Jan-Lennard Struff im Potrait

Jan-Lennard Struff: „Beste Leistung vielleicht erst mit über 30“

Jan-Lennard Struff hat nach einem Sieg gegen Stefanos Tsitsipas das Viertelfinale des ATP-Turniers in Barcelona erreicht, in dem er am Freitag auf Rafael Nadal trifft. Für die April-Ausgabe 2019 traf sich tennis MAGAZIN mit Struff für ein etwas anderes Porträt während eines „Kneipen-Dreikampfs“. Hier gibt es die komplette Print-Story erstmals online.

Der erste Eindruck: klassischer Hardhitter, dieser „Struffi“. Beim ersten Versuch nimmt er vier Schritte Anlauf, geht technisch sauber und stabil mit einem Knie in die Beuge, nur um dann die Bowlingkugel mit voller Kraft in die Bande zu knallen. Beim zweiten und dritten Versuch ist ähnliches zu beobachten.

Die Kugel driftet bei voller Geschwindigkeit nach links; es steht aus seiner Sicht 3:15. Er flucht. Wie er das beim Tennis eher selten tut. Es folgt der fatale, spielentscheidende Fehler. „Versuch mal, die Finger gerade zu halten, wenn du loslässt.“ Er lässt das Gesagte kurz wirken, entgegnet ruhig: „Klingt vernünftig“, schnappt sich die nächste Kugel, dreht sich um, nimmt wieder vier Schritte Anlauf, holt aus und schwingt gerade durch. Ein einziger Pin bleibt stehen.  Memo für die Zukunft: Profisportlern keine Tipps geben. Das schmälert die Siegchancen erheblich.

Als Tennisprofi ist die Lernkurve von Jan-Lennard Struff steil. Das beweist er im Februar im Bowlingcenter in Lünen bei Dortmund. Die deutsche Nummer drei hat einem etwas anderen Porträttermin zugestimmt. Im Best-of-three-Modus tritt er gegen das tennis MAGAZIN an: Je eine Runde Bowling, Dart und Airhockey sollen die Entscheidung bringen. Am besten zu Gunsten des glühenden BVB-Anhängers Struff. Sportlich läuft es zu jenem Zeitpunkt nicht rund. Weder für die Schwarz-Gelben, die am Vorabend wichtige Punkte haben liegen lassen. Struff selbst hat wenige Tage vor dem Termin in der Qualifikation für Rotterdam gegen den Niederländer Ryan Nijboer verloren (jenseits der Position 500 platziert). Doch der Warsteiner macht einen positiven Eindruck. Er trainiere gut und intensiv, er stecke enorm viel Aufwand in sein Profileben und er sei sich sicher, dass das noch Früchte trage. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Die Erfolge stellten sich alsbald ein.

Struff: zwei Top 10-Siege und 8:4-Bilanz seit Februar

Seitdem steht eine 8:4-Einzelbilanz auf der Habenseite (2019 insgesamt 12:8) mit insgesamt zwei Top 10-Siegen (Tsitsipas, Zverev) und weiteren Erfolgen unter anderem gegen Milos Raonic, David Goffin und Dennis Shapovalov. An seinem 29. Geburtstag schlug er am Donnerstag in Barcelona Tsitispas, gegen den er in Sofia Anfang des Jahres noch unterlegen war. Am heutigen Freitag wartet als Belohnung ein Viertelfinalduell mit Rafael Nadal. Nebenbei kratzt Struff am Karrierehoch in der Weltrangliste (44). Durch den Viertelfinaleinzug wird er am Montag wohl auf 47 gelistet sein.

Der sportliche Ehrgeiz, das wird schnell klar, ist aber ebenfalls im Februar beim Kneipenduell gegen das tennis MAGAZIN geweckt. Die Stimmung ist gut, obwohl die Schwarz-Gelben am Vorabend weiter Vorsprung in der Tabelle eingebüßt haben. Nebenbei wird an diesem Abend so manches Vorurteil gegenüber dem 28-Jährigen revidiert: Introvertiert sei der gebürtige Warsteiner. Zu introvertiert für das Profitennis, behaupten einige. Und manchmal fehle der letzte Biss für noch bessere Ergebnisse und eine höhere Weltranglistenplatzierung als 55.*, sagen andere.

Struff: „Diese Leute sollten mit mir mitreisen“

„Struffi“, wie ihn Spieler, Freunde, Familie und Fans gleichermaßen rufen, unterbricht das Spiel, wird ernst und sagt: „Diese Leute, die das behaupten, die sollten mal mit mir mitreisen, mich beim Training beobachten und danach urteilen.“ Bevor er weiterspielt, sagt er. „Natürlich gehöre ich eher zur introvertierten Sorte Mensch. Aber Tennis ist mein Leben und ich gebe alles und arbeite hart dafür, meine Ziele zu erreichen. Die anderen Profis unter den ersten 50 können aber auch ein bisschen spielen.“ Als er das sagt, entspannen sich seine Gesichtszüge wieder.

Jan-Lennard Struff beim Bowlingduell gegen tM-Redakteur Jannik Schneider.

Danach dreht er sich um und wirft die nächste Kugel. Das Level der Bowlingpartie erreicht gegen Mitte der zehn Versuche den Höhepunkt. Gebe es Zuschauer, sie würden je einen Strike sehen, der auf beiden Seiten aber nicht vergoldet wird. Protokoliert werden die schwankenden Leistungen vom mitgereisten Fotografen, der mal mit, mal ohne Blitz, aufnimmt. Außerdem unterbricht er zuweilen das Match und positioniert die Protagonisten – Rythmus zu finden, fällt schwer.

Dem Davis Cup-Spieler scheint das weniger auszumachen. In Runde acht räumt er beim zweiten Versuch alle Pins ab, übernimmt die Führung. „Verlieren darf ich hier eigentlich nicht“, sagt der Rechtshänder mit einem Augenzwinkern. In seiner letzten Runde bleibt nur ein Pin stehen. Der Profi hat den Druck weitergereicht. So fühlt sich das also an, Matchball gegen sich zu haben. Es bleiben zwei Pins stehen. Struff ist erleichtert, 88:86. „Das Endergebnis behalten wir lieber für uns“, sagt Struff, kurz bevor das Belegbild geschossen wird. Wir lachen, während wir mühevoll die Bowlingkugel präsentieren.

Struff: Beharrliche „unsichtbare“ Arbeit mit Fitnesstrainer

Struff hat in Lünen vor dem Termin eine längere Fitnesseinheit absolviert. Sein Physiotherapeut und Fitnesstrainer Uwe Liedtke, dem er bereits seit 2010 vertraut, betreibt in Steinwurfnähe ein Fitnessstudio. Das Duo hat spontan auf das frühe Aus beim ATP-Turnier in Rotterdam reagiert und einen Fitnessblock eingebaut. „Weißt du, das ist auch so eine Sache, die die Leute nicht sehen“, erzählt Struff. Er investiere sehr viel Zeit und Geld in diesen Bereich. „Ich habe Uwe oft auf der Tour dabei – zusätzlich zum Trainer. Öfter als das andere Spieler in meinem Rankingbereich tun.“ Struff ist sich sicher, dass sich das langfristig bezahlt mache. „Vielleicht erreiche ich meine beste Leistung, mein höchstes Ranking (momentan ist das Platz 44) erst mit über 30 Jahren. Vorbilder gibt es dafür genug.“

Dart als Hobby: Jan-Lennard Struff besitzt selbst eine Dartscheibe und hat Michael van Gerwen bereits bei einem Showkampf in Australien besucht.

Nun freut er sich erstmal diebisch auf das Match an der Dartscheibe. Er habe selbst eine zu Hause in Warstein, wo er abseits der Tour wohnt. „Vor Jahren war ich vor den Australian Open in Melbourne bei einem Showkampf mit Michael van Gerwen“, sagt er beeindruckt. Der Niederländer ist seit Jahren der dominierende Spieler im Darts. Bevor es im System 501 mit „double out“ losgeht, findet Struff aufmunternde Worte für das Bowlingfiasko. Und vergleicht die Pleite des Reporters mit seinen Niederlagen.

Struff: „Jede verdammte Woche beenden 31 von 32 Spielern das Turnier mit einer Niederlage“

„Es ist oft schwer, die zu verkraften, aber auch Erfolge zu genießen“, sagt er. „Jede verdammte Woche beenden 31 von 32 Spielern das Turnier mit einer Niederlage. Selbst wenn ich gute Leistungen erbracht habe, verlasse ich das Turnier erstmal mit einem negativem Gefühl.“ Als Weltranglisten-57. beendete Struff das Kalenderjahr 2018 mit einer Einzelbilanz von 23:25. Die Negativerlebnisse haben Einfluss auf seinen Alltag. „Manchmal sage ich Termine am nächsten Tag ab, habe keine Lust auf Verabredungen.“ Der Schmerz sei aber gut. „Ich kann aus Niederlagen Kraft ziehen“.

Als Ansprechpartner und Blitzableiter nutzt der zweifache Doppelchampion auf der ATP-Tour in der Regel Liedtke und seinen Trainer Carsten Arriens. Mit dem ehemaligen Davis Cup-Coach arbeitet er seit dreieinhalb Jahren in Köln und in Winden an einem spinorientierteren, flexibleren Spiel. Seine Eltern, die beide Tennistrainer sind, helfen bei Fachgesprächen ebenfalls. „Meine Freundin Madeleine und meine Freunde versuche ich, mit meinen Tennislaunen nicht zu belasten. Aber Tennis ist omnipräsent. Da bleibt es nicht aus, dass ich mit meiner Freundin darüber spreche, was mich beschäftigt. Oder am Handy die Livescores checke und Wiederholungen im TV schaue und mich abartig ärgere. Manchmal muss ich dann wegschalten.“

Struffs Schwerpunkte mit Trainer Arriens

Als Struff sich am Oche (der Abstandslinie zur Dartscheibe) positioniert, wird klar: Das hat er schon öfter gemacht. Gleichzeitig moniert er die Abwurfstellung seines Gegners. „Nicht übertreten“, mahnt Struff und muss sich das Lachen verkneifen. Dass es dennoch keine glasklare Angelegenheit wird für den Tennisprofi, liegt an seiner anhaltenden Doubleout-Schwäche, dem Highscore von 93 und etwas Glück beim Abschluss beim Gegner. Woran hat es gelegen? Das wissen beide nicht so recht. Zähneknirschend verlangt Struff eine Revanche, die er später klar gewinnen wird. Zunächst muss aber die Entscheidung im dritten und letzten Spiel fallen – Airhockey.  Auf einer schwarzen mit Luft betriebenen Tischfläche gilt es, den Puck mit Plastikgriffen im gegnerischen Gehäuse untezubringen. Die Entscheidung fällt trotz 2:4-Rückstand zu Gunsten des Profis, der die Faust ballt und freudestrahlend abklatscht.

Struff: „Froh, einige Spieler nicht mehr sehen zu müssen“

Dann ist Zeit für ein längeres Gespräch. „Ich fand Euer Interview mit Robin Haase (Ausgabe 10/18) toll“, entgegntet Struff zum Thema Freundschaft. Mit dem Niederländer verbindet Struff nicht nur denselben Ausrüster, sondern auch eine der wenigen freundschaftlichen Beziehungen auf der Tour. „Er hat Recht, manche Spieler haben echt keine Manieren. Sie verlassen die Plätze zugemüllt, grüßen nicht. Ich genieße die Zeit als Profi. Aber ich bin froh, dass ich einige Spieler nicht mehr wiedersehen muss, wenn ich irgendwann zurücktrete.“ Es gebe Spieler, so Struff, die seien in Wirklichkeit nicht das, was sie gegenüber den Medien vorgeben würden. „Sie präsentieren öffentlich ein anderes Image. Sie wollen sympathischer wirken, als sie sind. Sowas möchte ich einfach nicht tun. Das bin nicht ich.“ Konkrete Namen möchte Struff nicht nennen.

Im Dreikampf setzte sich Struff durch. Auch tennistechnisch läuft es momentan rund.

Er habe ein sehr gutes Verhältnis zu seinen Doppelpartnern Tim Pütz und Ben McLachlan, mit dem er die ATP-Finals 2018 nur knapp verpasste. Mit Dominic Thiem, mit dem er die Vorbereitung auf Teneriffa absolviert hat, sei er befreundet und generell mit den deutschen Spielern. Es könne gut sein, glaubt Struff in der Selbstreflexion, dass er in- und außerhalb der Umkleide vielleicht etwas zu nett sei. „Aber auch das möchte ich nicht ändern.“ Fast eine Minute lang überlegt er, mit was man ihn so richtig aus der Fassung bringen könne. „Nein, mir fällt gerade echt nichts ein. Ich ticke eher mal innerlich aus“, entgegnet er. Vielleicht hätte ihn eine Niederlage im Kneipensport noch mehr aus der Reserve gelockt. Schlicht: „Struffi“ war in unserem Dreikampf dafür einfach zu stark.

Jan-Lennard Struff trifft am Freitag (nicht vor 15.30 Uhr live auf Sky) auf Rafael Nadal.