TENNIS-GBR-WIMBLEDON

Marin Cilic in Wimbledon: Ein bisschen unter dem Radar

Marin Cilic ist Grand Slam-Champion, er ist aktueller Wimbledon- und Australian Open-Finalist, gewann kürzlich Queen’s. So richtig viel Aufmerksamkeit wird dem Kroaten nicht zuteil. Dabei könnte die diesjährige Wimbledon-Auflage sein Turnier werden.

Kein einziger kroatischer Journalist war gekommen, als die Nummer drei der Setzliste in den kleineren, muggeligen Interview-Raum zwei verfrachtet wurde. Viele seiner Kontrahenten, die weniger vorzuweisen haben, waren im Hauptraum angesetzt. Nach seiner kristalklaren Vorstellung gegen den anfangs überfordert wirkenden Japaner Yoshihito Nishioka waren aber nur rund zehn Journalisten überhaupt anwesend. Rasch ging es weniger um sein Tennis als um das kroatische Elfmeter-Drama in Russland.

Aufgrund des Desinteresses ergab sich nach der Presserunde ein kurzes Gespräch, zudem ein Journalist bei Spielern dieser Größenordnung während eines Slams eher nicht kommt. Zu strikt ist das Prozedere, zu eng der Zeitplan. „Die sind halt alle in Russland“, sagte der 28-Jährige angesprochen auf die kroatischen Journalisten. Fußball dominiert in Kroatien.

„Was okay ist, ich habe ja auch mitgefiebert“, erklärte er grinsend. Aber ist er wirklich zufrieden mit seiner Rolle, der öffentlichen Wahrnehmung, der Wertschätzung seiner Erfolge? Cilic machte große Augen, atmete einmal tief aus, lächelte: „Ich sehe das entspannt.“

Wimbledon: Erhält Cilic zu wenig Aufmerksamkeit?

Ein wenig lässt sich aus dieser Situation schließen, dass das ruhig ein bisschen mehr sein dürfte für Cilic, den frischverheirateten Ehemann. Es läuft ja auch bei ihm. Doch im großen, schnelllebigen Tenniszirkus gibt es nicht selten einen Stempel aufgedrückt. Nach zwei verlorenen Majorfinals in Australien und vergangenes Jahr an gleicher Stelle lautet das Urteil: mental nicht stark genug für den zweiten Major-Titel, nicht die Aufmerksamkeit wert.

Gut, das Pauschalurteil ist etwas überspitzt formuliert. Doch ein wenig konnte man diesen Eindruck schon gewinnen. Dabei wurde Cilic rein sportlich wegen seiner Rasenergebnisse gar nach oben gesetzt, von fünf auf drei; zum Leidwesen von Alexander Zverev. Auch und vor allem deswegen, weil Cilic in Queen’s triumphierte und dabei einen Matchball gegen Novak Djokovic abwehrte. Was durchaus als mental stark bezeichnet werden kann.

Cilic hat viel im mentalen Training gearbeitet. Wobei differenziert werden muss. Ein langjähriger Top 10-Spieler fängt nicht damit an, indem er überlegt: ,Wie bin ich in den entscheidenden Momenten weniger nervös?‘ Es ist vielmehr ein stetiger Prozess, den er einst mit seinem Extrainer und Idol Goran Ivanisevic (ungesetzter Sensationssieg 2001 in Wimbledon) und nun mit Ivan Cinkus fortsetzt.

Wimbledon: Cilic und die Mentalarbeit

„Rasentennis ist auch immer ein ,mindgame'“, sagte Cilic am Montag. Es gehe gerade beim Aufschag nicht selten um eins, zwei Punkte. „Da ist es wichtig, dass ich mir als Spieler vor Augen halte, wo und mit welchem Stil ich dann punktgenau serviere.“ Es sei wichtig, das richtige Aufschlaggefühl abzurufen, wenn man es benötigt.

Selbstkritischer scheint er geworden zu sein. 2017 im Finale behinderten den Rechtshänder Blasen am Fuß. „Das war mir zuvor erst einmal passiert. Es war Pech. Man kann aber auch sagen: Es gibt auf dem allerhöchsten Niveau immer kleine Dinge in der Prävention, die man verbessern kann.“

Cilic übt leichte Selbstkritik

Dennch bezeichnete er das Erreichen des Finals als schönsten Karrieremoment. „Ich bin aufgewachsen mit Goran im TV, seinen Niederlagen in Finals und am Schluss den Sieg. Es war eine große Freude für mich, als er endlich diese Trophäe in den Himmel strecken durfte.“

Marin Cilic musste 2017 nach dem Finale von Roger Federer getröstet werden.

Cilic gab an, stolz zu sein, selbst um diesen Titel habe spielen zu dürfen. Ein Traum, den er sich erneut ermöglichen will. Seine Seite des Draws ist schon erstaunlich offen. Der erste gesetzte Spieler, auf den er hätte treffen können, Filip Krajinovic unterlag überraschend Nicolas Jarry.

Cilic: Der Schlag nach dem Aufschlag

Im Achtelfinale könnten Lucas Pouille oder Milos Raonic warten, bei letzterem gilt es abzuwarten, wie stabil er nach den ganzen Wehwehchen seine Leistung abrufen kann. Cilic muss sich jedenfalls nicht verstecken – und: Grigor Dimitrov ist schon raus, die Setzung fürs Viertelfinale übernahm nun Stan Wawrinka.

In einem möglichen Halbfinale könnte Roger Federer zum Vorjahrestanz bitten. Spätestens dann kommt es zum Treffen der Spieler, die kurze Ballwechsel dominieren wollen. Während Federer in Halle noch seine Problemchen mit dem Aufschlag hatte, bereitet Cilic den Schlag nach seinem Service optimal vor.

Marin Cilic und sein Coach Ivan Cinkus kommunizieren viel.

77 Prozent aller Punkte hat Cilic in seiner Karriere bei seinem ersten Aufschlag gewonnen. 2018 hat er diese Statistik nochmals zwei Prozentpunkte gesteigert. Im Kalenderjahr 2018 hält er zu 89 Prozent seinen Aufschlag. Cilic bekommt eine Menge einfache Schläge nach dem Aufschlag. Die regelmäßig zu bekommen, ist eine Kunst.

Die auch Federer beherrscht, der nach dem vorzeitigen Aus von Borna Coric aber lange auf einen echten Prüfstein warten muss. Cilic jedenfalls würde sich über ein Rematch eine Runde vor dem Finale freuen. Bis dahin fährt er weiter etwas unter Radar, serviert und ist ein angenehmer Gesprächspartner, wenn denn jemand mit ihm sprechen mag.