Moise Kouame: Wer ist Frankreichs neues Tennis-Wunderkind?
Moise Kouame sorgt in seiner Heimat Frankreich schon länger für Schlagzeilen. Nun hat er in Miami einen beachtlichen Rekord aufgestellt.
Das Schicksal von Wunderkindern – egal, in welchem Bereich – ist nicht immer beneidenswert: Sie wachsen aufgrund ihrer beachtlichen Leistungen in jungen Jahren mit einer Erwartungshaltung der Öffentlichkeit auf, an der viele von ihnen zerbrechen. Nicht jeder ist zum Star geeignet. Gleichzeitig ist es jene Öffentlichkeit, die nach Geschichten von jungen Aufsteigern lechzt: Wenn ein unbekanntes Gesicht das Establishment zum Wackeln bringt, will jeder wissen, welche Person sich dahinter verbirgt.
Moise Kouame: Herausforderer von Alcaraz und Sinner?
Bei Moise Kouame ist das nicht anders. Der gerade erst 17-jährige Franzose wird in seiner Heimat schon derart gehypt, dass manche bereits von Frankreichs Antwort auf Carlos Alcaraz und Jannik Sinner sprechen. Insofern war es nur verständlich, dass neulich im Februar beim Challenger-Turnier in Lille der etablierte französische Ex-Profi Nicolas Mahut seine Landsleute darum bat, man möge ihn, Moise Kouame, doch erst einmal in Ruhe lassen: „Lasst ihn erwachsen werden!“
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Kouame, damals noch 16 Jahre jung, war in Lille ins Viertelfinale vorgestoßen und hatte als Nummer 507 unter anderem den Top 200-Profi Nishesh Basavareddy besiegt. Frankreichs Tennis-Bubble drehte durch. Und Mahut mahnte: „Ich sehe keinen Sinn darin, Artikel zu schreiben, nur weil er das Viertelfinale eines Challengers gewonnen hat. Er hat Futures gewonnen, das ist gut, aber können wir ihn nicht in Ruhe lassen? Er hat noch nichts erreicht! Lasst ihn ein Champion werden, lasst ihn erwachsen werden. Er wird Challenger gewinnen. Er wird sehr schnell sehr gut sein und wir werden viel über ihn reden. Aber im Moment sollten wir ihn in Ruhe lassen.“
Erster Top 100-Sieg für Moise Kouame
Mit Sicherheit hat auch Mahut nicht damit gerechnet, dass seine durchaus berechtigten Warnungen so schnell von aktuellen Geschehnissen überrollt werden. Gut, Kouame verlor zwar das Halbfinale von Lille glatt gegen Luca von Asche. Aber inzwischen ist der Teeanger schon auf einem ganz anderen Level angekommen. Kouame bekam eine Wildcard für das Hauptfeld der Miami Open und schlug dort mit Zachary Svajda seinen ersten Top 100-Spieler. Jetzt lief die Maschine erst so richtig an. Und Mahuts Worte sind längst verklungen.
Les qualités physiques à 17 ans de Moise Kouame 🇫🇷 c’est une folie
Tout n’est pas parfait techniquement mais du côté physique juste WAOUHHHpic.twitter.com/mrVhwdt4v9
— Romain 🎾🇫🇷 (@RomainNextGen) March 19, 2026
Denn Kouame ist der jüngste Sieger auf Masters-1000er-Level seit Rafael Nadal 2003, der damals im Alter von 16 Jahren und 343 Tagen erst Paul-Henri Mathieu und dann seinen damaligen Mentor und Weltranglisten-Vierten, Carlos Moya, am Hamburger Rothenbaum bezwang. Kouame ist mit 17 Jahren und 13 Tagen nun der jüngste Spieler, der jemals ein Match auf Hardcourt im Rahmen eines Masters-1000er-Turniers gewinnen konnte. So ein Erfolg lässt sich nicht mehr einfangen.
Natürlich wird von Kouame spätestens jetzt nichts weniger erwartet als eine Top-Karriere. Er sagt dazu: „Es ist schön zu wissen, dass ich in meinem Alter bereits mit den Leistungen verglichen werde, die starke Spieler im gleichen Alter erbracht haben. Das gibt mir Selbstvertrauen, aber es macht mir auch bewusst, dass ich noch härter arbeiten muss.“
Moise Kouame: Athletik, Power und Eleganz
Wer den Jungen spielen sieht, der kann sich kaum vorstellen, dass er es eines Tages nicht weit bringen wird. Sein Spiel ist super-athletisch und seine Körperbeherrschung – trotz 1,91 Körperlänge – erinnert stark an die von Gael Monfils. Aufschlag und Vorhand sind brutal, seine Beine haben schon jene Kraft, die es braucht, um lange Full-Speed-Rallys mit den „großen Jungs“ mitzugehen. Seine Technik wirkt dabei aber fast elegant, er spielt kein Holzfällertennis. Sein Mindset schließlich ist wohl so gepolt, dass es dem gängigen Klischee einer Gewinnermentalität ziemlich nahekommt: null Selbstzweifel, immer weitermachen, volles Selbstvertrauen, nie aufgeben. So zumindest gibt er sich nach außen.
Bei seinem Erstrundenmatch gegen Zachary Svajda lag er schon 5:7, 3:4, 0:40 hinten, bekam Krämpfe – und gewann schließlich noch mit 5:7, 6:4, 6:4. Danach saß er beim Tennis Channel vor der TV-Kamera und sagte die Dinge, die aufstrebende Tennis-Teenager fast immer in so einer Situation sagen: „Mein Ziel ist es, die Nummer eins der Welt zu werden und viele Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Dafür trainiere ich. Noch ist es ein Traum, aber ich hoffe, dass er bald Wirklichkeit wird“. Und weiter: „Ich möchte Größeres erreichen. Einen Titel zu gewinnen, wird mir nur gelingen, wenn ich mich mental und körperlich weiter verbessere. Das ist nur der erste Schritt.“ Sein nächster Gegner ist der an Nummer 21 gesetzte Tscheche Jiri Lehecka.
Magique 🤩
17-year-old Moise Kouame defeats Zachary Svajda 5-7 6-4 6-4 to become the youngest player to EVER win a match in Miami! pic.twitter.com/zXSngEiXCO
— Tennis TV (@TennisTV) March 19, 2026
Wie schnell manchmal eine Karriere ins Rollen kommt. Kouame steht nun kurz vor den Top 300. Noch zu Beginn des Jahres war er die Nummer 855 der Weltrangliste. Dann gewann er zwei ITF-Turniere in Frankreich und qualifizierte sich in Montpellier für sein erstes ATP-Hauptfeldmatch. Zwölf Siege in Folge sammelte er ein, ehe er von Top 100-Spieler Aleksandar Kovacevic vorerst gestoppt wurde.
Der heilige Gral des französischen Tennisverbandes
Im französischen Tennisverband hatten sie auf diesen Moment schon länger gewartet, doch 2025 hatte Kouame immer wieder Rückenprobleme und konnte sein riesiges Potenzial noch nicht zur Entfaltung bringen. Nun scheint die Verletzung endgültig ausgeheilt zu sein. Seit Anfang Februar hat ihm der französische Tennisverband FFT mit Richard Gasquet einen erfahrenen Ex-Profi als Coach zur Seite gestellt. Gasquet weiß nur zu gut, wie es ist, ein Tennis-Wunderkind zu sein. Er erschien 1996 als Neunjähriger auf der Titelseite des französischen Tennismagazins. Tatsächlich wurde aus ihm ein Weltklassespieler, auch wenn er am Ende keinen Grand Slam-Titel erringen konnte.
Kouame jedenfalls wird vom FFT wie der heilige Gral des französischen Tennis behandelt. Ivan Ljubicic, Leiter der Leistungssportabteilung im FFT, betont immer wieder, dass der Verband alles unternehmen würde, um den Aufsteiger zu unterstützen. „Er kann alle Einrichtungen des Nationalen Trainingszentrums nutzen, von der Videoanalyse bis hin zur medizinischen Prophylaxe. Niemand auf der Welt verfügt über eine so starke und professionelle Struktur wie wir. Wir wollen am Ende nicht sagen müssen, dass wir nicht alles für ihn getan haben“, erzählte er jüngst der L‘Équipe.

Pure Athletik: Moise Kouame begeistert schon jetzt mit seiner Spielweise.Bild: IMAGO
Moise Kouame, dessen Eltern aus Kamerun (Mutter) und der Elfenbeinküste (Vater) stammen, ist im Fördersystem des FFT groß geworden. Geboren und aufgewachsen in Sarcelles, einem Vorort im Norden von Paris, sah er zunächst seinem älteren Bruder Michael beim Tennisspielen zu. Mit fünf Jahren griff er dann selbst zum Racket und bekam erste Trainerstunden. Der FFT lud ihn früh in seine zentrale Talentschmiede nach Poitiers ein. Mit 13 Jahren wechselte er zur Akademie von Justine Henin nach Belgien. Später trainierte er auch kurz an der Mouratoglou Academy in Nizza.
Keine Störgeräusche in Miami
Kouames Trainerfrage umtreibt die französische Tennisszene. Einigen Presseberichten zufolge soll er schon Ex-Profi Gilles Simon und Fachmann Philippe Dehaes aus Belgien „verschlissen haben“. Insbesondere der Fall Dehaes schlug hohe Wellen. Er soll von Kouames Mutter, die neben der Großagentur IMG das Management ihres Sohnes organisiert, abrupt im Februar 2026 entlassen worden sein. An dieser Stelle sprang dann wieder der FFT mit Gasquet ein. Ob das eine Langzeitlösung ist, bleibt abzuwarten. Beobachter rechnen eher damit, dass Emmanuel Planque den Job bald übernehmen wird, der zuletzt vier Jahre mit dem französischen Aufschlag-As Giovanni Mpetshi Perricard gearbeitet hatte.
He’s so real for this 😂
Moise Kouame doesn’t know what to say after his idol Djokovic sent him a DM 🫶 pic.twitter.com/7B6bawnbDp
— Tennis Channel (@TennisChannel) March 19, 2026
In Miami will man sich von solchen Störgeräuschen nicht ablenken lassen. Dafür ist die Erfolgsgeschichte von Moise Kouame viel zu gut, auch weil er sie perfekt weiterdreht. Als er nach seinem Erstrundensieg im Tennis Channel davon sprach, dass er sogar eine Nachricht von seinem Idol Novak Djokovic bekommen hätte, ließ er seiner fast kindlichen Begeisterung freien Lauf – bester Social Media-Stoff natürlich. Höhepunkt war seine Frage an den Moderator, wie er denn auf die Glückwunsch-SMS von Djokovic reagieren könne: „Ich habe keine Ahnung, was ich antworten soll. Oh, mein Gott! Stell dir vor, dein großes Idol schreibt dir so eine Nachricht.“
Showtalent hat der junge Kerl also auch noch. Von Moise Kouame, dem großen französischen Tennis-Wunderkind, wird man noch eine Menge zu hören bekommen – ob man nun will oder nicht.
