Nitto ATP World Tour Finals – Previews

Dominic Thiem bei den ATP-Finals: Der lachende Vierte

Der erste Spieler, der sich bei den ATP-Finals in London für das Halbfinale qualifiziert hat, heißt Dominic Thiem. Der Österreicher ist neben Djokovic, Nadal und dem an der Themse bislang glücklosen Aufsteiger Daniil Medvedev der Spieler der Saison 2019. Im Gruppenspiel am Donnerstag gegen den Italiener Matteo Berrettini muss er nicht mehr siegen.

Wenn man etwas über Dominic Thiem erfahren will, spricht man am besten mit seinem Manager. Wenn auch nicht direkt, sondern per Telefon. Herwig Straka, Turnierdirektor in Wien und seit Frühjahr in Diensten von Thiem, sitzt in diesen Tagen permanent in ATP-Meetings unweit der O2-Arena. Er gehört auch dem höchsten Gremium der Gewerkschaft der Profis und Turnierdirektoren an, dem Board of Directors. Straka sagt: „Vor ein paar Tagen, als die Auslosung gekommen ist, war die Zielsetzung, das Halbfinale zu erreichen, relativ schwierig. Wir haben trotzdem dran geglaubt.“ Und weiter: „Dominic ist mental sehr stark, wenn er sich klare Ziele gesetzt hat.“ Die Ziele lauteten, beide Turniere in Österreich zu gewinnen und das Halbfinale beim Abschlussturnier der besten Acht in London zu erreichen. Alles hat sein Klient bisher geschafft.

Vielleicht springt ja noch mehr raus. Und vielleicht werden, wenn am Ende der Spielzeit abgerechnet wird, vier Namen genannt, wenn es darum geht, wer das Tennisjahr 2019 geprägt hat. Die Grand Slam-Turniere haben sich die Weltranglisten-Führenden Rafael Nadal und Novak Djokovic brüderlich geteilt. Der Serbe siegte in Melbourne und Wimbledon, der Spanier in Paris und New York. Der dritte Name, an dem kein Weg vorbeiführt, lautet Daniil Medvedev – auch wenn er bei seinen bisherigen zwei Matches in der O2-Arena von London glücklos agierte. Neun Finals erreichte der Russe 2019, so viele wie kein anderer.

Thiem steht zwischen den Generationen

Und doch könnte am Ende der Saison ein Name die anderen überstrahlen – Dominic Thiem, quasi als lachender Vierte. Denn in der Szene hat man sich seit einiger Zeit auf den Kampf Alt gegen Jung konzentriert. Wenn bald Federer & Co. abtreten, so ein mögliches Szenario, übernehmen Zverev & Co. Das Image von Thiem war lange Zeit: ein guter Spieler, der aber keine Rolle spielen wird, wenn die großen Trophäen vergeben werden. Zu brav, der Junge aus der Wiener Neustadt. Vielleicht mit einer Ausnahme: Auf Sand, bei den French Open in Paris, da ist er gut. Dort stand er schon zweimal im Finale. Bislang aber ist Nadal dort besser. Er schien auch nicht ins Drehbuch zu passen, weil er mittendrin hängt zwischen alt und jung. Thiem ist seit 2016 beim Abschlussturnier in London dabei. 2019 ist bereits sein vierter Start.

Wer die Story von Thiem 2019 aufschreibt, landet auch immer bei einer besonderen Weichenstellung, über die sie sich in der Alpenrepublik immer noch die Köpfe heiß reden. Thiem trennte sich in dieser Saison vom Übervater und Mentor Günter Bresnik, der in Doppelfunktion über den besten österreichischen Tennisspieler seit Thomas Muster wachte – als Trainer und Manager. Der Trainer heißt nach einer unschönen Trennung, bei der beide Parteien aber öffentlich ihr Gesicht wahrten (und die schmutzige Wäsche eher hinter verschlossenen Türen wuschen), inzwischen Nicolas Massu, bekannt vor allen Dingen als doppelter Olympia-Sieger von Athen 2004. Der Manager und kühle Stratege im Hintergrund – genau Herwig Straka, früher auch Muster-Manager.

Straka sagt: „Schlagtechnisch war Dominic immer gut die letzten Jahre, er ist sehr gut ausgebildet. Die Frage ist, wie man es anwendet. Er hat jetzt eindrucksvoll bewiesen, dass er es kann.“ Was er nicht sagt, ist, dass dieser Thiem ein komplett anderes Kaliber ist, als noch vor einem Jahr. Er ist reifer geworden, hat sich freigeschwommen. Die Trennung von Bresnik, dem er viel zu verdanken hat, war sein Glücksfall, eine überfällige Häutung. „Er ist einer der Spieler, die in den nächsten Jahren um die Nummer eins oder zumindest um die Top 3 mitspielen wedren“, sagt Straka. Er untertreibt ein bisschen. Bei den Top 3 ist sein Klient schon fast.

Wer Zeuge seiner bisherigen Auftritte bei den ATP-Finals war, kann nur zu dem Urteil kommen: Thiem ist noch längst nicht am Ende seiner Reise. Dem Sieg über Federer folgte der Triumph über Djokovic im zweiten Gruppenspiel. Für Thiem selbst, der im entscheidenden Tiebreak 1:4 zurücklag, war es „das wahrscheinlich beste Match, das ich je gespielt habe“. 50 Winner gelangen ihm gegen den Serben. Straka formuliert es so: „Er hat eine der besten Leistungen in seiner Karriere abgerufen. Auch das Spiel gegen Roger war ganz großes Kino.“

Thiem kann auf allen Belägen gewinnen

Djokovic sei überrascht gewesen, wie schnell die Bälle zurückgekommen sind. Vor allem: wie konstant schnell. Und wenn der Mann, der die letzten zehn Jahre diktiert hat, überrascht ist, heißt das schon etwas. Auch weil der schnelle Belag bislang nicht Thiems bevorzugtes Terrain war. Inzwischen gilt jedoch: Thiem kann auf allen Belägen gut spielen. Allerdings: Thiem musste drei Sätze lang am absoluten Limit spielen, um Djokovic am Ende hauchdünn zu besiegen. Die Frage ist nun: Schafft Thiem es, dieses Level durch ein komplettes Turnier zu transportieren?

Eine andere Erkenntnis dieser ersten Tage von London lautet: Wer es schafft, nacheinander Federer und Djokovic zu schlagen, der scheint für Höheres berufen zu sein. Straka sagt: „Wenn man zwei der besten Spieler der Tennishistorie hintereinander schlägt, sieht man dem Wochenende sehr positiv entgegen.“ Das kann man so stehen lassen. Da wird auch die leichte Erkältung, die sich Thiem nach der Djokovic-Partie zuzog, nichts dran ändern.