Roger Federer

ATP-Finals in London: Die Federer-Gala

Die Gruppenphase in der gewaltigen O2-Arena im Londoner Osten ist so gut wie vorbei und ein Name sorgt für Schlagzeilen, den am Anfang der Woche niemand auf dem Zettel hatte – Roger Federer. Wie gut ist der Maestro noch am Ende der Saison? Und was hat seine Frisur damit zu tun. Der Versuch einer Antwort.

Eigentlich ist fast alles gleich in diesem Jahr. Das charakteristische Herzschlagen Bum-Bum, Bum-Bum, Bum-Bum, das aus den Boxen hämmert, wenn die Stars auflaufen. Die komplett in Blautöne getauchte O2-Arena. Die Inszenierung in zwei Teilen – ab mittags die Day Session, anschließend die Night Session. Dazwischen säubert ein Heer von Helfern die Tribünen, während die Stars sich für ihr nächstes Match einschlagen. Je 17.000 Zuschauer kommen pro Session, macht 34.000 am Tag. Zum Vergleich: In Wimbledon sind an einem Tag, wenn Dutzende von Matches auf rund 20 Courts gespielt werden, rund 42.000 Menschen vor Ort. In London gibt es pro Tag gerade einmal vier Partien.

Trotzdem ist die Hütte ausverkauft. Am Donnerstagabend gab es keine Tickets mehr, als Roger Federer und Novak Djokovic gegeneinander antraten. Anscheinend ist O2, wie die Veranstaltung alle nennen, ein Selbstläufer. Werbung braucht es offensichtlich auch keine mehr. Man wundert sich auf dem Weg in das riesige Zelt, das neben dem Centre Court eine Shopping Mall, Kinos und eine Vielzahl von Restaurants beherbergt, das keine Plakate von den Tennisstars den Weg von der Underground-Station North Greenwich säumen. Das war immer anders.

Was auch anders ist: Dieses ATP-Finale ist besser als die vergangenen. Gradmesser: keine Verletzten. Die Top 8-Leute spielen durch. Auch nach einer harten Saison. Ein schlechtes Vorbild, um schlapp zu machen, hätten sie allemal gehabt. Vor zwei Wochen, beim Damenabschluss in China, fielen die WTA-Stars reihenweise aus. Man kann es auch drastischer formulieren: Das WTA-Finale mit gigantischem Preisgeld und oft vor halbleeren Rängen in Asien ist zur Farce verkommen.

Die Herren waren immerhin so smart, nicht dem Ruf des Geldes zu folgen. Ab 2021 wird in Turin gespielt. Wobei man sich kaum vorstellen kann, dass die Zuschauerkapazität von London zu halten sein wird. Aber wer weiß.

ATP-Finals: Gut aufgelegter Tsitsipas

In diesem Jahr gibt es bei den Herren einige Heldengeschichten zu erzählen. Die von Stefanos Tsitsipas, den man nicht auf dem Zettel hatte, weil zunächst nach seinem Melbourne-Halbfinale-Erfolg nicht mehr viel kam. Erst in der Hallensaison, genauergesagt in Shanghai, tauchte er wieder vorne auf. In London war er schon vor dem dritten Gruppenspiel souverän fürs Halbfinale am Samstag qualifiziert.

Eine andere Story erzählt Rafael Nadal. Nach seiner Niederlage gegen Alexander Zverev im Auftaktmatch musste man schon bangen, ob der Spanier – der traditionell wenig auf die Reihe in seiner persönlichen Masters-Geschichte bekam – in der Gruppenphase aufgeben würde. Nadal war mit wenig Vorbereitung an die Themse gereist. Eine Bauchmuskelverletzung hatte ihm zu schaffen gemacht.

Dann schlug er in seinem zweiten Match Daniil Medvedev nach 1:5-Rückstand im dritten Satz und hatte noch einmal alle Chancen, am Wochenende noch dabei zu sein. Frage eines Reporters nach dem Match. Sei es nicht ein perfektes Beispiel für die Schüler in seiner Akademie in Manacor gewesen, dass man nie aufgeben soll. „Nein“, sagte Nadal. Es sei ein anderes Beispiel gewesen. Nämlich, dass es im Tennis darum geht, Dinge zu akzeptieren. Zum Beispiel, dass man einen schlechten Tag hat oder dass der Gegner besser spielt.

ATP-Finals: Djokovic findet kein Rezept

Ein anderer Oldie, den nach seiner ersten Niederlage (gegen Dominic Thiem) niemand auf dem Zettel hatte, heißt Roger Federer. Nimmt man alle Geschichten zusammen, dann ist die des Schweizers bisher die größte. Sein Match gegen Djokovic, das 49. Aufeinandertreffen der Giganten – das einzige „Endspiel“ in der Gruppenphase, weil klar war, der Sieger kommt weiter – war eine Gala der besonderen Art. Federer schlug zwölf Asse, er verbuchte 73 Prozent mit dem ersten Aufschlag, er gewann 81 Prozent der Punkte beim ersten Aufschlag. Er gewann 60 Prozent der Punkte gegen den leicht favorisierten Novak Djokovic. Seine Statistik bei abgewehrten Breakpunkten: 100 Prozent. Er ließ nur einen einzigen zu. Fantastisch auch seine Returnspiele. Am Ende siegte Federer 6:4, 6:3. Djokovic meinte später: Er habe kein Rezept gefunden. Konnte die Aufschläge seines Gegners nicht lesen.

Warum hatte man den 38-Jährigen eigentlich nicht auf dem Zettel? Er empfahl sich schließlich mit dem Titel in Basel, sein zehnter, der komplett mühelos schien.

Fakt ist, Federer, der am Samstag sein Halbfinale wahrscheinlich gegen Tsitsipas spielt, feuerte am Donnerstagabend ein Feuerwerk ab. Der Schweizer ist sechs Jahre älter als Djokovic, aber er bewegte sich besser. Poesie in Bewegung. Als Federer nach dem Match auf seine Art, Tennis zu spielen, angesprochen wurde, antwortete er: „Yeah, ich habe nie versucht, mühelos Tennis zu spielen. Es kam einfach natürlich über die Jahre durch meine Coaches, besonders in meiner Juniorenzeit. Ich habe mich abgemüht mit einem extremen Griff oder der beidhändigen Rückhand. Das hat bei mir nicht funktioniert. So wie ich jetzt spiele, war für mich der einzige Weg.“ Und weiter: „Ich habe nie geplant, so zu spielen.“

ATP-Finals: Federer fühlt sich jung

Ein bisschen Understatement war sicherlich dabei. Und wahrscheinlich auch Freude, dass er es den Kritikern wieder einmal gezeigt hat. Er sei „sehr happy, sehr zufrieden“. Die Geister, die er besiegen muss, die viele nach seiner Wimbledon-Niederlage gegen Djokovic gesehen habe – es habe sie nicht gegeben. Man weiß nicht, ob man das glauben soll. Was man aber weiß: Bei Federer ist alles möglich. Gegen Djokovic flog er über den Court, viel besser kann man nicht Tennis spielen. 2011 siegte er zum letzten Mal – eine Ewigkeit ist das her. 2012, 2014 und 2015 war er im Endspiel an Djokovic gescheitert. Seit er 20o2, vor 17 Jahren, seine Masters-Karriere startete, standen vor Turnierbeginn 57 Siege und 15 Niederlagen zu Buche. Jetzt scheint auch der siebte WM-Titel drin.

„Fühlen Sie sich so jung wie Sie auf dem Platz wirkten?“, fragte ein Journalist am späten Donnerstagabend. Federer antwortete: „Yes, Ich fühle mich gut, ich fühle mich jung.“ Dann lächelte er und sagte: „Aber ich denke das liegt am Haarschnitt.“