Alexander Zverev

Alexander Zverev: Der Messias

Alexander Zverev steht bei den French Open erstmals in einem Grand Slam-Viertelfinale. Dem 21-jährigen Deutschen gehört die Zukunft im Herrentennis. Da sind sich die Experten sicher. Grund für uns, im Archiv zu kramen und auf Spurensuche zu gehen, wie die Karriere von „Sascha” Zverev begann. In der Ausgabe 4/2016 im tennis MAGAZIN war der gebürtige Hamburger zum ersten Mal auf dem Titel – mit einem ausführlichen Porträt. 

Als Alexander, genannt Sascha, Zverev vor zwei Monaten in Melbourne in der ersten Runde gegen Andy Murray ausgeschieden war, hätte man meinen können, er sei als Tennistourist in Australien geblieben. Mit dem Shuttle fuhr er, die Akkreditierung um den Hals baumelnd, in T-Shirt und Shorts von seinem Hotel in Downtown auf die Anlage, spazierte durchs Players Restaurant, flitzte mit Comedian Oliver Pocher die Stufen der Rod Laver-Arena hinunter, um sich ein Match von Roger Federer anzusehen – die beiden verstehen sich bestens seit dem Hopman Cup in Perth, wo Zverev mit Pocher-Freundin Sabine Lisicki im Mixed antrat. Anschließend kehrte der Blondschopf entspannt ins Hotel zurück. 

Der Eindruck täuscht. Alexander Zverev, 18 Jahre alt, 1,98 Meter groß, Anfang März die Nummer 58 der Weltrangliste, verfolgt andere Ziele. Er will nicht zuschauen. Er will mitmischen im Konzert der Großen. In Melbourne blieb er, weil er dort Möglichkeiten hatte, von denen andere Talente seines Jahrgangs nur träumen können – Trainingseinheit mit Federer, Drillsession mit Novak Djokovic. 

Alle Zutaten für einen Superstar

Bei den US Open 2015 trug Zverev ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Hit the ball as loud as you can.“ Dort hätte auch stehen können: Hey, jetzt komm’ ich. Und ich bin bereit, alles dafür zu tun, um in den nächsten Jahren die Tenniswelt aus den Angeln zu heben. 

Zumindest spricht sie über ihn – auch weil seine Entwicklung rasend schnell zu gehen scheint. Auf die Pleite gegen Murray in Melbourne (1:6, 2:6, 3:6) folgten starke Auftritte in der europäischen Hallensaison. Mitte Februar in Marseille scheiterte Zverev erst mit 5:7 im dritten Satz am Weltranglistensiebten Tomas Berdych. In der Weltrangliste kratzt er bereits an den Top 50.

Wo ist die Grenze? Ist er der Messias, auf den Tennis-Deutschland seit den Zeiten von Boris Becker und Michael Stich wartet? Sorgt er für den langersehnten Boom? Kann er das schaffen, was den hochgelobten Tommy Haas und Nicolas Kiefer nicht gelang: dauerhaft in den Top Ten stehen, Grand Slam-Turniere gewinnen? 

Hört man sich in der Szene um, kommt man zu dem Schluss, dass er es kann. Zverev, so die einhellige Meinung der Experten, bringe alle Zutaten mit, um ein Superstar seiner Sportart zu werden – auf und neben dem Platz. Letztes Jahr rief Ivan Lendl einem der deutschen Scouts bei einem Turnier zu: „Ihr braucht euch um die Zukunft keine Sorgen zu machen. Ihr bekommt bald eine Nummer eins.“ 

Lendl: „Dann wird er eine Macht sein”

Der Tscheche, 270 Wochen lang Weltranglistenerster, neigt gewöhnlich nicht zu Euphorie. Der Amerikaner John Isner, aktuell die Nummer elf der Welt und mit 2,08 Meter zehn Zentimeter länger als Zverev, urteilte schon vor Monaten: „Wenn der Kerl einmal richtig in seinen Körper hineingewachsen ist, dann wird er eine Macht sein.“

Vor Turnierbeginn von Wimbledon 2015 veröffentlichte die britische Tageszeitung Daily Mail eine Story mit der Überschrift: „Watch out for Wimbledon’s new kids on the block.“ Dazu präsentierte man ein Foto mit Nachwuchsspielern, die im feinen Zwirn am Netz eines Rasencourts vor dem Clubhaus des All England Clubs posierten. In Bewegung war nur einer – Alexander Zverev. Er sprang, das weiße Hemd lässig aus der Hose hängend, übers Netz mit einem Lachen so breit wie die Themse. Jungprofis wie der Kroate Borna Coric (19, schon einmal die Nummer 33 der Welt), der Australier Thanasi Kokkinakis (19, bestes Ranking 69) und der Koreaner Hyeon Chung (19, 51) standen daneben wie Statisten – die Oberhemden brav in die Hose gesteckt.

Ein paar Monate später – wieder in London – wurde Zverev beim Saisonfinale der besten Acht von der ATP als „Star of tomorrow“ ausgezeichnet. Sein Name flimmerte in großen, roten Lettern auf der Videowand. 10.000 Zuschauer waren Zeuge in der O2-Arena.

Ist Alexander Zverev also „the special one“, wie die Engländer sagen würden? Das tennis MAGAZIN auf Spurensuche!

Sein erster Tennisclub. Kühl ist es an diesem Wintermorgen am Uhlenhorster Hockey Club im noblen Hamburger Stadtteil Hummelsbüttel. Die 18 Außenplätze liegen verwaist da. Drinnen im Clubhaus stehen Vitrinen vollgestopft mit Pokalen. An einem Tisch sitzt Graeme Notman, 66, und trinkt Kaffee. 36 Jahre war er Tennischef beim UHC. Jetzt ist er Rentner. Notman hat die Anfänge der Familie Zverev hautnah miterlebt.

Von Mölln nach Hamburg

Wer über Alexander Zverev spricht, landet immer auch bei der Familie, bei Vater Alexander senior, Mutter Irena und Bruder Mischa. Die Bindungen sind dick wie Schiffsseile. Zverevs Geschichte beginnt, als sein Vater, der 36-mal für die damalige UdSSR im Davis Cup auflief, in den 90er Jahren als Trainer in Deutschland landet – erst in der Till Eulenspiegel-Stadt Mölln und dann in Hamburg.

Notman, gebürtiger Schotte, hat ihn eingestellt. Er sagt: „Der Club war froh, so einen Mann zu haben. Er war eine Bereicherung und gut fürs Image.“ Wobei: Der UHC war immer ein bekannter, nobler Verein mit einer Tradition, die bis zum Beginn des 20.Jahrhunderts zurückreicht. Auch Michael Stich ist Mitglied. Als der Wimbledonsieger von 1991 im letzten Sommer für die Herren 30 in der Bundesliga spielte, drängten sich 500 Zuschauer um den kleinen Centre Court – großes Theater. 

Die Anfänge der Zverevs in Deutschland liefen eher unter dem Radar. „Die machen ihr Ding“, raunte man sich im Club zu. Auf Vereinsfesten traf man sie nicht. Wer ihnen Böses wollte, attestierte ihnen eine Mentalität wie zu Zeiten des Eisernen Vorhangs. Was insofern ins Bild passt, als dass die Zverevs untereinander nur Russisch sprachen – was sie bis heute tun.

 Die meisten Clubmitglieder aber sahen in den Zverevs bescheidene, bodenständige, höfliche, ehrliche und vor allem sehr ehrgeizige Leute. Notman sagt: „Es war spannend, die Entwicklung von zwei jungen Menschen zu erleben, die aufwuchsen, um Tennisprofi zu werden.“ Mischa und Sascha – fast zehn Jahre liegen zwischen den Brüdern, der eine ist Jahrgang 1987, der andere 1997.  

Unterschiedliche Brüder

Der Erstgeborene hat es schwer. Wenn die Kommandos des Vaters über Platz zwölf hallten – dort wurde in der Regel trainiert – , liefen schon mal Tränen bei Mischa. In der Pubertät lehnt er sich gegen den Vater auf, eine Chance hat er nicht. Alexander senior ist ein Schleifer, ein harter Hund. Sein Wort ist Gesetz, sein Rezept heißt Drill. „Gute alte russische Schule“, nennt das Notman und rührt in seinem Kaffee, „aber ohne Härte gibt es keinen Erfolg.“

Schnell gehört Mischa zu den besten Junioren Hamburgs. Mit 14 spielt er in der ersten Herrenmannschaft. Er reist zu Jugendturnieren in ganz Deutschland. Mit 16 ist er als eines der größten deutschen Talente weltweit im Einsatz. Wenn der Vater ihn auf Turniere begleitet, übernimmt Frau Irena – ebenfalls Coach und eine sehr gute Spielerin – das Clubtraining . Sie ist das Backup, muss einspringen, um Geld zu verdienen. Zwar gibt es kleinere Sponsoren, Zuschüsse vom Club und Vater Zverev sichert sich wegen seiner guten Kontakte in der Szene einen Nike-Vertrag, aber noch ist nicht klar, wie das Abenteuer Profitennis ausgehen wird.

Klar ist nur: Es ist der gemeinsame Weg eines Clans. Schon als kleines Kind lernt Alexander Zverev die Tenniswelt kennen: Wimbledon und Melbourne, Djokovic und Murray – die gleichaltrigen Konkurrenten des Bruders.

Vom Charakter könnten die Brüder nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite der eher sanfte, ruhige, nachdenkliche, introvertierte Mischa. Er liest Psychologiebücher und Ratgeber über Lebensstrategien. Auf der anderen Seite der Hitzkopf „Sascha“, der Schläger schmeißt, auf dem Platz rumbrüllt und nichts so sehr hasst wie zu verlieren. Je älter er wird, desto mehr strotzt er vor Selbstvertrauen. Zuweilen wirkt er arrogant. Angst vor Druck hat er nicht. Wenn es um die Big Points geht, ist er da. Tennis ist sein Lebenselexier. Graeme Notman sagt: „Sascha hat das gewisse Etwas, das Siegergen.“ Sein großer Vorteil: Er wächst im Windschatten des Bruders auf. Beim Training mit dem Zweitgeborenen ist der Vater gnädiger. Vielleicht hat auch er gelernt: Nur mit Druck geht es nicht.

Hass zu verlieren als Antriebsfeder

Denn die Geschichte von Mischa Zverev ist eine von unerfüllten Erwartungen. Zwar schafft er es bis auf Platz 45, aber Verletzungen machen ihm immer wieder zu schaffen. Am Ende sorgt auch die Vorhand-Schwäche dafür, dass es für die große Karriere nicht reicht. Als der Familie klar wird, dass das weit größere Projekt Alexander Zverev heißt, schwindet der Druck beim Bruder. Er wirkt geradezu befreit. Bedingungslos stellt er sich hinter den Jüngeren, ist Ratgeber und Hittingpartner. Es ist ein inniges, herzliches Verhältnis zwischen den beiden, vielleicht vergleichbar mit dem der Klitschko-Brüder.

„Der Tag, an dem Sascha mich das erste Mal schlägt, wird für mich ein schöner Tag sein, weil ich dann weiß, dass wir alles richtig gemacht haben“, hat Mischa Zverev einmal gesagt. Bei einem ATP-Turnier traten die beiden  bislang noch nicht gegeneinander an. Für Mischa wäre eine Niederlage leicht zu ertragen. Für Sascha wäre es schwierig zu siegen – die Bruderliebe ist groß.

Zwei Tage nach dem Besuch im UHC. Das Nobel-Hotel Vier Jahreszeiten, majestätisch liegt es an der Hamburger Binnenalster. Michael Stich sitzt bei Cappuccino und Keksen im Kaminzimmer. Dunkle, edle Hölzer, ein dicker Teppich, der alle Geräusche schluckt. 

Stich kennt Alexander Zverev seit 15 Jahren. Er spielte früher viel mit Mischa „und der Kleine war immer dabei“. Was Stich im Gedächtnis haften blieb: „Wenn keiner mit ihm gespielt hat, dann war der stinksauer.“ Das habe er sich bewahrt. Stich erzählt ein Erlebnis von Ivan Lendl. Letztes Jahr hat Zverev bei ihm trainiert,  drei Tage lang. Lendl sollte herausfinden, wie gut dieser Deutsche mit den russischen Wurzeln ist. Die Verbindung kam über den Vater, der Lendl gut kennt und auch über Zverevs Fitnesstrainer Jaz Green, der früher im Team Lendl-Murray arbeitete. Lendl sah sich die Schläge an, die Athletik, das taktische Verhalten auf dem Platz. Aber eines gefiel ihm am besten: Wie er es hasst zu verlieren. Dieser Hass ist die Antriebsfeder. Stich imponiert Zverevs Spielverständnis: „Er ist in der Lage zu improvisieren, sich einer neuen Situation anzupassen.“

Seiner Zeit um mindestens zwei Jahre voraus

2013 spielte Zverev zum ersten Mal am Rothenbaum unter dem Turnierdirektor Stich. 2014 – da hatte er als 17-Jähriger sensationell das Halbfinale erreicht – verpflichtete Stich ihn für fünf Jahre. In diesem Jahr warb er erstmals auf Plakaten in ganz Hamburg mit dem 18-Jährigen. Was Stich auffiel: In den ersten beiden Jahren seien die körperlichen Unterschiede nicht groß gewesen. Der Sprung vom zweiten zum dritten Jahr war allerdings immens, auch wenn er nach wie vor wegen seiner langen Beine Stabilitätsprobleme in der Rumpfmuskulatur habe. „Gefühlt“, sagt Stich, „ist Alex seiner Zeit mindestens zwei Jahre voraus.“

Als Mentor, für den ihn viele in der Szene halten, versteht sich Stich nicht. Dafür ist er, „nicht nah genug dran“.  Er telefoniere einmal im Monat mit Zverev. Aber manchmal hilft ein Blick von außen. Und Stich ist sich ganz sicher, „dass Alexander irgendwann einen anderen Coach, ein anderes Setup braucht“.

Um ganz nach oben zu kommen, reiche das Knowhow, was vorhanden ist, nicht aus. Nicht weil der Vater und der Bruder einen schlechten Job machen, sondern weil ein externer Reiz, ein neuer Input Zverev als Spieler weiterbringen. Vorausgesetzt, er fühlt sich wohl damit. Beispiele gebe es genug: Murray und Lendl, Federer und Edberg, Djokovic und Becker. „Alexander ist zwar erst 18 Jahre alt, aber er hat auch seit 18 Jahren das gleiche Umfeld“, sagt Stich.

„Wir wollen den bestmöglichen Athleten kreieren”

Zukunftsmusik. In der Gegenwart ist Zverev der bestplatzierte 18-Jährige, rund 20 Ränge vor dem anderen Wunderkind, dem Amerikaner Taylor Fritz. Mit dem Namen des Deutschen werben Turnierdirektoren, Manager schwärmen von einem perfekten „Package“. „Er ist charismatisch, sieht gut aus und spielt fantastisch Tennis“, sagt Federer-Agent Tony Godsick. Aktuell ist Zverev bei Patricio Apey unter Vertrag. Der Chilene jettete früher mit Gabriela Sabatini um den Globus. Gegenüber den Medien schirmt er Zverev ab wie ein Naturschützer einen Amur-Tiger. Apeys Credo: „Wir wollen den bestmöglichen Athleten kreieren.“ Sein Ziel: den Klienten zur Nummer eins machen. 

An einen großen Coup glaubt auch Adidas. Seit Februar trägt Zverev die Outfits der Marke mit den drei Streifen. Anfangs hieß es noch, Konkurrent Nike sei an dem Youngster nicht mehr interessiert. Inzwischen darf aber als gesichert gelten: Zverev zählt zu den heißesten Waren überhaupt. „Adidas hat sich gestreckt“, sagt ein Insider. Es sei ein sehr guter Vertrag für Zverev, vermutlich mit fünfjähriger Laufzeit.

Spricht man Claus Marten, bei Adidas zuständig für das internationale Tennisgeschäft an, sagt er nur: „Kein Kommentar.“ Marten ist seit mehr als 30 Jahren eine Institution in der Szene. Beim Smalltalk kann schon mal der Satz fallen: „Wenn der Junge nicht mindestens in die Top 5 kommt, dann habe ich keine Ahnung.“

Es gibt noch ein Novum: Der Wohnsitz des avisierten Superstars heißt jetzt Monte Carlo. Klingt alles so, als spiele Zverev schon heute in einer anderen Liga. Am Ende zählt aber nur eins: Grand Slams gewinnen.