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Auf dem Platz voll konzenztriert, abseits davon auch ein Charmeur: Jannik SInner. Bild: IMAGO

Warum Jannik Sinner mein Held und das wahre Gesicht des Tennis ist

Unser Praktikant schwärmt für Jannik Sinner. In seinem ersten Artikel für uns erklärt er, warum er den Südtiroler so mag.

Nun ist es also offiziell: Jannik Sinner beendet seine Saison 2026 vorzeitig. Als die Meldung über meinen Bildschirm flackerte, saß ich erst einmal regungslos da. Ich hatte es tief in meinem Inneren geahnt, und doch tat es weh, es schwarz auf weiß zu lesen: Meinen Lieblingsspieler werde ich 2026 nicht mehr auf dem Platz sehen.

Die letzten Wochen waren für mich eine emotionale Achterbahnfahrt aus Hoffen, Bangen und ständigen Aktualisierungen des News-Feeds. Nach der bitteren US-Open-Absage klammerte ich mich an jeden Trainingsvideofetzen, der durch Web schwirrte, und hoffte auf ein spätes Comeback bei der Asien-Tour oder ein versöhnliches Saisonende bei den ATP-Finals. Ich redete mir ein: „Vielleicht reicht die Zeit, vielleicht hält das Knie, vielleicht sehen wir ihn noch einmal zaubern.“ Doch die Realität hat zugeschlagen. Die Vernunft hat über den Ehrgeiz gesiegt.

Es ist ein groteskes Gefühl. Wenn ich nur auf die Statistik blicke, müsste ich als Sinner-Fan im siebten Himmel schweben: Fünf Masters-Titel in Serie, der Triumph in Wimbledon, die Rückkehr auf Platz eins der Weltrangliste. Trotzdem fühlt sich dieses Jahr seltsam unvollendet an. Weil ich weiß und weil wir alle gesehen haben, wie nah Jannik dran war, Tennis-Geschichte für die Ewigkeit zu schreiben.

Ständiges Wechselbad als Sinner-Fan

Mein Jahr mit ihm war ein ständiges Wechselbad zwischen Euphorie und Ohnmacht. Schon bei den Australian Open fing das Zittern an. Als er in der dritten Runde gegen Spizziri von Ganzkörperkrämpfen geschüttelt wurde und hilflos in seine Box rief, litt ich vor dem Bildschirm jede Sekunde mit. Ich hätte ihm am liebsten durch die Mattscheibe zugerufen, er solle sich da irgendwie durchbeißen.

Dass im Halbfinale gegen Novak Djokovic trotz überlegenem Spiel die Nerven versagten, tat weh. Doch wie Sinner darauf reagierte, zeigte mir wieder, warum ich ihn so bewundere. Er haderte nicht, er beschwerte sich nicht, er gewann einfach die nächsten fünf Turniere. Irre!

Vor Roland Garros war ich mir sicher: Jetzt holt er sich das letzte fehlende Puzzleteil zum Karriere-Grand Slam. Alles schien perfekt angerichtet. Und dann kam diese verhängnisvolle zweite Runde gegen Juan Manuel Cerundolo. Eine 6:3, 6:2, 5:1-Führung. Der Sieg war eigentlich schon eingetütet. Plötzlich brach sein System vermutlich hitzebedingt zusammen.

Fassungslos vor dem Fernseher

Sinner bewegte sich nur noch im Schritttempo und ich saß fassungslos vor dem Fernseher. Eineinhalb Stunden lang mitansehen zu müssen, wie dein Spieler gegen den eigenen Körper verliert, zerreißt einem das Fan-Herz. Nach dem Match brauchte ich erstmal Zeit, um mich zu sammeln.

Doch Sinner tat das, was nur die Größten können. Er stand auf, fuhr ohne ein Vorbereitungsturnier auf Rasen nach London und verteidigte in einem mitreißenden Finale gegen Alexander Zverev seinen Wimbledon-Titel. Es sollte sein letztes Match des Jahres bleiben. Wer hätte das damals gedacht?

Doch warum drücke ich Sinner überhaupt die Daumen? Jahrelang war Rafael Nadal mein unangefochtenes Idol, mein absoluter Lieblingsspieler. Seine unbändige Energie, sein Kampfgeist und seine Demut haben meine Liebe zu diesem Sport überhaupt erst geprägt. Als Nadals Karriere sich dem Ende neigte, beschlich mich eine große Leere und ich stellte mir die bange Frage: „Wird Tennis ohne Rafa jemals wieder denselben Zauber haben? Kann mich überhaupt noch einmal ein Spieler so emotional mitreißen?“

Sinner ist mehr als eine Ballmaschine 

Dann kam Jannik Sinner und er hat diesen Spaß, diese pure Leidenschaft für den Sport in mir wieder zum Leben erweckt. Er tut das auf eine ganz andere, aber nicht minder faszinierende Weise. Viele reduzieren ihn auf das „Schweizer Uhrwerk“, auf diese unbarmherzige Ballmaschine, die von der Grundlinie mit beängstigender Präzision agiert. Doch für mich ist es vor allem seine Haltung.

In einer Sportwelt, die oft von lauter Selbstdarstellung, zertrümmerten Schlägern und unsäglichen Schiedsrichter-Diskussionen geprägt ist, ist Jannik mein Ruhepol. Er braucht kein Gehabe, keine künstliche Show. Er lässt schlicht sein Racket sprechen. Er verkörpert die Werte, die ich am Sport liebe: Disziplin, Verlässlichkeit und maximalen Respekt vor dem Gegner.

Die Schwächen machen ihn menschlich

Dass er diese Schwächephasen hat, dass sein Körper ihm manchmal Grenzen setzt, macht ihn für mich nicht schwächer. Es macht ihn menschlich. Er ist eben keine programmierte Maschine. Er ist ein Kämpfer, der sich jeden Millimeter auf dem Court abverlangen muss.

Sinner

Hoffnungsschimmer: Mitte September stand Jannik Sinner in Monte Carlo auf dem Trainingsplatz. Für ein Comeback nach der Knieverletzung reichte es aber nicht. Sinner beendete seine Saison vorzeitig.Bild: IMAGO

Was mich aber endgültig zu seinem größten Bewunderer gemacht hat, passierte abseits aller Matchbälle. Im Mai in Rom, als er an den Händen krebskranker Kinder den Court betrat. Ich werde nie vergessen, wie die kleine Sofia an seiner Hand strahlte und Sinner mit feuchten Augen dastand.

Als er im anschließenden Interview mit einer entwaffnenden Demut sagte, wie unbedeutend Tennis im Vergleich zu den Schicksalen dieser Kinder sei, hatte ich eine Gänsehaut. Dieser Junge aus den Südtiroler Bergen hat Millionen auf dem Konto und Trophäen in der Vitrine, aber er hat sein Herz am richtigen Fleck behalten. Für ihn zählte nicht der nächste Pokal, sondern das Lächeln dieser Kinder.

Sinner wird stärker zurückkommen

Ja, diese Saison endet mit einem bitteren Beigeschmack und dem leisen Gedanken: „Was wäre dieses Jahr alles möglich gewesen?“ Doch genau das macht das Fan-Dasein aus. Wahre Loyalität beweist sich nicht beim Jubeln über Trophäen, sondern im gemeinsamen Durchstehen der Tiefschläge.

Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sinner stärker, hungriger und reifer zurückkommen wird. Und wenn er 2027 den Court betritt, werde ich wieder vor dem Bildschirm sitzen, mitfiebern, bangen und stolz darauf sein, dass dieser Ausnahmesportler mein Lieblingsspieler ist.

Jannik Sinner

Zum Autor: Raphael Tani studiert in Hamburg und absolviert derzeit ein Praktikum bei der Redaktion von tennis MAGAZIN. Als begeisterter Tennisspieler steht er selbst regelmäßig auf dem Court und verfolgt das internationale Tour-Geschehen mit großer Leidenschaft.