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Bernard Tomic – positiver Ausrutscher des Enfant Terribles?

Am Sonntag hat Bernard Tomic mit dem Erfolg im chinesischen Chengdu seinen ersten ATP-Titel seit 2015 gewonnen und setzt seinen leicht positiven Trend der vergangenen Monate fort. Das sportliche Ausrufezeichen lässt das australische Enfant terrible in der Weltrangliste in Grand Slam-sicherere Sphären aufsteigen. Das kann positives verheißen, muss es aber nicht.

Die Australian Open, und mit ihr der 20. Majortitel von Roger Federer, waren noch keine 24 Stunden Sportgeschichte, da beschäftigte sich die australische Herald Sun bereits nicht mehr ausschließlich mit den Spähren, die der Schweizer erreicht hatte. Bei einem morgendlichen Kaffee in der Melbourner Innenstadt ließ sich stattdessen ausführlich nachlesen, wie sich Bernard Tomic im australischen Dschungel so schlug – oder eben nicht schlug.

Denn das Enfant terrible des australischen Tennisverbandes hatte sich beim Pendant zu „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ bereits nach einem Tag aus dem Camp verabschiedet. Seine Kritiker spotteten: Selbst auf dem Tennisplatz habe der damals 24-Jährige, der fürs „tanken“ bekannt war, des öfteren mehr Einsatz gezeigt.

Neun Monate liegt dieses Ereignis zurück, Tomic rangierte zwischenzeitlich außerhalb der ersten 200 Plätze der Weltrangliste. Am Sonntag krönte die einstige Nummer 17 der Welt seine Erfolgswoche mit einem hochdramatischen Finalerfolg in Chengdu gegen Fabio Fognini. Der Australier war als Qualifikant in die Turnierwoche gestartet und wehrte mehrere Matchbälle ab. Alleine im Finale waren es derer vier.

Nach dem ersten ATP-Titel seit drei Jahren (Bogota 2015) und den damit verbundenen 250 Punkten wird Bernard Tomic auch einen großen Satz im Ranking machen. Vor dem Turnier auf Rang 123 geführt, steht der 25-Jährige am Montag wieder unter den Top 100 der Welt (76). Diese Position würde ihm am Ende des Jahres 2018 für 2019 sichere Einnahmen bei den großen Turnieren garantieren. Nach all den Eskapaden und negativen Zwischentönen um diesen talentierten und noch immer sehr jungen Mann darf in einem Kommentar die Frage gestellt werden: War’s das jetzt schon wieder? Bleibt es bei diesem positiven Ausrutscher oder ist Tomic bereit, an die Leistung anzuknüpfen und den Kontakt an die erweiterte Weltspitze herzustellen?

Bernard Tomics Ziel war Platz 105

Schon während der Turnierwoche in Asien und bei seinem Challengererfolg in der Akademie von Rafael Nadal, das zeitgleich zu den US Open stattfand,  hatte der Einzelgänger in den Pressekonferenzen erklärt, sein primäres Ziel sei, bis Ende des Kalenderjahres 2018 unter den ersten 105 zu stehen.

Tomic zeigte sich nach dem Matchball äußerst emotional. Wie es mit dem Australier weiter geht, ist eine der spannendsten Fragen der Tour

Diese elitäre Tennisgruppe ist bekanntermaßen fix für die Hauptfelder der vier Grand Slamturniere qualifiziert und erhält damit direkten Zugang zu den dicken Geldtöpfen, die  für eine Erstrundenteilnahme zwischen 30.000 und 50.000 Dollar garantieren. Ein Zugang, der Tomic nach seinem tiefen Fall verwehrt blieb. Den durchaus schwerlichen Gang über die dreistufige Qualifikation überstand er nur bei den French Open und in Wimbledon. Vor seinem unrühmlichen Auftritt im Reality TV verwehrten ihm die heimischen Organisatoren gar eine eigentlich obligatorische Wild Card für die Australian Open.

Als seine kämpferischen Auftritte knapp nicht mit einem Ticket für Runde eins belohnt wurden, hatten Beobachter kurze Zeit Mitleid mit dem Rechtshänder. Bis er im TV-Interview zu Protokoll gab, dass er nun eben heimfahren werde, um seine Millionen zu zählen. Derlei kleine und große verbale Aussetzer war man von Tomic ja gewohnt. Die Liste seiner Eskapaden ist lang.

Lange Liste: Die Aussetzer von Bernard Tomic

Festnahmen wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt, Knöllchen wegen Raserei, Lustlos-Auftritte auf dem Tennisplatz. Tennistechnisch trauriger Höhepunkt war das Wimbledonturnier 2017. Ausgerechnet abseits des heiligen Rasens, auf dem er 2011 zum jüngsten Viertelfinalisten seit Boris Becker aufstieg, erklärte er völlig ungeniert, er habe sich auf dem Platz gelangweilt. Ein Tiefschlag für viele, die diesen Sport so lieben. Die Reaktionen waren dementsprechend laut und deutlich.

In Wimbledon leistete sich Tomic einer seiner vielen verbalen Aussetzer.

Arrogant und respektlos war das, meinten die einen damals. Ein depressiver Hilfeschrei eines jungen Mannes, der ein schwieriges Verhältnis zu seinem Vater habe, schlichteten die anderen. Damals blieb festzuhalten: Es stimmt beides.

Ex-Coach: „Tomic Karriere immer die Ambition seines Dads“

Sein langjähriger Jugendtrainer Neil Guiney, der Tomic in Profigefilde geführt hatte, bekannte kurz nach dieser Aktion öffentlich, dass ihn das Verhalten nicht überrasche. „Die Karriere von Bernard war schon immer mehr die Ambition seines Vaters. Er hat ihn stets hart behandelt. Resultate wie diese kann man da fast schon erwarten.“, erklärte Guniey und zog gar einen Vergleich zu Andre Agassi. Dieser habe Ähnliches durchgemacht und sei stark zurückgekehrt.

Es hilft jedenfalls, die vergangenen Taten von Bernard Tomic zu verstehen, wenn man sich das Verhalten seines Dads anschaut. Bei zahlreichen Matches von Bernard, und auch bei dessen Schwester gab es verbale und körperliche Angriffe des Vaters auf Beteiligte. Körperliche Attacken auf Offizielle des Verbandes waren keine Seltenheit. „Bernard wurde quasi sein ganzes Leben zum Tennis gezwungen. Die jetzige Lustlosigkeit ist eine Konsequenz dessen“, urteilte sein Ex-Coach damals.

Guiney hoffte im Sommer 2017 auch, dass sich Tomic eine Auszeit gönne, um seine Prioritäten zu überdenken. „Denn mit halben Einsatz weitermachen, Matches abschenken und das Geld einstreichen, das geht so nicht.“ Nun, es ging schon noch eine Weile so weiter, bis das einstige Toptalent aus jenen Regionen fiel, die ihm gewisse Teilnahmen garantierten.

Bernard Tomic: Leichte aufsteigende Tendenz seit Frühjahr

Im Frühjahr 2018 wurde es dann tatsächlich ruhiger um die einstige australische Nummer eins. Im französichen Aix-En-Provence erreichte er ein Challengerfinale, welches er glatt gegen John Millman verlor. Zurück unter den ersten 200 war er dennoch. Nach einem durchwachsenen Sommer an dessen Ende eine Qualifikationsniederlage bei den US Open gegen den ambitionierten Landsmann Thanasis Kokkinkakis stand, folgte der Challenger-Erfolg beim Akademieturner von Rafael Nadael in dessen Akademie in Manacor.

Nadal über Bernard Tomic

Der Spanier freute sich auch gleich für Tomic und gab in New York zu Protokoll: „Ich habe hier in der Umkleide vor der Qualifikation mit ihm gesprochen. Er hat gesagt: ,Hey, wenn ich hier verliere, sehe ich wenigstens mal deine Akademie‘. Er hat sich darauf gefreut.“ Und prompt auch gut gespielt. Aus dem Team von Kokkinakis war derweil zu hören, dass man sportlich Respekt, aber seine körperlichen Schwächen durchaus auszunutzen gewusst habe in New York.

Ein Punkt, der auch Wochen später, am Tag nach dem Erfolg in Chengdu unklar bleibt. Wie fit, wie ambitioniert, wie strukturiert ist Tomic? Der Spieler selbst sagte ob vieler abgewehrter Matchbälle:  „Ich bin so glücklich, dass ich gewonnen habe. Aber eigentlich hatte ich einfach Glück. Die ganze Woche über hatte ich Glück. Ich weiß gar nicht, wie viele Matchbälle ich im Turnier abgewehrt habe“

Er bekannte, bereits in der Qualifikation hätte ausscheiden zu können. „Ich lag deutlich zurück im entscheidenden Tiebreak gegen Egor Gerasimov. Ich lag in der ersten Hauptrunde zurück. In der zweiten Runde habe ich Matchbälle abgewehrt und jetzt im Finale auch. Ich hatte jede Menge Glück.“ Nur Glück?

Was steckt Bernard Tomic noch in seine Karriere?

Nun Tomic überzeugte mit einer cleveren Schlagauswahl, wirkte on Court strukturiert, ließ sich nicht gehen bei Rückstand und blieb lange in defensiven Ballwechseln am Drücker. Eigenschaften, die man lange nicht von ihm sah. Wie viel Trainingsaufwand dafür nötig war, wie er trainings- und personaltechnisch in Zukunft plant, wer ihm dabei hilft und wie sein genauer körperlicher Zustand ist, darüber redet er nicht. Seine Presserunden gehören 2018 zu den kürzesten auf der Tour.

Es bleibt also abzuwarten, ob der Einsatz nur ein notwendiges Übel war, um sicheres ATP-Fahrwasser zu erreichen und monetär planen zu können. Oder ob der immer noch junge und zweifelsfrei hochverlangte Bernard Tomic gewillt ist, in die erweiterte Weltspitze zurückzukehren. Tomic würde die Tour definitiv bereichern und einen Platz einnehmen, der in diesen Tagen altersstrukturtechnisch kaum ausgefüllt wird. Zwischen den älteren Grand Slam-Siegern (seitdem Marin Cilic vor Wochenfrist Geburtstag feierte, gibt es keinen aktiven Majorsieger mehr unter 30 Jahren) und der nächsten Generation um Alexander Zverev.