TENNIS-GBR-WIMBLEDON

Mail aus Wimbledon: Kerber & Zverev – langweilige Gewinner

Angelique Kerber und Alexander Zverev führen das siebenköpfige DTB-Aufgebot an, das die zweite Runde in Wimbledon erreicht hat. Das Duo präsentierte sich nach erfolgreich erledigter Arbeit zwar äußerst inhaltslos. Doch angesichts der sieben Top 10-Spieler, die schon ausgeschieden sind, erscheint das nur als Luxusproblem.

In den ersten Tagen eines Grand Slam-Turniers schleicht sich das Gefühl ein, oft zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Während eines Erstrunden-Tages in Wimbledon passiert einfach zu viel: mehr als ein Dutzend Matches zeitgleich, Pressekonferenzen, vereinbarte Interviews, Hintergrundgespräche und vieles mehr.

Der Anteil an Livetennis hält sich dementsprechend in Grenzen. Eine geschickte Einteilung ermöglichte es aber, die letzten Spiele von Kerber, anschließend den Abschluss von Alexander Zverev und die finale Phase von Nick Kyrgios live oncourt mitzuerleben.

Kerber wurde zum Ende des Matches hin von der ehemaligen Wimbledonfinalisten und Comebackerin Vera Zvonareva ordentlich gefordert, doch sie behielt die Länge in den Schlägen, servierte gut nach außen und blieb nervenstark. Zverev marschierte in den Sätzen zwei und drei gegen den Australier James Duckworth, der letzte Satz war gar zu null. Nur der Anfang war etwas holprig, was er später auf die fehlende Matchpraxis zurückführte: „Ich musste mich erstmal ins Match hinein fühlen.“ (HIER finden Sie eine Übersicht der deutschen Ergebnisse und Ansetzungen)

Nick Kyrgios bot  – natürlich – das gewohnte Spektakel, wenn auch mit einem größeren Fokus aufs Gewinnen, was ihm in der diesjährigen Rasensaison nach zwei Halbfinals und einem schmerzfreien Schwung ohne Schmerzen in den erweiterten Favoritenkreis gespült hat. Ein mögliches Achtelfinale könnte lauten: Zverev gegen Kyrgios. Spannend.

Wimbledon: Zverevs dreiminütige Pressekonferenz

Der Spannungsbogen ging nach dem erlebten Tennistrio rasch nach unten, was zunächst an Kerber und Zverev lag. Der 21-Jährige hat in Pressekonferenzen nach Matches mit einer zu meist negativen Körpersprache und kurzen Antworten ein Klima erschaffen, das wenig Raum für Inhaltliches bietet. Was der deutschen Nummer eins momentan entgegenkommt. Er hat keine Lust auf das große Tamtam nach einem Match.

Er will seine Regeneration durchziehen, das Match für sich verarbeiten und Zeit mit seinem Team verbringen. Obwohl anwesend, stellte keiner der englischsprachigen Journalisten eine Frage. Die deutsche Pressekonferenz dauerte keine drei Minuten. Normal sind acht bis 15 Minuten.

Wimbledon: Kerber präsentiert sich in der Trainerfrage inhaltslos

Ähnlich inhaltslos ging es wenig später bei Angelique Kerber zu Sache, die sich zwar ausführlicher äußerte, aber nicht ins Detail ging. Gerne hätten Journalisten Auskunft erhalten, wie sich die Zusammenarbeit mit Trainer Wim Fissette entwickelt hat, wie sie arbeiten, was ihn ausmacht. Eine richtige Antwort bekamen sie aber nicht.

Andererseits: Presserunden nach einem Match bieten eigentlich nie Möglichkeiten, um an heiße News zu kommen. Und klar: Am Tag werden Hintergrundgespräche geführt, Trainern werden befragt (auch Fissette!) und wichtige Informationen werden gesammelt – doch um einem Profi etwas näher zu kommen, bleiben bei Grand Slam-Turnieren nur die angesetzten Pressekonferenzen. Es sei denn, man betreibt Selfie-Journalismus und lauert den Spielern nach dem Training auf, um sich mit ihnen fotografieren zu lassen. Soll es ja auch geben …

Kerber und Zverev: Konstanz ist Trumpf

Zur ganzen Wahrheit gehört auch: Unter anderen Umständen präsentieren sich die beiden deutschen Aushängeschilder oft eloquent und auskunftsfreudig. Gerade Zverev fühlt sich bei Veranstaltungen mit Flair oder in ruhigeren Gesprächsrunden wohl(er), gibt dann gerne mehr von sich preis. Hier in Wimbledon aber stehen die Matches über allem anderen, das Turnier ist zu wichtig.

Die letzte Grand Slam-Enttäuschung liegt bei Kerber schon mehr als ein Jahr zurück (French Open 2017), Zverev steigerte sich nach den US Open, wo er vielleicht im Vorfeld aus eigener Sicht zu forsche Töne anschlug und früh gegen Borna Coric scheiterte, merklich und hat auch hier größeres vor. Insofern darf es sportlich aus deutscher Sicht nichts zu meckern geben.

Kyle Edmund und die perfekte Pressekonferenz

Wenn man auch etwas neidisch auf die britischen Journalisten blickt, die ihre Pressekonferenz mit der Inselhoffnung Kyle Edmund zelebrieren, ja fast schon choreografieren und Edmund fast 20 Minuten tiefenentspannt und authentisch Auskunft erteilt. Wie schwierig es sei, sich von einem Sportfan zum einem Sportstar zu entwickeln. Mehr als eine Minute antwortete der Rotschopf ehrlich, woran es liege, dass die Spieler wohl einen Spleen in Sachen Ordentlichkeit mit Wasserflaschen und leeren Balldosen hätten. Sehr unterhaltsam!

All die Auskünfte sind für die Spieler quasi wertlos, wenn der Erfolg nicht stimmt. Bei den Herren sind mit David Goffin, Dominic Thiem (verletzungsbedingt) und Grigor Dimitrov bereits drei Top 10-Spieler ausgeschieden. Gerade Dimitrov gibt oft und intensiv Auskunft. Er scheitert in den letzten Wochen aber zunehmend daran, seinen Worten auch entsprechende Taten auf Platz folgen zu lassen. Da helfen auch gute Pressekonferenzen nichts.

Wimbledon: sieben Top 10-Spieler raus

Bei den Damen sind es bereits vier Topspielerinnen ausgeschieden: Caroline Garcia, Sloane Stephens, Maria Sharapova und – wohl am überraschendsten – auch Petra Kvitova.

Die zweimalige Wimbledon-Siegerin galt nach tollen Vorleistungen als Anwärterin auf Titel Nummer drei. Doch sie bekam ihre spielerischen Basics nicht zusammen. Und Aliaksandra Sasnovich, die Weltranglisten-50. aus Weißrussland, nutzte das eiskalt aus.

„Ich wollte es wohl etwas zu sehr“, erklärte die Tschechin. Bei den Grand Slam-Tunrieren will es nicht laufen. Bei normalen Turnieren gewinnt sie dagegen oft. Das wurmt sie, was sie ausführlich in der Presserunde erklärte. Aber ihre Einstellung blieb  positiv, denn: „Ich muss ja lächeln. Ich will mich nicht herunterziehen lassen. Das größte Match meiner Karriere habe ich bereits gewonnen (nach der Messerattacke gesund auf die Tour zurückzukehren, Anm. d. Red.). Das ist wichtiger als ein Grand Slam-Turnier.“

Angesichts der vielen frühen Niederlagen der Konkurrenz ist es aus deutscher Sicht ein Luxusprobleme, sich darüber zu echauffieren, zu wenig Auskunft zu erhalten. Das ist vielleicht langweilig, aber scheint für Kerber und Zverev zu funktionieren. Mit steigendem Erfolg lässt sich Langeweile ohnehin besser verkaufen.