Day Three: The Championships – Wimbledon 2018

Mail aus Wimbledon: Struff taugt endlich zum Helden

Tag drei des diesjährigen Wimbledon-Turniers brachte die erste Regenunterbrechung und aus deutscher Sicht ein erneutes Comeback mit sich. Jan-Lennard Struff zeigte kaum für möglich gehaltene Nehmerqualitäten. Dass er mit 28-Jahren zum ersten Mal überhaupt in Runde drei eines Grand Slam-Turniers steht, sagt viel über den sympathischen Hardhitter aus.

Wann immer Journalisten Jan-Lennard Struff auf der Tour antreffen, muss der deutsche Davis Cup-Spieler Fragen nicht nur zum Alltag beantworten. Es geht ums große Ganze: Wann schöpft er sein Potential voll aus? Woran liegt es? An was muss er arbeiten, um das zu schaffen? Nicht wenige sehen immer noch großes Potential in ihm.

Oftmals wirkt er, der ruhige Sauerländer, dann und wann überfragt. Spricht man mit Davis Cup-Teamchef Michael Kohlmann, wird die Prognose runder, aber nicht vollständig greifbar. Struff trainiere hart und gut. Seine Schläge seien Waffen. Er sei ein positiver Mensch, mit positivem Gemüt – er bleibe generell positiv.

Was generell im schnelllebigen und von Rückschlägen geprägten Tennisleben eine gute und notwendige Eigenschaft ist. Und die bei Struff 2018 auch notwendig war. Siebenmal schied er 2018 in Runde eins aus. Bei 15 Turnierteilnahmen vor Wimbledon gewann er nie mehr als zwei Matches in Serie. Und auch an der Seite seiner Doppelpartner Ben McLachlan und Tim Pütz setzte es zuletzt einige Pleiten.

Wimbledon: Struff dreht zweimal einen 0:2-Rückstand

In Wimbledon wird Struff aller Voraussicht nach ebenfalls keine drei Matches in Serie gewinnen. Zum kleinen Helden taugt der Rechtshänder dennoch. Zweimal drehte der Warsteiner einen 0:2-Satzrückstand. Am Mittwoch gegen den ewig mürrischen Aufschlagriesen Ivo Karlovic auf Außenplatz 15.

Niemand hätte „Struffi“ das zugetraut. 0:2 gegen jemanden, der die Asse nur so aus dem Ärmel zückt. Es wäre ein normaler Struff-Tag gewesen. Bei 19 Grand Slam-Teilnahmen war er nie über die zweite Runde hinausgekommen, mehr als ein Dutzend Mal in Runde eins gescheitert. Aber am Mittwoch schaffte es der beste deutsche Doppelspieler, seine positive Aura in genügend Energie umzuwandeln.

Struff: „Ich bin zu ruhig geblieben“

„Als zunächst die Asse links und rechts eingeschlagen sind, bin ich ruhig geblieben – zu ruhig“, bekannte Struff, nachdem er das Match nach fast exakt vier Stunden mit 13:11 im Endscheidungssatz gedreht hatte, geduscht und beim Physiotherapeuten war. Als er sich Satz drei im Tiebreak geschnappt habe, seien ihm mehrere Dinge durch den Kopf gegangen. „Dass ich in der ersten Runde ein Match gedreht habe, dass ich Fünfsatzmatches im Davis Cup gewonnen habe, auch mit Pütz im Doppel – und – dass Ivo hier vergangenes Jahr mit 6:8 im letzten Satz verloren hat.“

Struff schmunzelte. Der letztjährige Gegner des Kroaten, Aljaz Bedene, wohnt 2018 während Wimbledon im selben Haus wie Struff. „Er hat mir das beim Smalltalk am Frühstückstisch erzählt.“

Jan-Lennard Struff streckte den Zeigefinger gen Himmel. Den Kraftakt in Runde zwei hatten ihm nur wenige zugetraut.

Struff hatte also genug positive Ansätze und zeigte das erstaunlich extrovertiert. Nach wichtigen Spielsituationen ballte er noch auf der Bank sekundenlang die Faust, wurde von den auf Court 15 dominierenden deutschen Fans immer wieder gepusht.

Struff kramt den Davis Cup aus

Das habe ihm sehr geholfen, wie es ihm auch immer beim Davis Cup helfe. Struff lässt keine Gelegenheit aus, um zu unterstreichen, wie sehr im der Teamwettbewerb am Herzen liegt. Und wie gut dort seine Leistungen waren. So war es wenig verwunderlich, dass der Teamplayer die nächste Aufgabe von der Wertigkeit in ein Regal einordnet, dass es mit seinen Teamerfahrungen im Länderkampf aufnehmen kann.

„Als ich die Auslosung gesehen habe, wollte ich dieses Match unbedingt“, erklärte Struff angesprochen auf das Drittrundenduell mit einem gewissen Roger Federer. Das aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Centre Court ausgetragen wird. „Was mir noch ein bisschen wichtiger ist als der Gegner.“ Vergangenes Jahr spielte er auf Court 1 gegen Milos Raonic; jetzt gibt es ein Karrierehighlight auf dem Centre Court von Wimbledon gegen den besten Rasenspieler aller Zeiten.

Struff wollte unbedingt auf den Centre Court

Struff schaute so, als könne er das alles schon einordnen, nachdem er den Matchball zum 13:11 im fünften Satz verwandelt hatte. Später im Gespräch wirkte er ausgelaugt. Erst zwei Spieler vor ihm hatten in der Open Era von Wimbledon überhaupt zweimal in Serie ein Match 0:2 zurückliegend gedreht. Ein drittes Mal, wie es Alexander Zverev in Paris gelang, wird es gegen Federer wohl nicht geben. „Aber ich würde kurz schmunzeln, wenn es 0:2 steht“

Struff weiß, wie schnell sich der Wind um seine Person dreht. Am Donnerstag erzielte er nur einen winzigen Punkt mehr als Karlovic (206 zu 205) und hielt mit 31 Assen dagegen (Karlovic 61). Ihm ist es aber wichtiger, dass langfristig eine Konstanz zu erkennen ist. Die fehlte bislang. Bei der 20. Major-Teilnahme steht er zum ersten Mal überhaupt in Runde drei.

Kohlmann hoffte vor dem Turnier, dass „Wimbledon ein Startschuss für ein tolles zweites Halbjahr sein kann.“ Jetzt, wo Struff sein Soll mit zwei Kraftakten erfüllt hat, kann er sich dem guten Gewissens anschließen. Ziele hat er nicht nur im Einzel, im Doppel gab er im Frühjahr das Ziel ATP-Finals aus. „Das Problem aber momentan ist, dass wir vom Ranking her nicht in die Masters reinkommen, ich muss Qualifikation spielen und das überschneidet sich. Aber wir spielen hier zusammen und noch drei vier weitere Turniere und schauen, wie weit wir kommen.“

Struffs Hoffnung, die Organisatoren würden ihn am Donnerstag nicht allzu früh ansetzen, wurde nicht erhöhrt. Mit McLachlan bestreitet er gleich um 11.30 Uhr sein Doppel gegen Nicolas Monroe und John-Patrick Smith– das im Best-of-Five-Modus ausgetragen wird.  Am Freitag wartet dann der Maestro, gegen den er bei den Australian Open immerhin einen Tiebreak erzwang. Federer äußerte sich damals respektvoll über Struffs Qualitäten als Hardhitter. „Ich werde mir schon eine Taktik zurechtlegen, andererseits habe ich mal in Halle gegen ihn auf Rasen gespielt“, sagte Struff und legte eine künstlerische Pause ein. „Da habe ich irgendwie nur drei oder vier Punkt bei gegnerischem Aufschlag überhaupt gemacht.“ Damals, 2016, gewann Federer 6:4, 7:6.