Roger Federer geht in Wimbledon als Nummer eins der Setzliste ins Turnier

Wimbledon: Darum ist Federer an Nummer eins gesetzt

Roger Federer hat zwar die Nummer eins der Welt wieder an Rafael Nadal verloren, dennoch führt der Schweizer die Setzliste in Wimbledon an.

Roger Federer hat es wegen der Finalniederlage bei den Gerry Weber Open in Halle verpasst, als Nummer eins der Welt nach Wimbledon zu reisen. Dennoch wird der Schweizer beim Rasenklassiker in London an Nummer eins gesetzt sein. Warum? Das liegt an der besonderen Setzlistenarithmetik in Wimbledon. Die Turnierorganisatoren setzen bei den Herren nie streng nach der aktuellen Weltrangliste.

Kuerten drohte mit Wimbledon-Boykott

Bis zum Jahr 2000 wurde die Setzliste bei den Herren durch ein spezielles Komitee nach nicht immer nachvollziehbaren Kriterien festgelegt. Rasenspezialisten wurden deutlich bevorteilt, Sandplatzexperten hatten das Nachsehen. 2000 zum Beispiel wurde der ewige Angreifer Patrick Rafter an Position 12 gesetzt, obwohl er nur die Nummer 23 der Weltrangliste war. Er rückte dann bis ins Finale vor und verlor gegen Pete Sampras. Theoretisch hätte Rafter auch schon in Runde eins auf Sampras treffen können, hätten ihn die honorigen Clubmitglieder nicht derart protegiert. Denn: 2000 wurden nur 16 Spieler gesetzt, nicht 32 wie heute.

Viel Glück also für Rafter. Und viel Pech für seine spanischen Profikollegen: Alex Corretja und Albert Costa flogen von der Setzliste, obwohl sie damals in den Top 16 standen. Ihre Reaktion: Sie traten aus Protest in Wimbledon nicht an. Später erhielten sie populären Beistand, unter anderem durch Gustavo Kuerten, der 2000 die French Open gewann und am Jahresende die Nummer eins der Welt wurde. Er drohte mit einem Wimbledon-Boykott für 2001 und hatte eine ganze Armada spanischer Sandplatzspezialisten hinter sich.

Wimbledon reagierte. 2001 führte es als erstes Grand Slam-Turnier 32 gesetzte Spieler ein. Und es sorgte für mehr Transparenz bei der Setzung. Wer sich die Mühe macht, kann sich seitdem selbst ausrechnen, wie die Setzliste aussehen wird. Die Reihenfolge ergibt sich aus einer dreistufigen Addition:

  1. Alle Weltranglistenpunkte vom Montag vor Turnierbeginn (2018 ist das also der 25. Juni).
  2. Alle Weltranglistenpunkte, die in den vergangenen zwölf Monaten auf Rasen erzielt wurden (2018 kommen dafür in Frage: Stuttgart/‘s-Hertogenbosch/Queen‘s/Halle 2018, Newport 2017, Wimbledon 2017, Antalya/Eastbourne 2017).
  3. 75 Prozent der Punkte für das beste Resultat auf Rasen in den davor liegenden zwölf Monaten (2018 sind das: Stuttgart/ ‘s-Hertogenbosch/Queen‘s/Halle 2017, Newport 2016, Wimbledon 2016, Antalya/Eastbourne 2016).

Alle Werte werden addiert und schon steht die neue Setzliste fest. Für 2018 ergibt sich folgendes Szenario:

Die Setzliste in Wimbledon 2018.

Raonic rückt weit nach vorne

Federer macht den knappen 50-Punkterückstand in der Weltrangliste durch seine vielen Rasenpunkte in den letzten zwei Jahren (unter anderem Titel in Wimbledon im Vorjahr) locker weg. Bei Nadal hingegen flossen nur das Wimbledon-Achtelfinale im letzten Jahr in die Rasenwertung ein. Dass Federer nun die eins statt der zwei der Setzliste ist, hat jedoch keinerlei Einfluss auf die Auslosung – außer, dass der Name des Schweizers bei seinen Partien auf der Anzeigentafel immer oben stehen wird. Profiteure der Setzlistenformel sind Marin Cilic, Novak Djokovic und Milos Raonic, die dank ihrer vielen Rasenpunkte nach vorne rücken. Vorjahresfinalist Cilic springt von fünf auf Platz drei und könnte somit frühestens im Halbfinale auf Federer oder Nadal treffen.

Übrigens: Die Rasenformel gilt nur für Spieler innerhalb der Top 32. Die Nummer 32 im ATP-Ranking zum Stichtag der Setzliste wird demnach auf jeden Fall gesetzt sein, auch wenn hinter ihm platzierte Spieler mit mehr Rasenpunkten hätten vorbeiziehen können. Da Tomas Berdych bereits für Wimbledon abgesagt hatte, rutschte Fernando Verdasco als Nummer 33 noch in die Setzliste. Einige Verschiebungen in der Setzliste sind vor der Auslosung am Freitag noch denkbar, da hinter der Teilnahme von einigen Spielern noch ein Fragezeichen steht (Roberto Bautista Agut, Hyeon Chung, Filip Krajinovic).

Andy Murray wird nicht gesetzt

Roger Federer eröffnet als Titelverteidiger bei den Herren am Montag das Spielgeschehen auf dem Centre Court (14 Uhr live auf Sky Sport News HD). Und dabei könnte es zum Erstrunden-Blockbuster kommen. Denn einer seiner möglichen Auftaktgegner könnte Andy Murray sein. Es wäre ein kurioses Novum, wenn es zu einer Erstrundenpartie käme, die sechs Jahre zuvor das Finale war.

Würde es die Regelung nicht geben, dass Spieler, die zum Stichtag im ATP-Ranking in den Top 32 stehen, auf jeden Fall gesetzt werden, hätte es Murray sogar noch in die Setzliste geschafft. Der Schotte kommt auf 2220 Punkte (360 Punkte Weltrangliste plus 1860 Rasenpunkte) und wäre nach der Absage von Berdych die Nummer 20 im Tableau gewesen. Nun droht Murray ein Hammerlos zum Auftakt. Oder – je nach Betrachtungsweise – allen 127 anderen Spielern, die den zweimaligen Wimbledonsieger sicherlich ungern als Auftaktgegner haben wollen. 2019 kehren die Grand Slam-Turniere zur 16er-Setzung zurück, was die Setzlistenformel in Wimbledon noch bedeutsamer machen wird.

Und noch ein Fakt zur Weltrangliste: Federer war in diesem Jahr für acht Wochen die Nummer eins der Welt. Hätte er einen seiner drei Matchbälle im Indian Wells-Finale gegen Juan Martin del Potro genutzt, wäre er vom 19. Februar bis zum Ende des Wimbledonturniers durchgängig die Nummer eins gewesen. Um direkt nach Wimbledon wieder die Nummer eins zu sein, muss Federer wieder den Titel gewinnen und auf ein Aus von Nadal vor dem Achtelfinale hoffen.