Stan Wawrinka

Wie gemalt: Die einhändige Rückhand von Stan Wawrinka gehört zu den schönsten Schlägen der Tennisgeschichte. Bild: Imago

Stan Wawrinka und der Zauber des Abschieds

Der 40-jährige Stan Wawrinka spielte am Australian Open nochmals gross auf und wurde enthusiastisch gefeiert. Seine Abschiedstournee in dieser Saison soll eine Liebeserklärung ans Tennis werden. 

Text: Simon Graf

Der kolumbianische Schriftsteller Gabriel García Márquez hätte wahrscheinlich zufrieden gelächelt, hätte er Stan Wawrinka bei seinen letzten Auftritten im Melbourne Park erlebt. Der Nobelpreisträger, weltberühmt geworden durch sein Werk «Hundert Jahre Einsamkeit» und 2014 mit 87 verstorben, schrieb einmal den wunderschönen Satz: «Wenn ich wüsste, dass ich dich zum letzten Mal sehe, würde ich dir sagen, dass ich dich liebe – statt töricht anzunehmen, du wüsstest es längst.»

Ob Wawrinka dieses Zitat kennt oder nicht, jedenfalls handelt er danach. Seine letzten Auftritte am Australian Open waren eine einzige Liebeserklärung ans Publikum und ans Tennis. «Das tue ich alles wegen euch», sagte er im Platzinterview nach seinem Startsieg über Laslo Djere mit feuchten Augen. «Danke, danke, danke! Es war eine lange Reise. Sie war wunderbar. Ich habe so viele Erinnerungen hier. Es war unglaublich. Der Grund, wieso ich zurückgekehrt bin, ist die Liebe, die ihr mir gebt», sagte er zum Publikum. «Danke vielmals.»

Zeit zum Anstossen in Melbourne

Sein zweitletztes Spiel in Melbourne, das er gegen den jungen Franzosen Arthur Géa nach über viereinhalb Stunden im Match-Tiebreak des fünften Satzes gewann, bezeichnete er rückblickend als eine der schönsten Erfahrungen überhaupt in Australien. «Ich hatte noch nie so viel Support gehabt und solch starke Emotionen verspürt wie in diesem Spiel. Ich konnte es in vollen Zügen geniessen, wie die Zuschauer so richtig Spass hatten», schwärmte er.

Als sich Wawrinka dann in der folgenden Runde nach vier hart umkämpften Sätzen gegen Top-10-Spieler Taylor Fritz verabschieden musste, tat er das nicht nur mit berührenden Worten des Dankes, sondern auch mit einem Augenzwinkern: Nach der Laudatio von Turnierdirektor Craig Tiley auf ihn eilte er zu seiner Kühltruhe und nahm zwei Dosen Bier heraus. «So Craig, jetzt ist Zeit zum Anstossen», sagte er verschmitzt lächelnd und reichte Tiley eine.

Stan Wawrink

Prost!: Nach seinem letzten Match an den Australian Open stiess Stan Wawrinka mit Turnierboss Craig Tiley an und hielt eine emotionale Abschiedsrede.Bild: Imago

Für Wawrinka heisst Abschiednehmen vom Tennis nicht, eine traurige Miene herumzutragen. Sondern, es nochmals so richtig auszukosten. Lange rang er mit der Frage, wie er seine Karriere abschliessen solle. Am liebsten hätte er ewig weitergespielt. Doch er musste einsehen: Das geht nicht. 2025 hangelte er sich von Turnier zu Turnier, stets begleitet von der bangen Frage: Wie lange noch? Dann nahm er sich im Oktober, November und Dezember Zeit, um über alles nachzudenken, und gab vor Weihnachten bekannt: 2026 wird seine letzte Saison.

Stan Wawrinka: „Ich möchte meine Grenzen nochmals hinausschieben”

Er weiss nun: Überall, wo er antritt, wird es das letzte Mal sein. Was aber nicht heisst, dass er um die Tenniswelt tourt, um einfach Adieu zu winken. Im Gegenteil. Er will nochmals alles aus sich herauspressen, nochmals zeigen, was in ihm steckt: «Ich bin ein Wettkämpfer. Ich will eine volle Saison durchspielen und zurück in die Top 100», sagt er. «Ich weiss, es wird Nostalgie geben. Aber ich möchte meine Grenzen nochmals hinausschieben. So wie ich das während meiner ganzen Karriere getan habe. Ich liebe das Tennis viel zu sehr, um das letzte Jahr locker zu nehmen. Deshalb habe ich nochmals sehr hart trainiert.»

Ein letztes Mal schickte er sich mit Fitnesstrainer Pierre Paganini im November und Dezember in eine intensive Saisonvorbereitung. Motiviert wie immer. Wie fit er ist, zeigte sich im Marathonspiel gegen den 19 Jahre jüngeren Géa, der im entscheidenden Match-Tiebreak von Krämpfen geplagt war. Altmeister Wawrinka hingegen waren die Strapazen kaum anzusehen.

Die Ankündigung seiner finalen Saison scheint für Wawrinka wie ein Befreiungsschlag. So stark wie in Australien hat man ihn schon lange nicht mehr gesehen. Am United-Cup schlug er Top-30-Spieler Arthur Rinderknech und zwang den starken Italiener Flavio Cobolli in ein entscheidendes Tiebreak. Am Australian Open spielte er gegen Fritz vier Sätze auf Augenhöhe, in den Ballwechseln war er sogar stärker. Doch der Amerikaner, ganz cool, entschied die Partie mit seinem überragenden Aufschlag.

Stan Wawrinka

Kraftvoll:
Stan Wawrinka spielte zum 20. Mal an den Australian Open.Bild: Imago

Symbolisch war der letzte Winner Wawrinkas in Melbourne. Nach einem Rückhandduell mit Fritz zog er seine einhändige Rückhand voll durch und setzte den Ball crosscourt präzise ins Eck. Die Zuschauer tobten. Die Szene ging auf den sozialen Medien viral.

Ein Zitat als Lebensmotto

Der Romand war in Melbourne der erste Spieler seit 48 Jahren und dem legendären Ken Rosewall, der nach dem 40. Geburtstag die dritte Runde erreichte. Mit seinem 49. Fünfsatz-Match auf der Grand-Slam-Bühne stellte er einen Rekord in der Profiära (seit 1968) auf. Eines dieser Marathonspiele war der Wendepunkt in seiner Karriere, obschon er es verlor: 2013 unterlag er Novak Djokovic in Melbourne im Achtelfinal in einer epischen Partie mit 10:12 im fünften Satz. Nach über fünf Stunden.

Zunächst war Wawrinka am Boden zerstört, doch danach nahm er jene spektakuläre Niederlage als Motivation. Aus Australien zurückgekehrt, liess er sich das Zitat des irischen Schriftstellers Samuel Beckett auf den linken Unterarm stechen: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Der Spruch wurde zu seinem Mantra und nahm seine grossen Siege der folgenden Jahre vorweg.

2014 revanchierte er sich in Melbourne im Viertelfinal gegen Djokovic: Nach 14 Niederlagen in Folge gegen den Serben rang er diesen mit 9:7 im fünften Satz nieder. Der Halbfinal gegen Tomas Berdych fiel ihm leicht, fürs Endspiel hoffte er auf Rafael Nadal als Gegner und nicht auf seinen Kumpel Roger Federer. Weil sie sich so nahe seien, sei für ihn gegen Federer auf dem Court stets alles komplizierter gewesen, verriet er im Tennis-Podcast «Nothing Major» mit den früheren US-Profis Sam Querrey, Steve Johnson und Jack Sock. «Gegen Rafa konnte ich einfach drauflosspielen.»

Stan Wawrinka wird vom Kämpfer zum Mann für die grossen Spiele

Der Spanier schlug Federer im Halbfinal, und Wawrinka tat, was er sich vorgenommen hatte: Er spielte im Final einfach drauflos und schlug Nadal in vier Sätzen. Wobei Nadal im Verlaufe der Partie Rückenprobleme bekam, aber fertig spielte. Jener Sieg veränderte die Karriere Wawrinkas: Er wurde vom grossen Kämpfer zum Mann für die grossen Spiele. Im Davis-Cup-Final 2014 in Lille trug er die Schweizer zum Titel. Und er gewann drei von vier Grand-Slam-Endspielen – in Paris 2014 und New York 2015 jeweils gegen Djokovic.

Stan Wawrinka

Der erste von drei Major-Titeln: Nach seinem Finalsieg gegen Rafael Nadal an den Australian Open 2014 bekam Stan Wawrinka den Pokal von Pete Sampras überreicht.Bild: Imago

Der Serbe hat ihm das nie übel genommen. Die beiden leidenschaftlichen Kämpfer verbindet eine Freundschaft. In Melbourne sagte Djokovic über Wawrinka: «Ich bin stolz, ihn einen Freund und einen Rivalen nennen zu dürfen. Er ist jemand, der mich ganz sicher inspiriert hat: mit seiner Langlebigkeit, mit seiner Hingabe an den Sport. Sein Vermächtnis wird auf jeden Fall bleiben und in jüngeren Generationen weiterleben, die zu ihm aufschauen. Er hat alles auf die richtige Art gemacht und jeden Applaus verdient, den er in Melbourne bekommen hat. Wenn er weg ist, wird dem Tennis ein grosser Spieler und ein grossartiger Mensch fehlen.»

Er habe nie davon geträumt, Grand-Slam-Titel zu gewinnen, sagte Wawrinka einmal. «Mein Traum als kleiner Junge war, Tennisprofi zu werden. Ich habe immer Schritt für Schritt genommen. Seit ich jung war, habe ich mich ständig gepusht, um die beste Version meiner selbst zu werden. Denn das ist das Einzige, was ich kontrollieren kann. Was dann im Spiel passiert, weiss man nie.»

Stan Wawrinka: Auf die harte Tour

Was ihn von vielen Champions unterscheidet, ist nicht nur die Wucht seiner Rückhand, sondern die Art, wie er sich seine Karriere erarbeitet hat. Auf die harte Tour. Er war nie der Auserwählte, nie der Wunderknabe. In einer Ära, in der Federer, Nadal und Djokovic das Tennis wie eine geschlossene Gesellschaft wirken liessen, fand er mit seiner Hartnäckigkeit eine Tür zum Erfolg, die anderen verborgen blieb. Er kam spät nach vorne, blieb lange und öffnete sich im Herbst seiner Karriere in der Öffentlichkeit als Mensch zusehends.

Das war auch am United-Cup zu spüren, wo er mit seiner Hingabe und seinem Humor das Herz des Schweizer Teams war. «Ich kannte ihn schon von früher, aber nicht so gut», sagte Belinda Bencic. «Jetzt haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Ich muss wirklich sagen: Hut ab vor Stan. Wie er das ganze Team gepusht und zusammengeschweisst hat, wie viel Energie er als Spieler auf den Platz bringt, wie hart er trainiert und wie professionell er arbeitet – wie er immer alles gibt. Mich hat sehr beeindruckt, wie er in seinem Alter immer noch mit soviel Herzblut dabei ist.»

Wahrscheinlich erklärt das, wieso ihn die Tennisfans nicht nur in Melbourne, sondern auf der ganzen Welt so verehren. Man darf sich auf Wawrinkas letzte Auftritte an Roland Garros, am US Open, bei den Basler Swiss Indoors freuen. Wer Tennis liebt, sollte ihn unbedingt noch einmal live erleben.