Stefanos Tsitsipas

Nach Thiem-Sieg: Tsitsipas im Interview – „Mache das auf eigene Kosten“

Stefanos Tsitsipas spielt in Barcelona diese Woche ein überragendes Turnier. Am Freitag besiegte er Dominic Thiem in zwei Sätzen mit 6:3 und 6:2. Vor einigen Wochen traf tennis MAGAZIN-Redakteur Christian Albrecht-Barschel den jungen Griechen zum Interview. Der 19-Jährige sprach über seinen Status als Griechenlands bester Tennisspieler, seine einhändige Rückhand und sein erstes Treffen mit Roger Federer.

Herr Tsitsipas, Sie sind der erste griechische Top-100-Spieler. Was bedeutet Ihnen das?

Sehr viel. Es macht mich stolz, Griechenlands bester Tennisspieler überhaupt zu sein. Aber mit meinem aktuellen Ranking werde ich mich nicht zufrieden geben. Ich habe Größeres vor.

Spüren Sie die Erwartungen, die in Ihrer Heimat an Sie gestellt werden? 

Nein. Es ist klar, dass die Medien über mich berichten, aber niemand setzt mich unter Druck. Tennis ist ohnehin eine Sportart, bei der man langfristig planen muss. Man muss geduldig sein, es dauert, bis sich Erfolge einspielen.

Wie populär ist Tennis in Ihrer Heimat?

Bei weitem nicht so beliebt wie Fußball und Basketball. Gemeinsam mit Maria Sakkari versuche ich, das zu ändern. Sie stand bereits in den Top 50, ich nun in den Top 100. Das ist sehr gut für unser Land.

Es gibt viele Spitzenspieler mit griechischen Wurzeln: Pete Sampras, Mark Philippoussis, Nick Kyrgios, Marcos Baghdatis, Thanasi Kokkinakis. Aber es gibt keine Topspieler aus Griechenland. Warum ist das so?

Gute Frage. In Griechenland wird Tennis immer noch als Sport der reichen Leute angesehen – so ähnlich wie Golf. Außerdem ist es eine Einzelsportart. Die Griechen bevorzugen Mannschaftssportarten. So ist die griechische Mentalität.

Von wem werden Sie unterstützt?

Seit der frühesten Kindheit von meinen Eltern. Turniere, Reisen, Hotels, Training – ich mache das alles auf eigene Kosten, vom heimischen Verband erhalte ich nichts.  Das war anfangs hart, weil die Kosten extrem hoch sind. Es gab viele Momente, in denen ich darüber nachgedacht habe, ob es das wert ist. Jetzt haben sich die Mühen ausgezahlt.

Sie waren die Nummer eins bei den Junioren. Hat das im modernen Tennis noch eine Bedeutung?

Ich finde schon, dass es eine Aussagekraft hat. Du bist gut vorbereitet auf das, was bei den Profis kommt. Du weißt, wie es sich anfühlt, Grand Slam-Turniere zu spielen. Du spielst gegen Gegner, die du später bei den Profis wiedersiehst. Die meisten aus deinem Alter werden es auch zu den Profis schaffen. Die Juniorentour ist ein erster guter Schritt, um dich auf die Profitour vorzubereiten.

Wie sind Sie den Übergang von den Junioren zu den Profis angegangen?

Ich habe versucht, Junioren- und Profitour miteinander zu verbinden. Schon mit 15 Jahren habe ich meinen ersten Weltranglistenpunkt bekommen. In der Juniorenzeit habe ich nebenbei Future-Turniere gespielt. Nach Ende meiner Juniorenkarriere konnte ich sofort bei Challenger-Turnieren an den Start gehen. Das Kombinieren hat mich den Unterschied zwischen Junioren und Profis verstehen lassen. Ich konnte meine Erfahrungen von den Profiturnieren auf die Junioren übertragen. Das hat mir geholfen, Matches und Titel zu gewinnen, die ich vielleicht sonst nicht gewonnen hätte.

Sie spielen die Rückhand einhändig. Wie ist es dazu gekommen?

Das war meine eigene Entscheidung. Ich war zu Beginn etwas verwirrt, was besser für mich ist. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, kam ein Trainer zu mir und fragte mich: „Hast du dich endlich entschieden, wie du die Rückhand spielen möchtest? Denn wir warten schon ein Jahr auf deine Entscheidung.“ An diesem Tag habe ich mich für die einhändige Rückhand entschieden, und alles hat sich verändert für mich.

Haben Sie diese Entscheidung auch wegen Roger Federer getroffen?

Ja, er war mein großes Idol. Ich mag seinen Spielstil und wollte dem folgen, was er tut.

Sie waren in Wimbledon einen Sieg von einem Duell mit Federer entfernt. Bedauern Sie, dass es vielleicht die letzte große Chance auf ein Match gegen ihn gewesen sein könnte?

Nachdem ich in der ersten Runde gegen Dusan Lajovic verloren hatte, war ich sehr traurig, dass ich nicht gegen Federer auf dem Centre Court in Wimbledon spielen konnte. Ich denke, dass ich zu viel über dieses mögliche Match nachgedacht habe. Das war einer der Hauptgründe, warum ich nicht gewonnen habe. Ich war zu sehr davon begeistert, was in der Zukunft sein könnte und nicht allzu sehr konzentriert auf die Gegenwart. Aber ich hatte Glück. Am Tag darauf habe ich einen Anruf bekommen von Ivan Ljubicic. Er hat mich gefragt, ob ich mit Federer trainieren möchte. Natürlich habe ich Ja gesagt. Er hat mich nach Tipps für das Match gegen Lajovic gefragt. Er war sehr freundlich und offen. Das war ein schöner Tag für mich.

Sie haben auch mit Novak Djokovic und Andy Murray trainiert. Was haben Sie dabei gelernt?

Wenn du die Chance bekommst, mit den Besten deines Sports zu trainieren, dann kannst du dabei sehr viel mitnehmen. Eine Sache ist, dass du geduldig auf dem Platz sein musst. Du siehst, was sie tun, und möchtest das kopieren. Das Trainieren mit Topspielern gibt dir einen großen Vorteil im Vergleich zum Training mit ‚normalen’ Spielern.

 

Ihr Vater ist Tennistrainer, Ihre Mutter ist ehemalige Profispielerin. Welchen Einfluss hatten Ihre Eltern bei Ihrer Entscheidung, Tennisprofi zu werden?

Sie waren sehr offen und haben mich von Beginn an hundertprozentig unterstützt. Es gab auch keine Alternative für mich. Mit zehn oder elf Jahren habe ich entschieden, dass ich Profi werden möchte. Seitdem habe ich mich dem Sport voll und ganz verpflichtet.

Sie sind sehr aktiv in den sozialen Medien. Was macht Ihnen daran Spaß?

Ich habe gute Konversationen mit meinen Fans. Social Media hilft uns, unser Image zu schärfen. Es geht darum, dass die Fans dich besser kennenlernen.

Wie gehen Sie mit Hassnachrichten um?

Ich bekomme täglich Hassnachrichten, meistens von frustrierten Wettern. Das ist ein großes Problem in unserem Sport. Aber wenn ich jede Beschimpfung melde, würde mich das einen ganzen Tag kosten.

Sie waren als Ersatzmann bei den Next Gen ATP Finals dabei. Was halten Sie von den getesteten Regeln?

Ich konnte die Regeln im Schaukampf gegen Alexander Zverev selbst testen. Es war ein tolles Event. Ich finde die Regeln richtig klasse. Ich mag vor allem das Fast-4-Format, nicht so gerne die No-Let-Regel. Es ist eine Innovation für unseren Sport. Die ATP möchte, dass sich Tennis gut entwickelt.