Alexander Zverev

Alexander Zverev nach US Open: Glas halb voll

Dass Alexander Zverev die zweite Woche der US Open erreicht, war nach den schwachen Vorleistungen nicht unbedingt zu erwarten. Um in der Weltspitze zu bleiben und bei den Grand Slams noch mehr zu erreichen, muss er sich gleich auf mehreren Ebenen weiterentwickeln.

Pete Sampras hat einst gesagt: „Ein Tennisspieler ist nur so gut wie sein zweiter Aufschlag.“ Nun war der Amerikaner nicht nur der erfolgreichste Spieler seiner Zeit (14 Grand Slam-Siege), er verfügte auch über das vielleicht beste zweite Service der Historie.

Nur folgerichtig also, dass sich Roger Federer 2016 in Wimbledon an diesen Spruch erinnert fühlte. Gerade hatte der Maestro Marin Cilic im Viertelfinale besiegt – nach 0:2-Rückstand. Stolz berichtete der Schweizer anschließend in der Pressekonferenz, dass er keinen einzigen Doppelfehler zu verzeichnen hatte. „Ich glaube an meinen zweiten Aufschlag. Auch wenn ich härter serviere, ist es für mich kein allzu großes Risiko.“

Die Ironie dieses manchmal nicht rational zu verstehenden Sports: Ausgerechnet im anschließenden Halbfinale gegen Milos Raonic verließ Federer diese große Stärke. Bei zwei von drei Breaks, die der Kanadier gegen Federer erreichte, servierte Federer Doppelfehler. Das Publikum konnte es kaum glauben. Federer, der verlor, konnte es auch nicht glauben.

Das Positive aus der Sicht von Alexander Zverev aus dieser Geschichte: Selbst einer der größten Spieler der Geschichte ist vor dem vermeintlich einfachsten aller Fehler nicht geweiht. Für Zverev wird das nach dem Achtelfinalaus am Montag bei den US Open in vier Sätzen gegen Diego Schwartzman aus Argentinien vorerst nur ein schwacher Trost sein.

Das Fazit von Zverev fiel anschließend dennoch durchaus positiv aus. Das darf es nach den mehr als durchwachsenen Vorleistungen der Hartplatz-Saison auch. Das Glas ist gerade halbvoll. Langfristig muss aber eine Weiterentwicklung auf gleich mehreren Ebenen stattfinden, wenn Zverev – und das will er – nach mehr streben möchte.

„Die US Open waren viel besser verglichen mit der Zeit zuvor“, resümierte die deutsche Nummer eins, der den 1,67 Meter kleinen Südamerikaner mit dem großen Herz und der noch größeren Konterstärke mit der Rückhand lobte. Zverev übermittelte in Nebensätzen auf der Pressekonferenz aber auch, dass die langsameren Bedingungen nicht so gut für ihn gewesen seien, um mit seinen Schlägen durchzukommen.

Zverev: Lob für Schwartzman, Sorgen um Hüfte

Hinzu kam: Die rechte Hüfte und Teile seines Rückens waren angeschwollen. Er habe in der Matchvorbereitung nicht so agieren können, wie er sich das vorgestellt habe. Gleichwohl machte die Nummer sechs der Weltrangliste deutlich, dass das nicht der Grund der Niederlage gewesen sei.

Womit der Fokus automatisch zurück auf den Aufschlag des deutschen Davis Cup-Spielers rückt als ein Teil des Problems. Die Historie hat gezeigt, dass Federer in der Zeit nach Wimbledon 2016 nun wirklich keine Aufschlagschwäche entwickelt hat.

Zverev begleitet die Problematik aber seit dem Rasen-Aus in Stuttgart gegen Dustin Brown im Juni, als der 22-Jährige 14 Doppelfehler servierte. Es gibt keinen spielerischen Auslöser, keinen Schlüsselmoment, der als Erklärung dienen könnte. Es ist eher eine Entwicklung, die Zverev nachhaltig noch nicht zu stoppen vermochte. In Cincinnati beim Aus gegen Miomir Kecmanovic waren es bekanntermaßen für Profiverhältnisse verheerende 20 an der Zahl.

Zverev: Quote beim zweiten Aufschlag bereitet Sorgen

In den ersten Runden der US Open, durch die sich Zverev mit einer kämpferisch einwandfreien Leistung bis in die Runde der letzten 16 spielte, wurde es leicht besser. Gegen Schwartzman dann waren es wieder 17 Fehler in vier Durchgängen. Die Aufschlag-Geschwindigkeit beim zweiten Service (134 Kilometer pro Stunde) macht zudem Sorgen.

Bezeichnend: Schwartzman, der den Aufschlag nur als Spieleröffnung nutzt, erzielte mit 52 Prozent deutlich mehr Punkte als Zverev (32) beim zweiten Service. Das waren nochmals knapp acht Prozentpunkte weniger als Zverev vor dem Turnier im Schnitt vorzuweisen hatte und selbst damit lag er bereits außerhalb der Top 70 im Welttennis (Lesen Sie HIER eine Analyse). Alleine mit diesem Wert kann ein Spieler in einen Grand Slam-Achtelfinale nicht bestehen.

Becker: „Zweiter Aufschlag ist Blick in die Seele“

Boris Becker brachte es am Eurosport-Mikrofon am Montag auf den Punkt, als er sagte: „Der zweite Aufschlag ist der Blick in die Seele eines Tennisspielers.“ In der Gesamtheit betrachtet, befindet sich der Mensch und der Sportler Zverev insgesamt auf dem Weg der Besserung. Mit Team8, der Agentur von Federer und dessen Manager Tony Godsick, kümmert sich jemand wieder professionell um die Belange außerhalb der Tennisplätze. Das Umfeld hat  Zverev nach der Trennung von Coach Ivan Lendl erstmal ausschließlich mit der Familie und den engsten Vertrauten bestückt. Der Papa scheint keine gesundheitlichen Probleme zu haben, die Freundin war in New York an Zverevs Seite, in Zverevs Box.

Der Rechtsstreit mit seinem ehemaligen Manager Patricio Apey aber ist immer noch nicht ausgestanden und wird sich wohl noch bis 2020 hinziehen.

Solche Dinge beschäftigen einen jungen, durchaus sensiblen Mann. Becker sagte dieser Tage mit Verständnis und Erfahrung am eigenen Leib. „Es ist nicht immer einfach, vor den Augen der Öffentlichkeit zu reifen und erwachsen zu werden.“

Zverev, so selbstbewusst er oftmals auftritt, hat auch eine andere, zartere Seite. Er nimmt sich Dinge zu Herzen, kann rasch eine Schutzhaltung einnehmen. Angesprochen auf die offensichtliche Schwäche beim Service, entgegnete der elfmalige ATP-Turniersieger am Montag. „Aber ich habe immer noch einen guten ersten Aufschlag. Klar, am zweiten muss gearbeitet werden, aber der erste ist gut.“ 11 Asse, bei 62 Prozent gewonnener Punkte beim ersten Aufschlag genügten bei Zverevs Spielstil am Montag aber schlicht nicht.

Zverev: Gefangen zwischen zwei Spielstilen

Überhaupt stellt sich die Frage: Welcher Spielstil verspricht die größtmögliche Weiterentwicklung bei Zverev? Becker ging am Montag in der Analyse durchaus hart mit seinem DTB-Schützling ins Gericht, sprach davon, dass in den vergangenen 18 Monaten keine spielerische Weiterentwicklung zu sehen sei (HIER geht es zur News).

Es ist ja auch so: Die ganze (Tennis)welt fordert von Zverev, offensiver zu agieren. Näher an der Grundlinie, aggressivere Schläge, das Vorrücken ans Netz, Ballwechsel verkürzen. In Ansätzen zeigt das der Rechtshänder immer wieder. Ironischerweise präsentierte er diesen Spielstil am Montag erst, als er bei 1:2-Satzrückstand und 0:4 körperlich und spielerisch mit dem Rücken zur Wand stand. Und machte seine Sache sehr gut, bevor er bei 3:5 wieder etwas zögerlicher agierte.

Das Problem: Zverev ist von Natur aus ein „Grinder“, wie die Amerikaner so schön sagen. Ein Grundlinienbeißer, defensiv stark, nicht sehr fehleranfällig, mit starken Kontern. Für seine Größe ist er unheimlich beweglich, erläuft viele Bälle.

Zverev: Was machen mit der Körpergröße?

Seine Körpergröße ist es aber auch, die ihm offensivere Optionen ermöglichen könnte: eine gute Reichweite am Netz, konstant mutigere Grundlinienschläge, eine bessere Quote beim zweiten Aufschlag.

Zverev ist gefangen in zwei Welten. Sich auf Veränderungen einzulassen, andere Stimmen als aus seinem familiären Umfeld zuzulassen, die diesen Stil einfordern und die Zverev länger Zeit für eine Umstellung geben wollen; das sind alles Dinge, die ihm nicht sonderlich leicht fallen.

Will Zverev aber langfristig um die letzten Runden bei Grand Slams mitspielen, muss er sich öffnen. Zverev sagte aber bereits am Montag, dass sich am Trainerteam nichts ändern werde. Fraglich ist auch, ob Vater Alexander Zverev senior wirklich offen für einen anderen Einfluss ist. Die jüngste Vergangenheit betrachtend kann man diese Frage lediglich mit nein beantworten.

Zverev fehlen die Winkel mit der Vorhand

Ein Teil der aktuellen Wahrheit ist auch, dass er trotz aller Schwachpunkte, mit dem Stil nun bei allen Grand Slams die zweite Woche erreicht hat. Die Basis dafür hat er mit seinem Spiel auch in den kommenden Jahren. Wenn der Aufschlag sitzt und der zweite stabiler wird, kann er auch weiterhin Turniere gewinnen. Aber er wird ohne eine Weiterentwicklung keine Majors gewinnen. Dafür fehlen ihm momentan die spielerischen Lösungen auf der Vorhand, um kräftesparender durch die frühen Runden zu gelangen. Ihm gelingt es zu selten, mit diesem Schlag Winkel zu öffnen, um die Punkte kürzer zu halten. Nur mit Spin und Länge verfängt er sich immer wieder in langen Ballwechsel.

Und die kosten Kraft: Zverev stand fast viereinhalb Stunden länger auf dem Court als Schwartzman. Da hilft es bei ein paar Wehwechen nicht mehr, einer der fittesten Spieler auf der Tour zu sein. In der Runde der letzten Acht hätte Rafael Nadal gewartet, der körperlich in einer Liga für sich spielt.

Zverev kann für sich beanspruchen, dass er trotz einer durchwachsenen Saison weiter auf Tuchfühlung mit der Weltklasse ist. Im „Race to London“ liegt er nur mickrige 60 Punkte hinter dem achtplatzierten Kei Nishikori. In der Weltrangliste ist Rang 6 gefestigt mit noch immer mehr als 700 Punkten Vorsprung vor  Stefanos Tsitsipas.

Zverev hat bei den Turnieren in China, in Basel und Paris Bercy insgesamt aber 775 Punkte zu verteidigen, darunter befinden sich zwei Halbfinals. Er muss Ergebnisse liefern, um sich für die Finals in Turin zu qualifizieren. Schafft er das nicht, fallen automatisch 1300 Punkte aus der Wertung. Würde das momentan passieren, fiele Zverev auf Rang zehn in der Weltrangliste.

Zverev muss also den Spagat finden zwischen kurzfristigem Erfolg und Verpflichtungen und langfristiger spielerischer Weiterentwicklung – eine taffe Aufgabe. Zunächst steht mit dem Laver Cup erstmal aber eine Show-Veranstaltung an, mitinitiiert von Roger Federer. Gut möglich, dass Federer und Zverev das ein oder andere Gespräch führen werden. Der Aufschlag dürfte dann durchaus auf der Tagesordnung stehen.