Alexander Zverev

Alexander Zverev im Interview: „Mein Papa ist besser als Lendl”

Sechs Titel, Olympia-Gold, ATP-Weltmeister:  Alexander Zverev blickt auf seine ­erfolgreichste Saison zurück, gewährt Einblicke ins ­Privatleben und macht klar, dass er seine ­Ziele noch nicht erreicht hat. 2022 will er Grand ­Slam-Titel ­gewinnen ­und die ­Nummer 1 der Welt ­werden. 

Erschienen in der tennis MAGAZIN-Ausgabe 1-2/2022

Ein Telefongespräch mit Alexander Zverev. Vor weniger als einer Woche hat er zum zweiten Mal die ATP Finals gewonnen. Jetzt ist er im Urlaub auf den Malediven. Erster Versuch: „Hallo, hallo?“ Zverevs Stimme ist untermalt von Musik. „Hier ist schlechter Empfang, ich melde mich in einer halben Stunde vom Hotel“, sagt er und legt auf. In Hamburg ist es an diesem Samstag 18 Uhr, auf den Malediven 22 Uhr. Die deutsche Nummer eins macht trotz der späten Stunde einen aufgeräumten Eindruck. Ein Gespräch über sein Spiel, Sorgen der Vergangenheit, die neue Freundin Sophia Thomalla und Tierliebe.

Herr Zverev, im Zoo von Dubai gab es ein Tauziehen mit einem Löwen. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie einem Löwen so nahe sind, die Kraft dieses ­Tieres spüren?

Da geht mir gar nichts durch den Kopf, um ehrlich zu sein, außer dass ich ihn nicht vom Fleck bewegen kann. Es ist nicht so, dass ich einen Riesenrespekt habe. Ich wäre liebend gerne ins Gehege gegangen und hätte mit dem Löwen Zeit verbracht, weil Tiere für mich etwas Besonderes sind. Ich mag den Kontakt zu Tieren. Ich mag es, die Energie von Tieren zu spüren. Deswegen habe ich auch keine Angst vor ihnen.

Wie gut können Sie abschalten?

Da habe ich keine Probleme. Ich bin relativ entspannt hier im Urlaub. Aber ich denke schon an nächstes Jahr und ich hoffe, dass es noch interessanter wird als dieses Jahr.

Sie waren schon häufig auf den Malediven. Ist das Ihr liebster Rückzugsort? Ist es wichtig, gerade dort das Saisonende zu verbringen?

Die Malediven sind für mich einfach der perfekte Ort, an dem ich entspannen kann, wo ich meinen Kopf komplett frei bekomme und wo ich mir auch physisch die Energie für das nächste Jahr wieder hole. Wir spielen elf Monate im Jahr, die Saison ist lang und das ist ein Ort, an dem ich in Ruhe gelassen werde. Ich kann mein Handy ausschalten. Ich brauche nicht mit so vielen Menschen Kontakt. Ich habe die Leute, die mir wichtig sind, um mich herum. 

Alexander Zverev

Wie bewerten Sie die zurückliegende Saison? 

Ich habe sechs Turniere gewonnen. Ich habe die Weltmeisterschaft gewonnen, ich habe zwei Masters-Turniere gewonnen, ich habe vor allem die Olympischen Spiele gewonnen. Wenn ich nichts gewonnen hätte außer Tokio, wäre das schon eine sehr besondere Saison für mich gewesen, weil es einfach das Größte im Sport ist, bei Olympia zu siegen. Es war ein besonderes Gefühl, dort überhaupt dabei zu sein, und dann die Goldmedaille nach Hause zu holen, ist etwas, das man nicht beschreiben kann.

Wo genau befindet sich die Goldmedaille?

Bei mir zu Hause im Wohnzimmer.

Wenn man Sie spielen sieht, gewinnt man den Eindruck, Sie seien viel reifer geworden bist. Woran liegt das?

Daran, dass ich älter geworden bin (lacht). Mit dem Alter verstehst du auch den Sport besser, du verstehst alles generell ein bisschen besser. Du versuchst, dich auch weiterzuentwickeln, auf dem Platz, außerhalb vom Platz, versuchst, ein besserer Tennisspieler zu werden. Man lernt sich selbst besser kennen. Man weiß, wann man wie reagiert, wann man einen Ausbruch hat, wann man ruhiger bleibt.

Sie haben 2021 weniger Schläger zerstört.

Ich habe auch besser gespielt als die Jahre davor (lacht).

 

In Ihrem Leben passiert sehr viel. Sie haben den Prozess gegen Ihren früheren Manager Patricio Apey geführt und am Ende gewonnen, Sie sind Vater geworden, die ATP untersucht den Fall von Gewaltvorwürfen einer Ex-Freundin gegen Sie. Trägt es zu Ihrer Reife bei, mit diesen ­Dingen umgehen zu müssen?

Ich denke schon, weil das alles Dinge sind, die mir passiert sind und die mir im Kopf herumgehen. Ich habe zwei Jahre lang damit verbracht, mit Anwälten zu sprechen, was den Apey-Fall anging. Klar, ich bin auch Vater geworden. Das ist für jeden jungen Mann ein besonderes Erlebnis. Was die ATP-Untersuchung angeht: Ich bin mir sicher, dass es relativ bald geregelt wird. Wir gehen auch in Russland juristisch gegen die Leute vor, die mir Böses unterstellen. Die Wahrheit kommt immer ans Licht. Alles, was im Leben außerhalb vom Tennisplatz passiert, wirst du auf dem Tennisplatz auch merken. Ich denke, dass dieses Jahr mehr Ruhe in mein Leben eingekehrt ist. Ich habe die richtigen Leute um mich herum. Das ist sehr positiv.

Haben Sie aktuell das perfekte Umfeld?

Ich wüsste jetzt nicht, wie es besser sein könnte. 

Alexander Zverev

Sie hatten früher Startrainer wie Ivan Lendl, Juan Carlos Ferrero oder David ­Ferrer. Sind das Stationen gewesen, um dahin zu kommen, wo Sie jetzt sind oder sagen Sie, mein Papa ist einfach besser als Lendl und es hätte auch alles so bleiben können, wie es seit der Kindheit war?

Papa ist besser als Lendl. Für mich ist das überhaupt keine Frage. Ich glaube, dass es eine Erfahrung für mich war, zu sehen, was und wie andere Trainer über mein Tennis denken. Ferrer war für mich außer meinem Vater der beste Trainer, den ich in meinem Leben hatte. Aber durch die Corona-Situation mussten wir letztes Jahr leider aufhören. Er ist der einzige, bei dem ich sagen würde, mit dem würde ich es noch mal probieren. Mit Lendl hat es nicht gut funktioniert. Das ist kein Geheimnis. Wir haben persönlich vielleicht auch nicht so gut zueinander gepasst. Wir haben Dinge einfach anders gesehen auf dem Tennisplatz, bei den Trainingseinheiten. Ich bin auch jemand in meinem Sport, ich bin eine Persönlichkeit. Ich bin nicht jemand, der zu allem Ja und Amen sagt. Ich challenge die Meinungen auch sehr oft, ich frage immer nach, warum siehst du das so und sage manchmal, ich sehe es aber anders. Man kann nicht in mein Team kommen und mein Leben und meine Karriere auf den Kopf stellen, nur weil man eine andere Meinung hat als ich.

So wie Lendl es gemacht hat.

Ja. Deswegen bin ich sehr glücklich mit meiner jetzigen Situation. Mein Vater war leider in den letzten Wochen und Monaten aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei. Mein Bruder hat mir viel geholfen.

Wie wichtig ist Mischa für Sie? Er spielt ja ganz viele Rollen.

Er hatte viel zu tun dieses Jahr. Wir haben unsere eigene Management-Firma aufgemacht, in der er die meiste Arbeit mit Sergej Bubka leistet. Er hat mir auf dem Platz teilweise geholfen. Er hat viel im Fernsehen gemacht und er hat versucht, selber noch zu spielen. Deswegen war sein Terminkalender extrem voll. Aber es macht ihm auch Spaß. So wie das Jahr gelaufen ist, macht es uns allen Spaß.

Sie haben angekündigt, mehr Präsenz auf  dem deutschen Markt zu zeigen. Das war bei Patricio Apey, für den Deutschland nicht wichtig zu sein schien, anders. Ist das gelungen? Haben Sie das Gefühl, präsent in Deutschland zu sein, auch mit Auftritten wie bei „Schlag den Star“ oder bei Benefizspielen mit Bayern München?

Naja, das sind Fernsehsendungen. Es war natürlich auch schön, in der Allianz-Arena zu spielen. Ich bin in Deutschland geboren, ich bin dort aufgewachsen, ich bin Deutscher. Seine Heimat darf man nie vergessen. Bei Apey war es eher so, dass er mich als internationalen Star positioniert hat. Klar, Tennis wird auf internationaler Ebene gespielt und wir Spieler sind in anderen Ländern manchmal bekannter als in Deutschland. Aber man darf seine Wurzeln nie vergessen. Für mich ist Deutschland auch persönlich wichtig geworden, weil ich mein eigenes Business habe. Ich habe die Dinge selbst in die Hand genommen. Früher hieß es, du machst dieses Interview oder du trittst dort auf. Jetzt ist es so, dass ich selber entscheide. Deutschland ist wichtig, weil Kinder mich als Vorbild sehen und anfangen, sich für Tennis zu interessieren.

Es wurde viel über Ihr Image diskutiert. Haben Sie das Gefühl, es hat sich durch die Goldmedaille verbessert in Deutschland?

Naja, durch die Goldmedaille kam natürlich Erfolg. Aber ein Image entsteht ja oft auch durch andere Sachen außerhalb des Courts und teilweise stand ich mit meinen Geschichten nicht gut da. Am Ende des Tages findet man bei jedem Dinge, die man kritisch sehen kann. Ich denke langfristig wird man mich immer besser kennenlernen und verstehen.

Sie sind mit der Schauspielerin, Moderatorin und dem Model Sophia Thomalla liiert. Welchen Anteil hat sie daran, dass Sie gerade so gut spielen?

(lacht) Ich denke, für Tennisspieler ist es immer sehr wichtig, wen man neben sich hat. Sophia ist jemand, der mir Ruhe und Sicherheit gibt. Aber letztlich bin ich entscheidend. Über die letzten 20 Jahre habe ich extrem viel Arbeit in mein Tennis gesteckt, vor allem mit meinem Vater. Ich habe alles dafür getan, dass ich da bin, wo ich jetzt stehe. Aber klar, man sieht, dass es jetzt zum ersten Mal eine Partnerin gibt, die mich begleitet. Ich spiele mit ihr im Rücken extrem gut und ich hoffe, das wird auch nächstes Jahr weiterhin der Fall sein und vielleicht sogar besser werden. Meine Ziele habe ja noch nicht alle erreicht.

Alexander Zverev

Mit Thomalla sind auch Sie Teil der Promi-Welt. Ist das eine Bühne, die Ihnen behagt?

Am Ende des Tages bin ich Sportler. Klar sind wir jetzt drin in diesen ganzen Zeitschriften. Sie ist eine der bekanntesten Personen in Deutschland, ich einer der bekanntesten Sportler in Deutschland. Da ist das Interesse groß. Wir sind glücklich miteinander und das ist die Hauptsache. Ob jetzt eine Zeitschrift mehr oder weniger über uns schreibt – also mir ist das komplett egal und ich glaube Sophia auch.

Apropos Prominenz: Wie würden Sie Ihre Zeit in der Agentur von Roger Federer und bei Team8 aus heutiger Perspektive bewerten. Hat Ihnen Federer geholfen?

Ich habe eine unglaubliche Beziehung mit Roger und die werden wir wahrscheinlich auch immer haben. Wie man sieht, hat es nicht so gut funktioniert, als ich bei ihm unter Vertrag stand. Roger selbst hat damit nicht viel zu tun gehabt. Er ist ja noch Tennisspieler. 

Sie stehen näher an der Grundlinie, die Vorhand ist konstanter, das Volleyspiel besser geworden, Ihr Aufschlag ist einer der besten im Welttennis. Haben Sie das Gefühl, dass sich nach den vielen Jahren ein Puzzle zusammensetzt? 

Ich habe in den letzten fünf Monaten vier Matches verloren. Das ist schon okay (lacht). Ich bin sehr motiviert, ich will mich immer noch verbessern. Ich bin jetzt 24 Jahre alt, ich bin kein junger Spieler mehr, ich bin nicht jemand, der auf dem Weg von der Nummer 80 in die Top Ten ist. Das sind Spieler wie Carlos Alcaraz oder Jannik Sinner. Die sind jung. Ich bin nicht mehr jung. Deswegen ist es langsam an der Zeit, dass die kleinen Puzzle-Teile zusammenkommen, um mein Potenzial komplett auszuschöpfen, weil ich denke, dass jetzt genau die richtige Zeit dafür ist.

Muss man ein bisschen verrückt sein, wenn man den zweiten Aufschlag mit 220 km/h auf die andere Seite ballert?

Das ist eine Gefühlssache für mich. Das mache ich ja nicht bei jedem zweiten Aufschlag. Das mache ich in den Momenten, in denen ich es fühle. Manchmal funktioniert das, manchmal halt nicht (lacht).

Sie haben gesagt, Novak Djokovic sei der GOAT, der „Greatest of all time“. Warum nicht Roger Federer oder Rafael Nadal?

Weil Novak jeden einzelnen Rekord gebrochen hat, den es zu brechen gibt. Das ist ganz einfach. Ich weiß, dass viele Tennisfans eher für Roger oder Rafa sind, aber du kannst nicht gegen die Statistik argumentieren. Novak hat mit Roger und Rafa die meisten Grand Slams gewonnen. Er war die meisten Wochen die Nummer eins der Welt und hat die meisten Jahre als Nummer eins beendet, Novak hat die meisten Masters-Titel gewonnen und vieles mehr. Man kann nicht immer gegen die Zahlen reden und behaupten, Roger oder Rafa sind besser, weil wir alle von klein auf Fans von ihnen sind. Manchmal muss man realistisch auf Dinge schauen und Novaks Rekorde sind einfach Fakt.

Sie haben jetzt 19 Turniersiege auf Ihrem Konto und damit Michael Stich über­flügelt, der früher Ihr Mentor war. Ist das etwas Besonderes für Sie?

Ich habe jetzt nicht darauf geachtet, dass ich mehr Turniere gewonnen habe als Stich. Er ist Wimbledon-Sieger. Er ist einer der größten Tennisspieler in Deutschland. Er ist der zweit- oder drittbeste Tennisspieler der Historie in Deutschland. Aber ich habe natürlich noch andere Ziele vor mir. 

Alexander Zverev

Im nächsten Jahr Grand Slam-Turniere gewinnen und die Nummer eins werden?

Ja, genau. Darum geht es.

Wer könnte Sie daran hindern, wer sind die größten Rivalen?

Novak, Medvedev und ich kämpfen aktuell um die Spitze. Die letzten Monate und das Jahr insgesamt haben gezeigt, dass wir drei nah beieinander liegen. Es wird interessant werden, wer am besten ins Jahr startet. Ich bin jemand, der immer etwas langsamer in Tritt kommt als die anderen. Auch Tsitsipas gehört zu meinen härtesten Gegnern, wenn er gesund ist. Zuletzt hatte er ein bisschen Probleme mit dem Ellbogen. 

Sie haben immer gesagt, die Saison sei zu lang. Hätten Sie einen Plan, wie man sie verkürzen kann?

Ja, die Saison ist zu lang, aber ich bin kein Politiker. Es gibt Leute bei der ATP, die das entscheiden müssen. Ich denke, dass manche Sachen bei der ATP besser gemacht werden können, aber ich werde öffentlich keinen Streit anfangen und sagen, die eine oder andere Person macht einen schlechten Job. Das ist nicht meine Aufgabe und nicht meine Art. 

Es ist bekannt, dass Sie im aktuellen Format nicht am Davis Cup teilnehmen werden. Offenbar gibt es Pläne, künftig in Abu Dhabi zu spielen. Was halten Sie davon?

Die neuen Veranstalter gehen dorthin, wo es am meisten Geld gibt. Das ist kein Geheimnis mehr. Klar, wir wollen alle Geld verdienen. Wir wollen alle so viel verdienen wie möglich, aber der Davis Cup ist die größte Geschichte, die es gibt, und die Tennisgeschichte kann man nicht für Geld kaufen.

Sie haben rund 30 Millionen Dollar Preisgeld gewonnen. Wie wichtig ist für Sie Geld?

Ich bin keine geldorientierte Person. Es ist angenehm, Geld zu haben. Es ist angenehm, Geld zu verdienen. Danke, dass Sie mir sagen, dass ich 30 Millionen verdient habe. Ich hatte gar keine Ahnung (lacht). Ich frage mich, wo das ganze Geld hin ist (lacht). Aber im Ernst: Ich spiele Tennis nicht wegen des Geldes. Ich spiele Tennis, weil ich Tennis liebe. Als kleines Kind fängst du nicht an, Tennis zu spielen, weil du sagst: „Irgendwann könnte ich vielleicht 50 oder 100 Millionen verdienen.“ Nein, du fängst an, Tennis zu spielen, weil du die Sportart liebst, und das ist bei mir immer noch der Fall.

Sie haben gute Chancen am 19. Dezember Sportler des Jahres in Deutschland zu werden. Wäre das ein weiterer Meilenstein für Sie?*

Ja, das wäre besonders, weil Deutschland eine sehr sportliche Nation ist. Wir haben extrem viele gute Sportler in unserem Land. Wir haben viele Talente in vielen Sportarten. Wir gewinnen viele Goldmedaillen. Ich bin gespannt, wie sich die Journalisten entscheiden werden.