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Mail aus Paris: Jede Menge Tennisjunkies dank großer Zverev-Show

Bei den French Open heißt der spektakulärste Spieler Alexander Zverev. Die Nummer zwei der Setzliste lässt niemanden kalt. Er nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise und niemand weiß, wie und wo sie endet. tennis MAGAZIN-Chefredakteur Andrej Antic fühlt sich an die Zeiten von Boris Becker erinnert.



Als der Autor dieser Zeilen am Freitag auf dem Court Philippe Chatrier sitzt, blinkt WhatsApp auf. Eine Freundin schreibt aus dem Urlaub: „Ich drehe gleich durch!“ – „Wie hältst du das aus????“ – „Warum spielt er immer nur in seine Rückhand?“ Eine halbe Stunde später postete ihr Ehemann, mit dem ich regelmäßig jogge und Rad fahre, nach einer Biketour ein Foto, das seine bessere Hälfte draußen an einem Holztisch zeigt. Durch ein geöffnetes Fenster starrt sie auf einen Fernseher. Unter das Bild schrieb er: „Berghütte im Allgäu mit Tennisjunkie.“

Ich bin mir sicher, es gibt zurzeit jede Menge Tennisjunkies. Sie hängen an der Nadel Zverev. Sie sind geradezu infiziert von einem grassierenden Virus. Nur bringt dieser Virus keine Krankheit, sondern Glücksgefühle. Die immer größer werdende Zverev-Gemeinde zieht sich seine Matches rein, vergisst Ort und Zeit. Die Fans verbringen Stunden vor dem Fernseher oder dem Livescore. Sie jubeln und bangen. Sie klatschen und toben. Sie rufen „Ooooh nein“ und „Ja!!!!“

French Open: Zverev erinnert ein bisschen an Becker

Was ist passiert? Ein gerade 21-jähriger gutaussehender blonder Junge erinnert in seiner Art ein bisschen an einen 17-jährigen erdbeerblonden Jungen, der gerade auch in Paris weilt. Inzwischen ist er 50 und kommentiert die Matches des rund 30 Jahre Jüngeren im Fernsehen.

Nicht, dass an dieser Stelle ein falscher Eindruck entsteht: Die Boris Becker-Zeit ist einmalig. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Das mediale Zeitalter macht es nicht möglich. Und das Lagerfeuer der Nation ist erloschen – unwiederbringlich.

Als Becker, „der 17-jährigste Leimener aller Zeiten“, zum ersten Mal in Wimbledon siegte, waren die Bälle noch weiß und es gab drei Fernsehprogramme. Was wäre damals wohl los gewesen mit Twitter, Facebook, Instagram?

French Open: Zverev begeistert

Insofern hinkt der Vergleich zwischen BB und SZ (Zverev fängt gerade an, die eigenen Initialien zur Marke aufzubauen). Aber die Ingredenzien sind die gleichen: Leidenschaft, Pathos, Drama, unbedingter Siegeswille, Achterbahn-Matches und das eigene Gefühl, dass nur der Himmel die Grenze der Schaffenskraft ist.

Wenn Zverev leidet – egal, ob auf Court 1, Court Philippe Chatrier oder Court Suzanne Lenglen (den drei Plätzen, auf denen er gespielt hat) – dann erinnert das an Boris Becker. „Rüber, rüber!“, schrie Becker, wenn er sich im Tal des Jammers befand. Zverev schreit ebenfalls seinen Frust heraus, hadert mit sich und der Welt. Wenn er den Schläger schmeißt, tanzen die Goldketten um den Hals und die blauen Augen funkeln wütend.

Zverev bei French Open: Mon Dieu, was für ein Theater

Alexander Zverev kniete nach seinem Einzug ins Viertelfinale nieder.

Wie Becker steht auch Zverev am Abgrund, liegt in Paris dreimal in Folge mit 1:2-Sätzen zurück. Aussichtslosigkeit macht sich breit, aber am Ende reüssiert er. Kniet im roten Staub, reißt die Hände in den Pariser Himmel – Mon Dieu, was für ein Theater, auch wenn die Opera rund zehn Kilometer entfernt liegt. Demnächst geben sie dort Boris Godounov. Da ist er wieder – der Boris…

Zverev ist gerade dabei, die eigene Vita mächtig aufzumotzen: der erste Sieg auf Philippe Chatrier („Ich hoffe, viele Siege werden hier folgen“). Der erste Einzug in ein Viertelfinale eines Grand Slam-Turniers („Ich bin sehr glücklich“) und drei Fünfsatz-Dramen, die kein Regisseur besser hätte inszenieren können.

Thiem vs Zverev: Der netteste Spieler gegen den extrovertierten deutschen

Am Dienstag spielt er gegen Dominik Thiem. Ein Match, auf das alle gewartet haben: die Nummer zwei gegen die Nummer sieben der Setzliste. Deutschland gegen Österreich. Der brave Thiem, der vielleicht netteste Spieler auf der Tour, gegen den extrovertierten Zverev („Ich erwarte wieder fünf Sätze“) ist der große Clash im Viertelfinale.

Wenn es noch Parallelen zu Becker gibt, dann die: Zverev ist auf dem Platz extrem fair. Er ist fern davon, seine Gegner zu bescheißen oder Schiedsrichterentscheidungen in Frage zu stellen (wenn man einmal von der Verwarnung absieht, die Zverev im Match gegen Khachanov wegen angeblich unerlaubten Coachings kassierte). Wer Sponsoren- oder öffentlichen Auftritten beiwohnt, erlebt einen Zverev der sympathisch, charmant und tiefenentspannt rüberkommt. Der sich in seiner, der Tenniswelt, so sicher bewegt, weil er sie schon als Baby kannte.

Zverevs Auftreten polarisiert

Aber: Zverev hat auch die gelegentliche Diven- und Launenhaftigkeit des sechsfachen Grand Slam-Champions. Fragen, die ihm in Pressekonferenzen nicht passen, kanzelt er ab oder macht sie lächerlich. Becker übrigens konterte unliebsame Fragen der Reporter gerne mit Gegenfragen.

„Kommt er im deutschen Teil der Pressekonferenz auch teilweise etwas sarkastisch herüber?“, fragte mich einer der dutzenden internationalen Reporter. Vielleicht ist die Antwort die: Champions, und Zverev wird einer werden, sind Alphatiere. Sie gehen ihren Weg, manchmal ohne Rücksicht auf Verluste. Manche unglückliche Antwort sollte man Zverev verzeihen. Nur möchte man ihm zurufen: Sei ein bisschen demütiger. Du wirst sehen, dass dir mehr Herzen zufliegen. Nimm dir ein Beispiel an Roger Federer. Einen größeren Champion gibt es nicht.

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