Boris Becker

Boris Becker: „Federer und Nadal werden verschwinden”

Im Interview mit tennis MAGAZIN spricht Boris Becker über die bevorstehende Wachablösung im Herrentennis, die Stärke von Alexander Zverev, den alten Rivalen Michael Stich und den neuen Angelique Kerber-Coach Rainer Schüttler.

Ein wunderschöner Novembernachmittag im Osten Londons. Boris Becker sitzt in der Players Lounge neben der O2-Arena. Draußen zeichnet sich die Skyline der Canary Wharf ab. Drinnen, in einem weißen Zelt, sitzen Spieler, Angehörige und Coaches beim Essen. John Isner, der abends gegen Marin Cilic antreten wird, wiegt seine zwei Monate alte Tochter Hunter im Arm. Gerade hat Novak Djokovic im Gruppenspiel der ATP-Finals Alexander Zverev 6:4, 6:1 besiegt. Boris Becker sitzt am Tisch mit seinen früheren Teamkollegen, Djokovic-Trainer Marian Vajda und Fitnesscoach Gebhard Gritsch. Dann steht er auf, begrüßt freudig Zverev-Coach Ivan Lendl und dessen Frau Samantha, bevor er zum Gespräch mit tennis MAGAZIN Platz nimmt.

Herr Becker, Sie sind seit mehr als 35 Jahren in unterschiedlichen Rollen auf der Tennistour unterwegs. Ist Tennis die faszinierendste Sportart?

Für mich schon. Ich sehe das natürlich etwas einseitig. Tennis war, ist und wird immer meine große Leidenschaft sein. Ich finde Tennis im Vergleich zu anderen großen Sportarten einzigartig, weil Mann gegen Mann antritt und nicht gegen die Zeit gespielt wird. Beim Boxen hat man zwölf oder 15 Runden über jeweils drei Minuten. Im Tennis kann es passieren, wie man es im Sommer erlebt hat, dass man einfach mal sechs, sieben Stunden gegeneinander spielt. Das macht es so interessant, so einzigartig und auch so schwierig.

Kurzer Einschub: Was halten Sie von der Regeländerung in Wimbledon, das künftig im fünften Satz ab zwölf beide ein Tiebreak gespielt wird?

Ich finde die Regeländerung sehr gut. Man kann immer noch fünf Sätze spielen, was ja nun fünf Stunden dauern kann. Man muss ja auch erst mal bis zwölf beide kommen. Irgendwann ist es dann auch gut. Da verlieren die Zuschauer die Lust, die Spieler und auch die Fans. Niemand hat etwas davon, dass der Sieger in der nächsten Runde kaum noch antreten kann, wie es in diesem Jahr bei Kevin Anderson im Endspiel der Fall war. 

Glauben Sie, dass die Faszination Tennis, die Sie beschrieben haben, von den Machern der Tour richtig transportiert wird? Wird Tennis optimal vermarket?

Ich glaube, es findet gerade ein Umbruch statt. Es geht darum, aus der Ära Federer und Nadal herauszukommen. Novak ist da ein paar Jahre jünger und kürzer erfolgreich als die anderen beiden. Murray ist nicht mehr dabei aufgrund seiner Verletzung. So eine Ära wird es vielleicht nie wieder geben. Federer und Nadal sind zwei unglaubliche Phänomene im Herrentennis und es wird ein Vakuum entstehen, weil diese Schuhe keiner füllen kann. Ich bin froh, dass Novak wieder da ist. Er ist ein ganz wichtiger Führungsspieler, der die Klasse hat, diesen Sport die nächsten zwei, drei Jahre als Klassenbester zu führen. Das macht es leichter für die Nachwuchsspieler. Für Zverev, Khachanov, Tsitsipas, De Minaur, um ein paar zu nennen. Die können glücklich sein, dass es noch einen Djokovic und vielleicht wieder ein Murray gibt. Das braucht der Tennissport. 

Boris Becker

© Paul Zimmer

Von der Ära Federer und Nadal muss man sich verabschieden?

Ja. Es kann nächstes Jahr noch gut gehen für beide, allerdings nicht mehr in der Häufigkeit. Aber ich würde nach wie vor nicht gegen Nadal auf Sand wetten und gegen Federer auf schnellen Belägen auch nicht. Aber die Dominanz ist vorbei. Alles andere würde mich sehr überraschen. Das heißt, der Platz ist frei für jüngere Spieler.

Sie sprechen von der vielzitierten Wachablösung.

Ja, man konnte 2018 schon sehen, dass die Matches enger wurden. Klar hat Rafa wieder auf Sand dominiert und Roger, wann immer er einen guten Tag hat, ebenfalls. Überraschend war das Comeback von Novak Djokovic. Dennoch war Platz für einen Zverev, Turniere zu gewinnen, und das wird nächstes Jahr häufiger der Fall sein. Jetzt komme ich zurück zu Ihrer Frage: Das bedeutet, es muss auch eine andere Marketingstrategie geben, wie man ein Match Zverev-Tsitsipas in Zukunft moderiert und wie man das promotet, weil die Zuschauer wissen erstmal nicht, wer die sind. Wie die Lösung heißt, weiß ich nicht, aber es muss eine andere Marketingstrategie sein als die bis jetzt, weil die zwei bekanntesten Profis Selbstläufer waren. Federer und Nadal muss man nicht vermarkten. Es wird eine Herausforderung für die ATP sein, aber auch für die ITF, die Zeichen der Zeit zu erkennen und eine adäquate Strategie für die jüngeren Spieler zu finden. Ich glaube, das ist noch nicht passiert.

Spielt die ITF überhaupt noch eine Rolle? Das Davis Cup-Finale mit 18 Teams am Ende der Saison 2019 könnte zum Flop werden.

Da wissen wir alle mehr in einem Jahr. Es wurde viel darüber diskutiert, viele kritische Stimmen wurden laut. Auf der anderen Seite will ich jeder neuen Idee eine Chance geben. Es wird unglaublich viel Geld angeboten und das ist das Positive. Tennis boomt, viele internationale Investoren drängen in den Tennissport. Das ist gut fürs Geschäft. Ich glaube nicht, dass das neue Davis Cup-Konzept bis ins letzte Detail ausgeklügelt wurde. Es ist noch Platz für Verbesserungen und ich bin überzeugt, dass das erste Jahr anders sein wird als das dritte oder vierte. Man muss auch überlegen, wer am Ende einer langen Saison noch spielen will. Ich hoffe, da gibt es für die Veranstalter kein blaues Auge. 

Erleben wir gerade einen Kampf zwischen ATP und ITF?

Nein, ich glaube nicht, dass es ein Gegeneinander ist. Jeder will auf den nächsten Zug aufspringen. Jeder möchte das beste Konzept für die Zukunft des Tennis haben. Das ist positiv. 

Welche Rolle spielen Sie? Bei unserem letzten längeren Gespräch sagten Sie, Sie haben große Pläne. Wie sehen die aus? 

Ich bin in meiner Rolle als Head of Men’s Tennis dem deutschen Tennis verpflichtet und da bin ich mittendrin. Ich bin in viele Gespräche involviert. Aber ich muss auch schauen, dass für unsere Nationalmannschaft die erste Runde im Davis Cup gut über die Bühne geht. Ich gehe davon aus, dass alle Topspieler antreten werden. Das gab es nicht immer. Ich erinnere mich, in meiner ersten Woche in Portugal haben die ersten vier, fünf abgesagt. Auch innerhalb der Strukturen des DTB hat sich vieles zum Positiven verändert. Es wurden neue Trainer eingestellt, wir haben mehr Sponsorengelder als vor zwei Jahren. Das geht an die jungen Spieler und deren Betreuung. Da ist gerade sehr viel Dampf. Aber man kann nicht sagen, dass Rudi Molleker morgen Wimbledon gewinnt. 

Es ist häufig die Rede davon, dass Deutschland ein großes Turnier braucht. Wie ist die aktuelle Situation?

Zunächst gibt es schon eine Menge Turniere in Deutschland: Hamburg, Stuttgart, Halle, München. Das ist sehr gut. Was es nicht gibt, ist ein Masters-Turnier. Das ist schwierig, weil es weltweit nur neun gibt. Aber es muss das Ziel sein, so ein Event nach Deutschland zu holen. Es ist der nächste große Schritt und ein ATP-Finale in Deutschland wäre die Krönung.

In Hamburg könnte es künftig ein kombiniertes Damen- und Herrenturnier geben. Was halten Sie davon?

Ich bin ein Fan von kombinierten Turnieren. Sie sind gut fürs Tennis, für die Zuschauer und für die Sponsoren. Man hat zwei für eins, aber die Frage ist: Wie lange geht das dann? Zehn Tage? Oder gibt es eine Damenwoche und eine Herrenwoche hintereinander? Sorgen mache ich mir in Hamburg um das Datum. Im Juli noch auf Sand zu spielen, ist schwierig. Das passt nicht in den Kalender. In jedem Fall ist der Belag ein Thema, weil die Hartplatzsaison schon losgeht. Ich gehe davon aus, dass sich der neue Turnierchef dazu Gedanken gemacht hat und eine Lösung finden wird. Das Stuttgarter Weissenhof-Turnier hat rechtzeitig reagiert und ein tolles Rasenturnier geschaffen. Die Besetzung ist sehr gut, in Halle sowieso. Die BMW Open im Mai klappen auch hervorragend, obwohl es ein kleineres Turnier ist. Und so lange der Sascha das gewinnt, wird er dort spielen. 

Es gibt das Gerücht, dass Sie Turnierdirektor in Hamburg werden. Könnte das passieren?

Nein, ich war fünf Jahre Chairman des Rothenbaums und bin großer Fan des Turniers. Ich wurde auch von anderen Turnieren gefragt, ob ich mir das vorstellen kann. Ich sehe meine Rolle heute mehr bei den Spielern und bei den Trainern. International gesehen versuche ich, ein Masters-Turnier nach Deutschland zu holen. Das ist wie gesagt schwierig, aber nicht unmöglich, weil wir in der Vergangenheit schon Masters-Turniere hatten.

Die sportliche Rivalität Becker gegen Stich ist ein Vierteljahrhundert her. Sie sind beide noch aktiv im Tennis. Wäre eine Zusammenarbeit möglich?

Da bin ich ein bisschen überfragt, weil ich nicht mehr viel Kontakt zu ihm habe. Ich glaube, seinen Job als Turnierchef in Hamburg hat er gut gemacht, aber es gibt Gründe – die kann Ihnen der Präsident und unser Vizepräsident genau erläutern –, warum das nicht mehr geklappt hat. Es gab richtig Ärger. Bei mir ist es so – und das mag für viele in der Szene überraschend gewesen sein –, dass ich von einem Einzelsportler zu einem Teamspieler geworden bin. Diesen Sprung hat nicht jeder geschafft. Ich weiß heute, ich brauche meine Mannschaft, meine Spieler, meine Funktionäre, damit das Ganze funktioniert. Wie ich gehört habe, tut sich Michael schwer damit zu verstehen, dass man nur in der Gruppe stark ist. Das war die Problematik in Hamburg. Er hat zu sehr auf sich geschaut. 

Reden wir über Zverev. 

Gerne.

Er ist jetzt der Beste der Besten, der ATP-Weltmeister. Wie bewerten Sie diesen Erfolg?

Sascha hat mit seinem Sieg den Durchbruch in die absolute Weltspitze geschafft. Die Art und Weise, wie er gegen Roger im Halbfinale und Novak im Finale gespielt hat, war Weltklasse. Wir sprachen vorher von der Wachablösung im Herrentennis. Saschas Sieg dokumentiert, dass 2019 die jungen Wilden noch näher an die arrivierten Spieler herankommen werden. Die Frage ist mehr denn je: Wann passiert ein solcher Erfolg wie in London bei einem Grand Slam-Turnier (Anm. d. Red.: Die Frage hat Boris Becker nach den ATP-Finals per Mail beantwortet).

Sind Zverev und Lendl ein Traumpaar?

Ich finde die Kombination sehr gut. Das habe ich schon bei den US Open gesagt. Man muss ihnen aber Zeit geben. Lendl ist ein Meister seines Fachs und er kommt in eine Gruppe, die sehr gut gearbeitet hat und da will nicht jeder von seinem Platz abrücken. Entscheidend ist der Spieler, und der wird sich das angucken und sich die Zeit nehmen, die er braucht, um das Ganze zu bewerten. Alles andere als ein langfristiger Erfolg würde mich aber überraschen. Sascha, als Nummer vier der Welt, ist in einer Position, wo die Luft dünner wird. Du kannst nicht mehr diese Quantensprünge machen, auf der anderen Seite musst du diesen Weltranglistenplatz verteidigen. Viele Spieler hatten ein gutes Jahr und sind dann wieder verschollen. Dass Sascha sein Durchbruchsjahr so verteidigt hat und ein Ausrufezeichen in London gesetzt hat, spricht für ihn.

Wird er 2019 die Nummer eins?

Die Entwicklung ist sehr positiv. Verteidigen ist immer doppelt so schwer wie nach oben zu kommen. Aber er hat jetzt eine Grundbasis an Selbstvertrauen. Er weiß, dass er einer der besten Spieler der Welt ist. Das wusste er nach dem ersten Jahr noch nicht. Das macht es auch für einen Lendl leichter. 

Boris Becker

© Paul Zimmer

Wann gewinnt er sein erstes Grand Slam-Turnier?

Er ist nicht mehr so weit davon entfernt, aber wie ich schon gesagt habe: Die nächsten Schritte sind einfach schwieriger, weil sie kleiner sind. Auch die Konkurrenz schläft nicht. Dieses Jahr gab es einen Stefanos Tsitsipas, einen Alex De Minaur, alles Spieler aus seiner Generation. Karen Khachanov ist so alt wie Sascha und hat unglaubliche Fortschritte gemacht. Das ist die künftige Konkurrenz und die hat sich deutlich verbessert. Aber sie läuft auch Gefahr, diese Leistung 2019 konsolidieren zu müssen. Wenn Khachanov nächstes Jahr Paris-Bercy noch einmal gewinnt, dann hat er vieles richtig gemacht. Borna Coric würde ich auch noch in diese Gruppe nehmen. Er hat langsamere Schritte gemacht, ist aber ein toller Spieler, mit dem ich unter den Top Ten nächstes Jahr rechne. 

Und dann gibt es noch Oldies wie Kevin Anderson.Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass die Spieler immer älter werden?

Das hängt an den guten medizinischen Möglichkeiten, den guten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Wie man besser trainiert, wie man sich besser ernährt, wie man bessere Erholphasen einlegt. Tennis ist auch ein Kopfsport und da ist es gut, wenn man älter und entsprechend schlauer ist. Man gewinnt eben viele Matches nicht nur durch die Physis, sondern durch die Taktik und die mentale Stärke. Die ist im Alter ausgeprägter als in jungen Jahren. John Isner ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür.

Fehlen die Amerikaner eigentlich, weil der amerikanische Markt so wichtig ist?

Ja. Ich würde mir wünschen, dass ein Frances Tiafoe oder ein Taylor Fritz schnell nach oben kommen, weil Amerika der größte Tennismarkt mit den meisten großen Turnieren ist. Es wäre gut für das Geschäft. 

Sie haben Tennis aus allen Blickwinkeln beobachtet: als Spieler, Coach, Turnierchef. Wie hilfreich ist die Perspektive des TV-Kommentators?

Sehr, weil ich die Spieler dadurch besser kennenlerne, weil ich mir viele Matches ansehe. In den Interviews nach verlorenen Spielen lerne ich Einiges über den Charakter eines Spielers. Ich habe heute einen besseren Überblick über die ersten 100, 120 Spieler, kann die Qualität besser beurteilen. Ich bin dadurch ein besserer Fachmann geworden als noch vor fünf Jahren.

Was dem deutschen Tennis hilft.

Das hoffe ich doch.

Welches Zeugnis stellen Sie aktuell dem DTB aus?

Die Erfolge von deutschen Spielern bei großen Turnieren sprechen für sich. Klar stehen die Spieler alleine auf dem Platz, aber ich glaube, wir haben eine tolle Atmosphäre geschaffen. Wir können wirklich alle miteinander ganz gut. Das war früher nicht der Fall. Man unterstützt sich gegenseitig. Soll ich Ihnen ein Beispiel nennen?

Bitte.

Vor 30 Jahren gewann Deutschland erstmals den Davis Cup mit den Herren Steeb, Kühnen, Jelen und meiner Wenigkeit. Am Rande des Davis Cups im Februar in Frankfurt planen wir eine kleine Präsentation. Wir versuchen, Niki (Pilic, d. Red., früher Davis Cup-Kapitän) dazuzugewinnen. Er ist jetzt auch schon etwas älter, fliegt nicht mehr so gerne, aber vielleicht schafft er es. Wir wollen damit die jüngeren Spieler daran erinnern, was alles möglich ist, mit einem Führungsspieler und mit einer guten Mannschaft. Ich bin übrigens der Meinung, dass wir auch durch die Erfolge von Angie und Jule wieder von einem kleinen Tennisboom sprechen können. Man schaut wieder Tennis in Deutschland und das war vor fünf Jahren nicht so.

War die Personalie Rainer Schüttler als Trainer für Angelique Kerber überraschend für Sie? 

Überrascht war ich nicht. Mich hat gewundert, dass niemand von den Topspielern früher auf Rainer gekommen ist. Er ist ein absoluter Spitzenmann und kann immer noch selbst mitspielen, was hilft. Er hat viel Erfahrung im Tennis gesammelt. Von außen betrachtet, passt die Kombination.

Boris Becker. Andrej Antic

© Paul Zimmer