Dennis Novak

Wimbledon-Überraschung Novak: Mehr als Thiems Buddy

Erstmals seit den Australian Open 2015 heißt der letzte Österreicher in einem Grand Slam-Turnier nicht Dominic Thiem. Dennis Novak, einer seiner besten Freunde, ist in Wimbledon in die dritte Runde gestürmt. Dabei wurde er vor zehn Jahren vom Verband ausgemustert.

Dieses Portrait erschien während des diesjährigen Wimbledon-Turniers.

Vor fast genau zwei Jahren spielten Dennis Novak und Dominic Thiem beim ATP-Turnier in Kitzbühel zusammen Doppel. Thiem war zur Überraschung vieler in der Einzel-Konkurrenz früh gescheitert. Sein Trainerteam, so heißt es heute, hatte dem damals aufstrebenden Top 10-Spieler danach geraten, das Doppel abzuschenken, um früher in Richtung Nordamerika aufzubrechen – der längeren Vorbereitung wegen.

Thiem aber blieb, wollte seinen Buddy nicht hängenlassen.

Das Duo, das sich rund zehn Jahre zuvor in Günter Bresniks Tennis-Akademie in der Wiener Neustadt kennengelernt hatte, gewann drei Matches und verlor erst im Matchtiebreak unglücklich im Finale. Thiem blieb bis zum letzten Tag. Gute Freunde kann eben niemand trennen. Dem Motto blieben die gleichaltrigen Österreicher auch in den vergangenen vier Jahren treu.

Obwohl Thiem auszog, um die Tenniswelt zu erobern, und einer der besten Sandplatzspieler und unangefochtenen Top 10-Spieler zu werden. Die Freundschaft wurde enger, der Weltranglistenplatz klaffte immer weiter auseinander. Im Sommer 2018, im altehrwürdigen Wimbledon, steht allerdings erstmals Novak im alleinigen Rampenlicht. Dabei hatte der Verband in der Jugend nicht mehr mit ihm geplant – ähnlich wie bei Thiem.

Dennis Novak: Raus aus der Schublade

Am Mittwoch, viele Jahre später, schien sich der 1,83 Meter große, drahtige Rechtshänder endgültig aus dieser Schublade zu befreien. Gegen den gesetzten Franzosen Lucas Pouille führte er bereits mit 2:0 Sätzen, vergab zwei Matchbälle. „Im Nachhinein weißt du als Spieler natürlich immer, was du bei den Matchbällen hättest besser machen können“, gestand der 24-Jährige hinterher im Gespräch. „Im dritten Durchgang hat Pouille gut serviert, im vierten wurde ich ziemlich müde.“

Damit hatte Lucas Pouille nicht gerechnet: eine Niederlage gegen Dennis Novak.

Nach dem Satzausgleich sprach nicht mehr viel für den gebürtigen Burgenländer, der körperlich und mental angeschlagen wirkte. Aber er bündelte auf dem mit seiner steilen Tribüne am Platzende einzigartig wirkendem Platz 18 nochmals seine Kräfte, während Pouille schwächelte. Die Belohnung: Ein Drittrundenmatch gegen Milos Raonic am Freitag.

Raonic: „Novak? Der hängt immer mit Thiem ab“

Der kanadische Aufschlagriese wusste auf Anfrage bislang nur eines über seinen nächsten Gegner zu berichten. „Ich weiß, dass er immer mit Dominic abhängt. Sie scheinen gute Buddys zu sein.“ Und auch der Rest der Tenniswelt war noch nicht sonderlich informiert.

Novak wurde nach seiner Ausmusterung vom Verband vor gut zehn Jahren von Thiems Vater Wolfgang in die Neustadt gelotst und wurde sein Trainer. Und blieb das bis heute. „Wobei Günter Bresnik natürlich den Hut auf hat“, sagte der Schützling fast ehrfürchtig und meinte das nicht bildlich (Bresnik hat auf den Courts nicht selten große Hüte auf), sondern im übertragenen Sinne. Er ist der Hauptcoach.

Novak wurde vom Verband ausgemustert

Auf der Tour begleitet ihn Peter Znenahlik, ein ehemaliger österreichischer Nationalspieler im Eishockey und späterer ORF-Experte. Auch so eine Idee von Bresnik, der generell viel vom Mehrwert, den Leistungsportler aus anderen Sportarten bieten können, hält. Znenahlik hat ein genaues Auge auf seinen Schützling.

Er weicht auch beim Pressegespräch nicht von seiner Seite. Gemeinsam haben Sie dieses Jahr auf der Future-Tour je ein Finale und Halbfinale erreicht, auf Challengerebene immerhin zwei Viertelfinals und ein Halbfinale. „Mir taugt es, wenn sich ein Spieler mit Konstanz auf den kleineren Events nach oben spielt. Dann ist er auch nicht auf Wildcards angewiesen“, sagt Bresnik am Rande des diesjährigen Wimbledon-Turniers auf Anfrage von tennismagazin.de.

Novak: Neue Konstanz auch dank Eishockey-Profi

Die Konstanz ploppte bereits in Australien auf, als er sich durch die Qualifikation spielte und in Runde eins der Australian Open an Grigor Dimitrov scheiterte. In Paris war in der dritten Quali-Runde Schluss. „Hier hat er seine Trainingsleistung in die Matches übertragen“, sagte Dominic Thiem in Wimbledon und schwärmte von Novaks natürlichem Talent auf Rasen. Welches ihn durch die Qualifikation brachte und ihm Siege gegen Peter Polansky und dann eben Pouille einbrachte.

Die plötzlich aufsteigende Tendenz ist relativ plausibel zu erklären. Zum einen wäre da die Vorbereitung auf Teneriffa im vergangenen Winter, die er verletzungsfrei durchziehen konnte. „In den sechs Wochen hat er körperlich und spielerisch enorm aufgeholt, sich wesentlich verbessert. Er hat da voll durchgezogen“, erklärt Bresnik.

Novak: Verletzungsfreie Vorbereitung und Selbstkritik bringen Erfolg

„Ein Jahr zuvor habe ich mich an gleicher Ort und Stelle an der Patellasehne verletzt.“ Novak fiel mehrere Monate aus, spielte erst im Frühsommer wieder Turniere und fand danach nicht so recht seinen Rhythmus.

Zum anderen übte der Spieler viel Selbstkritik. „Die Zeit tat mir insofern gut, weil ich gemerkt habe, wie sehr mir Tennis fehlt. Davor habe ich ein paar Fehler gemacht. Heute bin ich viel professioneller“, sagte Novak. Genauer ins Detail wollte der Weltranglisten-171., der durch den Erfolg schon jetzt bis auf Rang 125 aufsteigt, nicht gehen.

Bresnik über Novak? „Edmund-Match ein Knackpunkt“

Bresnik bescheinigt seinem Schützling hier in Wimbledon ohnehin sportlich und menschlich eine tadellose Einstellung. Ein sportlicher Knackpunkt sei für Bresnik das letztjährige Achtelfinale beim ATP-Turnier in Wien gegen Kyle Edmund gewesen, das er nur knapp verlor. „Da hat er gemerkt, dass er mithalten kann.“

Seitdem hat er sich peu a peu stabilisiert. Und hier in Wimbledon hat er ein Ausrufezeichen gesetzt. So klischeehaft es sich anhört, aber im Fall des jungen Österreichers hörten sich seine Worte echt an. „Jeder Junge, der mal Tennisprofi werden möchte, träumt von so einem Match, wie ich es hier hatte.“ Das Match gegen Raonic wolle er jetzt genießen. Zusammen mit seinem ausgewogenen Team möchte er die positive Entwicklung unabhängig von Sieg oder Niederlage fortsetzen.

Novak und der Kontakt zu Thiem

Novak hatte nach eigenen Angaben mehr als 100 Kurznachrichten erhalten. „Die, derjenigen, die immer für mich da sind, beantworte ich natürlich. Die, derjenigen, die sich jetzt plötzlich wieder melden, nicht unbedingt.“

Thiem gehörte nicht dazu.

Er hatte seinem Freund unmittelbar nach dem Sieg ohnehin noch persönlich gratuliert, machte sich dann auf den Weg zum Flughafen. Die österreichische Nummer eins  war verletzungsbedingt bereits in Runde eins ausgeschieden.

„Vor dem Match werden wir sicherlich telefonieren, so wie wir das ohnehin fast täglich tun“, sagte Novak und lächelte.