Zum Karriereende von Florian Mayer

Zum Karrierende von Florian Mayer: Bye, Bye „Grashüpfer“

Aufmerksamkeit war Florian Mayer unabhängig von Sieg oder Niederlage immer zuwider. Erst nach einer Auszeit 2008 genossen nicht nur die Zuschauer, sondern er selbst seine besondere Spielweise. Nach den Aus bei den US Open hat „Flo“ nach einer längeren Abschiedsreise endgültig seine Karriere beendet.

Dieser Text ist in abgeänderter Form in unserer aktuellen Ausgabe 09/18 zu finden

In Fernando Gonzalez brodelte es. Ungläubig blickte der Chilene auf die andere Netzseite. Dort hatte sein Kontrahent, ein deutscher Qualifikant, einen weiteren von dutzenden Stoppbällen geschickt platziert. Der Blick des Weltranglisten-16. verriet: Was erlaubt der sich eigentlich?

An diesem Erstrundentag bei den French Open 2004 erlaubte sich Florian Mayer so einiges. Immer wieder setzte der 21-Jährige zu einer eingesprungenen Rückhand an, nur um dann abrupt abzustoppen und einen Slicestopp im gegnerischen T-Feld zu platzieren. „Mein Slice sieht nun mal etwas komisch aus, aber ich will niemanden verarschen“, sagte Mayer später nach seinem überraschenden Viersatzsieg. Gonzalez, der zu den besten Sandplatzspielern seiner Zeit gehörte, urteilte später, dass der ganze Auftritt des Deutschen frech gewesen sei, unorthodox. Und ergänzte: „Ich werde schlecht schlafen.“

Auch wenn Florian Mayer seine Leistung in Runde zwei gegen den Lokalmatadoren Nicolas Escude nicht konservieren konnte. Nur wenige Wochen später erreichte er mit dem Viertelfinaleinzug in Wimbledon einen seiner größten Erfolge überhaupt. Dort entnervte er mit dem an drei gesetzten Argentinier Guillermo Coria einen weiteren Südamerikaner. Der Sommer 2004 war der Startschuss für die lange Karriere des ruhigen Bayreuthers, der sich nicht immer richtig verstanden fühlte – und dem der schnelllebige Profizirkus anfangs große Probleme bereitete. Nach rund 17 Profijahren kündigte „Flo“, wie ihn alle rufen, im April 2018 an: „Nach den US Open ist Schluss mit Profitennis.“ Und so war es nun auch: Nach einer Viersatzniederlage gegen Borna Coric verabschiedete sich Florian Mayer fast still und heimlich.

Auf seiner Abschiedstournee hatte der mittlerweile 34-Jährige seit der Bekanntgabe nur noch zwei Hauptfeldmatches gewonnen. „Trotzdem hat die Entscheidung im Frühjahr auch Kräfte und Erleichterung freigesetzt“, sagte der Bayreuther am Rande des Turniers am Rothenbaum. Er habe auch besser gespielt, aber die engen Matches etwa in München gegen Martin Klizan oder in Rom gegen Dusan Lajovic nicht gewonnen.

Florian Mayer bei US Open: „Irgendwann trifft es jeden“

Als schlimm empfindet das Florian Mayer aber nicht mehr. „Die Entscheidung aufzuhören, folgte auf einen langen Prozess. Es wurde für mich immer schwerer, mein Niveau zu halten und die Intensität im Training aufrechtzuerhalten.“ Für ihn sei deutlich geworden: „Es gibt noch andere Dinge als Tennis.“ In New York ergänzte er nach dem Ende. „Es war eine tolle Reise. Ich habe ein gutes letztes Match gespielt, ich kann zufrieden sein. Natürlich ist es nicht leicht, es wird etwas fehlen, aber irgendwann trifft es jeden, und den Altersprozess kann man nicht aufhalten.“

Diese Erfahrung hat er bereits vor zehn Jahren gemacht. In Folge einer Operation an einem Finger fehlte der deutsche Hoffnungsträger ungewöhnlich lange – mehr als ein halbes Jahr. Drei Monate nahm er keinen Schläger in die Hand, reiste, las viele politische Bücher. Aber auch Biographien wie die von Roger Federer. Erst später verriet der medienscheue DTB-Spieler, dass er sich eine Auszeit genommen hatte, um einen Burnout auszukurieren. „Ich fühlte mich müde, hatte zu nichts mehr Lust. Alles war nur noch anstrengend“, sagte Mayer 2011 rückblickend, als er sich mit Rang 18 auf dem Karrierehoch befand.

Florian Mayer: Erinnerung an mentale Erkrankung 2008

Ausgangspunkt der mentalen Erkrankung sei das tolle Jahr 2004 gewesen, als er von der ATP zum Newcomer des Jahres gewählt wurde. „Als ich nach Wimbledon zum Turnier nach Stuttgart anreiste, wollte jeder etwas von mir. Darauf war ich nicht vorbereitet.“ Aus dem tiefen Loch kam Florian Mayer, der Anfang 2009 nur noch auf Ranglistenplatz 450 geführt wurde, auch mit Hilfe von Mentaltrainer Holger Fischer heraus.

Florian Mayer fühlte sich auf Rasen besonders wohl.

Fischer und seine Trainer an der TennisBase in Oberhaching kitzelten danach zudem den Wettkämpfer aus Mayer heraus. „Früher war ich ein gerngesehener Gegner. Ich war zu nett, habe mich von extrovertierten Spielern verunsichern lassen. Jetzt weiß ich, wie ich dagegen halten muss“, erklärte die deutsche Nummer eins damals. Das klappte einige Male herausragend gut. Mayer schlug Rafael Nadal 2011 beim Masters in Shanghai, er besiegte Andy Murray (Doha, 2014). 2012 stand er zum zweiten Mal im Viertelfinale von Wimbledon. Darauf ist Mayer stolz. Zwei ATP-Titel stehen zu Buche: in Bukarest 2011 und vor zwei Jahren völlig überraschend bei den Gerry Weber Open in Halle mit einem Finalerfolg über Alexander Zverev. Dass er im Vorjahr an gleicher Stelle keine Wildcard erhielt, verletzte ihn.

Florian Mayer: Tolle Erfolge im Karriereherbst

Dennoch zählt er das Turnier in Westfalen neben Wimbledon und dem Rothenbaum zu seinen Lieblingsveranstaltungen. „Da schwang dieses Jahr schon besonders viel Wehmut mit. Vor allem hier in Hamburg haben mich die Zuschauer immer zu ganz besonderen Erfolgen getragen.“ 2017 erreichte er dort sein letztes ATP-Finale, zudem stand er ein weiteres Mal im Halbfinale. Kein Deutscher hat mehr Matches in Hamburg gewonnen. Das stets gute Verhältnis zu den Hamburger Fans ließ den introvertierten Mayer über die Jahre auch seinen Frieden mit Fans und Medien finden.

2012 hatte der Davis Cup-Spieler herbe Kritik einstecken müssen, als er die Olympischen Spiele abgesagt hatte und erklärte, dass das Event schlicht nicht in seine Turnierplanung passe. Sechs Jahre später traf das tennis MAGAZIN Mayer beim Masters in Rom. Angesprochen auf  das Thema erklärte Mayer: „Ich kann den Unmut der Fans heute total verstehen. Ich hatte mein olympisches Erlebnis 2004, als ich in Athen spielen durfte. In der Phase, in der ich mich 2012 befand, habe ich andere Prioritäten in meinem Beruf gelegt.“

Zwischen dem Turnier am Rothenbaum und seinem persönlichen Finale bei den US Open, spielte Florian Mayer nur noch die Isar Open, ein Challenger. Karriereübergreifend gewann er gleich neun dieser Turniere, die direkt unterhalb der ATP-Tour folgen.

Der Rechtshänder ist, am Ende seiner Karriere, mit dem Erreichten zufrieden, sagte in Hamburg: „Ich habe viel mehr erreicht, als ich jemals für möglich gehalten habe.“ Ob das der extrovertierte Fernando Gonzalez auch von sich behaupten kann?