobald man aber die Innenräume des Württembergischen Tennis Bundes betritt, muss eine Maske das Gesicht bedecken. Um hier das direkte Aufeinandertreffen zwischen verschiedenen Personen zu vermeiden, sind am Boden Pfeile angebracht, die die Richtung weisen. Gegenverkehr soll durch entsprechende Abtrennungen vermieden werden.

Sicherheit geht vor: In Stuttgart sollen Pfeile am Boden und Abtrennungen das Aufeinandertreffen auf Laufwegen vermeiden.

Sicherheit geht vor

Um das Risiko der Ansteckung zu verringern, sind alle Personen vor Ort dazu angehalten, ihren Aufenthalt auf der Anlage auf ein nötiges Minimum zu beschränken. Deshalb sind Laura Siegemund, die ihr erstes Match klar für sich entschied, und ihre Gegnerin Alexandra Vecic nicht mehr anzutreffen.

Vergleicht man nun die verhaltene Stimmung mit strikten Regeln bei den German Pro Series in Stuttgart mit der ausgelassenen Feierstimmung der Adria-Tour in Belgrad, kommen doch Zweifel auf. Fallzahlen hin oder her, die Unterschiede sind so groß, dass die Leichtigkeit der serbischen Veranstaltung deutlich zu hinterfragen ist. Natürlich vermissen wir alle die großen Turniere, den freien Jubel in Menschenmassen und die Fans die ihre Lieblingsspieler durchs Match tragen. Aber bevor wir eine zweite Corona-Welle in Deutschland und den anderen Ländern auslösen, genießen wir doch lieber vorerst gute Partien in den Livestreams.