Nach fast fünfeinhalb Stunden: Zverev verliert Drama gegen Alcaraz
In einem irren Australian Open-Halbfinale mit mehreren Wendungen unterlag Alexander Zverev in fünf Sätzen dem Weltranglistenersten Carlos Alcaraz.
Nach fünf Stunden und 15 Minuten schlug Alexander Zverev zum Match auf: fünfter Satz im Australian Open-Halbfinale gegen Carlos Alcaraz, 5:4-Führung für den Deutschen. Er hatte es jetzt in der eigenen Hand, wie man in solchen Matchsituationen immer sagt. Jetzt den ersten Aufschlag bringen, am Drücker bleiben. Aber was kann man in diesen Momenten, nach all den Anstrengungen, der aufkommenden Erschöpfung, der mentalen Anspannung noch wirklich kontrollieren? Zverev gab das Aufschlagspiel ab – und wenig später, nach fünf Stunden und 27 Minuten, auch das Match. Er war das längste Halbfinale in der Geschichte der Australian Open.
Bis zur Mitte des dritten Durchgangs hätte man nicht damit gerechnet, dass Zverev überhaupt so weit kommt, ehrlich gesagt. Im ersten Satz verlor er sein Aufschlagspiel zum 4:5 – und gab ihn schließlich mit 4:6 ab. Im zweiten Durchgang führte Zverev 5:2, aber Alcaraz kam zurück, schnappte sich den Satz noch im Tiebreak. Und auch im dritten Satz war der Spanier der dominantere Spieler. Wie so häufig in Alcaraz-Partien war es der Spanier, der den Takt vorgab. Mit seinem Level stiegen oder fielen die Chancen von Zverev. Als der dritte Satz in die entscheidende Phase ging, sah alles nach einem Drei-Satz-Sieg für die Nummer eins der Welt aus.
ABSOLUTE CINEMA 🎬
Alcaraz moves into his first AO final after a five set epic lasting 5 hours 27 minutes against Zverev! @wwos • @espn • @tntsports • @wowowtennis • #AO26 pic.twitter.com/zdBB3yHcxt
— #AusOpen (@AustralianOpen) January 30, 2026
Zverev wütend über Alcaraz-Auszeit
Dann aber kam eine überraschende Wendung: Alcaraz bekam körperliche Probleme. Es sah danach aus, als hätte er Krämpfe in der rechten Wade. Er humpelte, hielt die Ballwechsel möglichst kurz, spielte etliche Stopps. Bei 5:4 nahm er eine medizinische Auszeit. Allerdings: Krämpfe gelten nicht als Verletzung und dürfen eigentlich nicht behandelt werden.
Zverev regte sich entsprechend auf und blaffte einen Offiziellen an: „Er hat Krämpfe. Was sollte es denn sonst sein? Das ist absoluter Schwachsinn. Das ist unglaublich. Das kann nicht sein. Das ist doch nicht dein Ernst. Du beschützt die beiden. Es ist unglaublich.“ Später in seiner Pressekonferenz sagte Zverev: „Alcaraz hatte einen Krampf. Normalerweise kann man wegen eines Krampfes keine ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Was soll ich denn machen? Es ist nicht meine Entscheidung. Mir hat es nicht gefallen, aber es ist nicht meine Entscheidung.“
War es denn wirklich eine Vorzugsbehandlung für den Weltranglistenersten? Alcaraz ließ sich am Oberschenkel behandeln, nicht an den Waden. Bei 6:5 für Alcaraz gab es die nächste Oberschenkel-Massage. Zverev, der mit dem angeschlagenen Gegner so seine Probleme hatte, stabilisierte sich im Tiebreak des dritten Satzes und gewann ihn – nur noch 2:1-Satzführung für Alcaraz.
Zverev schafft den Satzausgleich
Im vierten Durchgang wirkte der Spanier zu Beginn weiterhin lädiert. Seinem Team gab er zwischendurch zu verstehen, dass er sich sogar erbrochen habe. Es lag sogar eine Aufgabe in der Luft. Aber irgendwie kämpfte er sich durch dieses tiefe Tal und blieb im Satz. Großen Anteil daran hatte sein Coach Samuel Lopez, der nach dem Ausscheiden von Juan Carlos Ferrero die Verantwortung im Trainerteam übernahm.
Er gab seinem Schützling immer wieder zu verstehen, dass er die Ruhe bewahren sollte – trotz seiner Leidensphase. Und tatsächlich wurde Alcaraz nicht panisch oder hektisch, er blieb konzentriert und spielte abwartend. Je länger der Satz dauerte, desto mehr erholte er sich. Was ihm vermutlich zusätzlich half: Pickle Juice, Gurkenwasser. Also kein echtes, in dem tatsächlich mal Gurken schwammen, sonder ein speziell zubereitetes Getränk aus Natrium, Kalium und Essig. Das nahm er schon im Sensations-Finale von Paris gegen Jannik Sinner zu sich. Krämpfe sollen sich so um bis zu 40 Prozent besser beheben lassen als durch reines Wasser, berichtete damals die BBC. Als schließlich auch der vierte Durchgang im Tiebreak mündete, waren die Protagonisten spielerisch mehr oder weniger wieder auf Augenhöhe. Umso wichtiger für Zerev, dass es sich diesen Shot-Out holte – Satzausgleich.
Dann der fünfte Satz. Zverev nutzte gleich das Momentum und breakte zum 2:0. Nun aber hatte sich Alcaraz mehr oder weniger vollständig erholt. Er ging wieder die langen Wege, kämpfte um jeden Punkt. Zverev hielt dagegen mit eisernem Willen. Es war bewundernswert, wie sehr er bei sich blieb, während Alcaraz nach Zauberpunkten das Publikum immer tiefer in die Partie zog. In fast jedem Aufschlagspiel des Deutschen hatte Alcaraz nun Breakchancen, aber Zverev servierte sich durch bis zur 5:3-Führung.
Poor Sascha pic.twitter.com/U9VHm0VOmm
— Eric Salliot (@ericsalliot) January 30, 2026
Zverev leicht verunsichert in der Crunch-Time
Crunchtime in einem Grand Slam-Halbfinale nach mehr als fünf Stunden Spielzeit. So lange hatte Zverev noch nie zuvor in seiner Karriere während eines Matches auf dem Platz gestanden. Vielleicht war das alles zu viel für ihn, denn nun wirkte er tatsächlich etwas verunsichert. Zwischen den Ballwechseln wankte er fast schon; sein Gegenüber strotzte nun wieder vor Energie.
Am Ende machte der Spanier vier Spiele in Folge, gewann 6:4, 7:6, 6:7, 6:7, 7:5 im drittlängsten Match der Australian Open-Geschichte. Länger war nur das Finale Djokovic gegen Nadal 2012 (5 Stunden, 53 Minuten) und das Zweitrundenspiel Murray gegen Kokkinakis 2023 (5 Stunden, 45 Minuten).
Carlos Alcaraz and Alexander Zverev just played the 3rd longest match in Australian Open history.
Djokovic/Nadal 2012 – 5h53m
Murray/Kokkinakis 2023 – 5h45m
𝐀𝐥𝐜𝐚𝐫𝐚𝐳/𝐙𝐯𝐞𝐫𝐞𝐯 𝟐𝟎𝟐𝟔 – 𝟓𝐡𝟐𝟕𝐦
Nadal/Medvedev 2022 – 5h24m
Karlovic/Zeballos 2017 – 5h15m pic.twitter.com/SKjtOQ3vIb
— The Tennis Letter (@TheTennisLetter) January 30, 2026
Alcaraz, der Entfesselungskünstler. Er hat nun 16 Fivesetter in seiner Karriere bestritten und tatsächlich 15 davon gewonnen. Und noch eine Statistik spricht für ihn: Von den 13 Matches in seiner Karriere, die länger als drei Stunden und 50 Minuten dauerten, hat er nun zwölf gewonnen. Auf der Grand Slam-Langstrecke, so wirkt es, ist fast nicht zu schlagen. Wie macht er das nur immer wieder?
„Mit Glauben, du musst immer dran glauben“, antwortete er im On Court-Interview mit Jim Courier. Aber er gab zu, dass ihn der Sieg gegen Zverev selbst etwas überrascht hatte: „So etwas habe ich noch nie erlebt.“ Alcaraz hat nun die Chance, am Sonntag den „Career Grand Slam“ zu komplettieren – als jüngster Spieler der Tennishistorie. Ihn fehlt nur noch der Titel in Melbourne; in Paris, Wimbledon und New York hat er bereits mehrfach gewonnen. Mit 22 Jahren und 258 Tagen ist jetzt schon jüngste Spieler in der Open Era, der bei allen vier Grand-Slam-Turnieren das Finale im Herreneinzel erreicht hat.
Alexander Zverev hat in Melbourne hingegen wieder nicht sein großes Karriereziel, einen Grand Slam-Titel, erreicht – obwohl er im Turnierverlauf und auch im Halbfinale gegen Alcaraz phasenweise das beste Tennis seines Lebens spielte. Das vierte Grand Slam-Endspiel seiner Karriere war nicht weit entfernt und hatte den aktuell weltbesten Spieler am Rande einer Niederlage, doch am Ende hat es nicht ganz gereicht: „Es war ein unglaublicher Kampf, leider mit einem unglücklichen Ende für mich. Aber um ehrlich zu sein, hatte ich nichts mehr in meinem Tank.“
