ATP Cup

ATP Cup: Die neue Welt der ATP

Die ATP Finals in London waren nicht nur aus deutscher Sicht historisch – mit dem dritten deutschen Champion nach Boris Becker und Michael Stich. Es war auch eine Zäsur im Welttennis. Erstmals wurden Pläne präsentiert, wie die Architektur der Tour künftig aussieht.

Aus der tennis MAGAZIN-Ausgabe 1-2/2019

Tag fünf der ATP-Finals in London. Es ist ein Donnerstag, zwölf Uhr mittags. Die Uhrzeit ist symbolisch – High Noon: für die Herrentour ATP und somit auch für die anderen Verbände, den Weltverband ITF und die Damentour WTA. Die Zukunft des Tennis liegt auf dem Tisch. Oder besser: Sie wird hier, im Kino 10 in der O2-Arena, vor der Weltpresse präsentiert. Die Protagonisten: ATP-Chef Chris Kermode und der CEO von Tennis Australia Craig Tiley. Sie stellen die neuen und schon lange angekündigten Pläne eines neuen Events vor. Ihre Adjutanten: keine Geringeren als die Nummer eins der Welt, Novak Djokovic, und Amerikas Bester, John Isner, die das neue Produkt kräftig bewerben. Der Name: ATP Cup, eine Supermannschafts-WM, die ab Januar 2020 in Australien gespielt wird. Mit dem Launch ist auch klar, dass die Architektur der Tour künftig mächtig durcheinandergewirbelt wird. tennis MAGAZIN beantwortet die wichtigsten Fragen, um was es beim ATP Cup genau geht und welche Auswirkungen die Mammutveranstaltung künftig auf die Szene haben wird.

Was steckt hinter dem ATP Cup?

Die Pläne des ATP Cups gibt es schon seit viereinhalb Jahren. Seitdem bastelt man hinter den Kulissen an einem Nachfolgemodell für den World Team Cup, der zwischen 1978 und 2012 jährlich im Düsseldorfer Rochusclub gespielt wurde. Den Machern ging es zum einen darum, einen traditionellen Wettbewerb zu reanimieren. Zum anderen haben Untersuchungen gezeigt, welchen hohen Stellenwert Teamwettbewerbe bei den Fans haben. Letztendlich geht es auch darum, sich für eine Zeit nach den Big Four, nach Roger Federer, Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray, in Stellung zu bringen. Das Credo: Ein Teamwettbewerb, bei dem die Spieler häufiger in Einzel und Doppel im Einsatz sind, stärkt die Next Gen. Er erzählt ihre Geschichten besser, macht sie bekannter. Denn klar ist: Die Fußstapfen von Federer & Co. sind so groß, dass es einer besonderen Präsentation bedarf, um halbwegs hineinzuwachsen.

„Es ist ein frisches Event. Für die aktuelle aber auch die junge Generation“, wird ATP-Chef Chris Kermode nicht müde zu sagen. Zur Philosophie der Herrentour gehört auch, dass der ATP Cup, als erste Veranstaltung des Jahres, der Startpunkt mit vielen Gesichtern und Storys ist, die Ouvertüre für ein fantastisches Jahr. Die Ziellinie, am Ende der Saison, ist das ATP-Finale mit den besten acht Profis der Saison, die den Weltmeister ausspielen. Dazwischen liegen wie in einem Sandwich die anderen Events. Klar ist damit auch: Die ATP diktiert das Geschehen. Und nicht WTA oder ITF.

Wie funktioniert der ATP Cup?

Gespielt wird der ATP Cup erstmals vom 3. bis 12. Januar 2020. Er beginnt an einem Mittwoch und endet an einem Sonntag. Auch in den folgenden Jahren wird das Zehn-Tage-Turnier der Startpunkt der Saison sein. Der Grundgedanke: 24 Teams spielen in drei australischen Städten ein Teamturnier der Superlative. Es gibt sechs Gruppen mit je vier Mannschaften. Sie spielen je zwei Einzel und ein Doppel über zwei Gewinnsätze. Entscheidend als Qualifikationskriterium ist der Weltranglistenplatz des Top-Spielers. Ist er unter den Top 24, darf die Nation sicher teilnehmen. Allerdings dürfen auch schlechter platzierte Profis für ihr Land starten, da es in der Regel viele Länder mit mehreren Spielern unter den Top 24 gibt. Bis zu fünf Akteure darf eine Nation aufbieten. Als Preisgeld werden 15 Millionen US-Dollar ausgeschüttet.

Nach der Gruppenphase, in der jedes Team drei Begegnungen hat, folgen Viertel-, Halb-, und Finale. Verteilt werden bis zu 750 Ranglistenpunkte. Der genaue Schlüssel, wer wofür wieviele Punkte bekommt, steht noch nicht fest. Auch die Orte stehen noch nicht fest. Es gebe aber positive Gespräche mit den bisherigen Turnierveranstaltern, sagt Craig Tiley. Das Format werde allgemein als Aufwertung verstanden. Als Schutz für andere, parallel laufende Turniere hat die ATP festgelegt, dass der ATP Cup „not mandatory“ ist, heißt also: Man muss als Topspieler – anders als bei den Masters 1000-Veranstaltungen – dort nicht spielen.

Welche Auswirkungen hat der ATP Cup auf andere Events?

Klar ist, dass die australischen Vorbereitungsturniere vor dem Grand Slam-Turnier in Melbourne einen komplett anderen Charakter bekommen. Der Hopman Cup in Perth wird verschwinden. Angedacht ist, dass er in den März nach Indian Wells verschoben wird. Brisbane und Sydney, wo bislang Damen und Herren gemeinsam spielen, wird es in der Form nicht mehr geben. Logisch scheint, dass Perth, Brisbane und Sydney Austragungsorte für den ATP Cup werden. Aber was passiert mit den WTA-Events? Die Frage ist noch nicht geklärt. Theoretisch könnten sich auch andere Städte, wie beispielsweise Lleyton Hewitts Heimatstadt Adelaide, bewerben.

Das ATP-Turnier von Pune (Indien) wird in den Februar verschoben. Für Doha in Katar (bleibt vorerst in der ersten Januarwoche) könnte der ATP Cup zum großen Rivalen werden, gegen den man nur verlieren kann. Zum einen haben so gut wie alle Topspieler den ATP Cup schon jetzt gelobt, obwohl es ihn noch nicht gibt, und ihre Freude in Teams fürs eigene Land zu spielen zum Ausdruck gebracht. Zum anderen bietet sich die Vorbereitung direkt in Australien auf das erste Saisonhighlight in Melbourne an. Idealerweise liegen zwischen ATP Cup und den Australian Open eine Woche Pause. Damit am Ende doch alle zufrieden sind, könnten die Katarer am Ende sogar belohnt werden: mit den ATP Finals, die nur noch bis 2020 in London stattfinden. Fakt ist, dass Doha das Saisonfinale schon lange veranstalten will. Die Infrastruktur wäre jedenfalls vom Feinsten. 

Was passiert mit dem Davis Cup?

Es ist eine der großen Fragen. Bekanntlich findet der Davis Cup 2019 zum ersten Mal in der neuen Form statt – eine Qualifikationswoche im Februar, ein finales Turnier mit 18 Teams am Saisonende in Madrid. Die Kritik ist scharf – am Format, bei dem die DNA des Wettbewerbs mit Heim- und Auswärtspielen fehlt, und am Termin. Ein Riesenturnier noch nach den ATP-Finals spielen zu lassen, ergibt wenig Sinn. Das weiß auch die ITF und die veranstaltende Agentur Kosmos mit Fußballstar Gerard Piqué an der Spitze, die alles versucht hat, einen Termin im September zu bekommen. Da findet aber bekanntlich der schon nach der diesjährigen zweiten Auflage etablierte Laver Cup statt. Zu behaupten, die ATP versetze nun mit dem ATP Cup dem Davis Cup den Todesstoß, ist allerdings nicht richtig. Weil es die Idee des Cups viel früher gab.

Ursprünglich verhandelte die ATP sogar mit Kosmos, stellte den möglichen Deal aber ein, weil die Firma mit dem mächtigen Rakuten-CEO Hiroshi Mikitani (Internetriese aus Japan) im Hintergrund alle Rechte haben wollte. Wahr ist aber auch: Nach dem ATP Cup und dem Laver Cup ist der Davis Cup künftig nur das dritte Rad am großen neuen Teamwettbewerb-Vehikel. „Es gibt Platz für viele Teamwettbewerbe“, sagt Craig Tiley, der pikanterweise auch mit Roger Federers Laver Cup eng verbunden ist. Wirklich? Es dürfte künftig nicht leicht sein, für das neue Davis Cup-Finale einen attraktiven Termin zu finden. Zwar sprach die ATP von guten Gesprächen mit dem Davis Cup-Ausrichter ITF in London, klar ist aber: Der Davis Cup ist von der Gnade der ATP abhängig, was den künftigen Termin angeht und möglche Weltranglistenpunkte. 

Wie sieht die Zukunft der ATP Finals aus?

Bei der ATP ist man sich noch nicht schlüssig, ob man künftig eher dem Rat von Novak Djokovic folgt, das Turnier „wandern zu lassen“, so wie es in den 1970er-Jahren und zu Beginn der Nuller-Jahre der Fall war, oder ob man wie in London auf Kontunuität setzt. Anfang Dezember waren nach Informationen von tennis MAGAZIN noch 40 Kandidaten für die London-Nachfolge im Rennen – darunter eine nicht genannte deutsche Stadt, der nicht viele Chancen eingeräumt wurden. Noch in diesem Jahr (möglicherweise vor Erscheinungstermin dieser Ausgabe am 11. Dezember) will die ATP eine sogenannte Short-List publik machen.

Neben Doha seien zwei Städte aus Asien und zwei aus Europa in der Verlosung, verriet ein hoher ATP-Funktionär. Eine Art Wildcard besitzt London, das in der engeren Wahl bleibt. Die ATP-Finals könnten also auch an der Themse bleiben. Was für Asien spricht: Es wird in jedem Fall mehr Geld zu verdienen geben als die bisherigen acht Millionen US-Dollar. Es dürfte sich um ähnliche Summen wie bei den Damen handeln, die bei ihrem Saisonfinale in Shenzhen 2019 14 Millionen Dollar einstreichen. Was für Europa spricht: Es ist nach dem Schwächeln der Amerikaner mit Abstand der Standort mit den meisten Stars und den besten Fans. Was auch immer passiert mit ATP Cup & Co.: Die Tour bleibt spannend!