Alexander Zverev

Mail aus Melbourne: Folgt nun die Kür für „Spargel” Zverev?

Die Pflicht ist erfüllt. Folgt nun die Kür? Alexander Zverev steht im Achtelfinale der Australian Open. Der 21-jährige Deutsche überzeugt mit seiner frischen Art vor allem bei den On-Court-Interviews.

Rückblende: Als Alexander Zverev im Juli 2017 im großen Pressekonferenzraum in Wimbledon nach der Fünfsatzniederlage im Achtelfinale gegen Milos Raonic saß, stand dem damals 20-Jährigen die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. „Wir reden ja immer davon, dass ich aus jedem Match, das ich verliere, lerne. Das sage ich mir schon seit drei Jahren. Irgendwann habe ich keine Lust mehr zu lernen. Ich möchte solche Matches endlich gewinnen“, sagte Zverev genervt nach dem 6:4, 5:7, 6:4, 5:7, 1:6 gegen den kanadischen Aufschlaghünen. „Es gibt keine Statistik, in der ich schlechter war. Ich hatte genug Chancen, das Match zu gewinnen.“ Eine Chance war vertan in der noch sehr jungen Karriere des gebürtigen Hamburgers.

Zverev unterhält beim On-Court-Interview

Anderthalb Jahre später treffen sich Zverev und Raonic nun auf der großen Grand-Slam-Bühne wieder – erneut im Achtelfinale. Doch diesmal mit anderen Vorzeichen. Ging der Deutsche vor 18 Monaten noch als Außenseiter ins Match, wird er am Montag als leichter Favorit auf dem Platz stehen. Nach dem souveränen Auftaktsieg gegen Aljaz Bedene, dem hart erkämpften Zweitrundenerfolg gegen Jeremy Chardy (hier zum Nachlesen!) folgte heute in der dritten Runde ein weiterer ungefährdeter Sieg. Zverev bezwang den australischen Wildcard-Spieler Alex Bolt trotz der frenetischen Unterstützung des Publikums nach 1:52 Stunden mit 6:3, 6:3, 6:2. „Er hat unglaubliche Power. Ich musste gut returnieren und mein Spiel durchziehen. Das hat heute ziemlich gut funktioniert. Ich finde, ich habe besser gespielt als in der zweiten Runde“, sagte Zverev.

Das Highlight der heutigen Partie kam erst nach Spielende im On-Court-Interview mit Jim Courier. Der 21-Jährige entwickelt sich nicht nur spielerisch immer weiter, auch am Mikrofon ist er bereits in jungen Jahren ein großes Talent. Seine Ansprachen nach seinen Turniersiegen waren immer äußerst unterhaltsam. Manch andere Spieler können in der Art und Weise sich zu präsentieren von Zverev lernen. Seine Aussagen sind vielsagend, seine Analysen sind treffend, sein Humor kommt beim Publikum gut an. Zverev weiß sich zu verkaufen. Als Courier ihn auf die Zusammenarbeit mit Fitnesstrainer Jez Green, dem ehemaligen Fitnesstrainer von Andy Murray, und die harten Workouts im Kraftraum ansprach, sagte er mit leichtem Frust:

Rafa-Shirt? „Wenn ich das anziehe, lacht der Gegner”

„Man kann es immer noch nicht sehen. Das ist enttäuschend für mich. Ich werde aus irgendeinem Grund auf der Tour immer noch als der magere Typ bezeichnet, auch wenn ich 15 Kilo zugelegt habe. Als er mit Andy Murray begonnen hat zu arbeiten, konnte man sehen, dass er einer der stärksten Kerle auf der Tour wurde. Ich sehe immer noch aus wie ein Spargel. Ich arbeite sehr hart und stemme in der Off-Season Gewichte.“ Ob er es nicht mit dem ärmellosen Rafa-Shirt probieren wolle, um seine Muckis zu zeigen, wollte Courier wissen. „Nein, schaut euch das an! Wer hat davor Angst? Wenn Rafa das anzieht, ist es einschüchternd. Wenn ich das anziehe, beginnt der Gegner zu lachen. Ich bleibe weg vom ärmellosen Shirt.“ Zverev und Courier im On-Court-Interview – das passt! Bereits nach seinem Auftaktsieg war der ATP-Weltmeister um einen flotten Spruch nicht verlegen.

Die Pflicht für Zverev ist mit dem erstmaligen Einzug in die zweite Woche bei den Australian Open erst mal erfüllt. Folgt nun die Kür? Das Erreichen des Achtelfinals hat bereits einen netten Nebeneffekt. Der 21-Jährige wird nach dem Turnier die Nummer drei der Welt sein. Der Titelgewinn in Melbourne würde ihn sogar auf Platz zwei im ATP-Ranking bringen. Doch das ist Zukunftsmusik. Was zunächst zählt, ist das Achtelfinalmatch gegen Raonic. Gegen den Aufschlaggigant sind Zverevs Returnqualitäten und mentale Stärke gefragt. Viele Chancen für Breaks wird er höchstwahrscheinlich nicht bekommen. „Er ist immer noch einer der besten Aufschläger der Tour. Wenn er fit ist, ist er für mich immer noch ein Top-10-Spieler”, blickt Zverev voraus. Die frustrierende Niederlage in Wimbledon mit seinen Zitaten, die um die Welt gingen, spukt nicht mehr in seinem Hinterkopf. „Das ist fast zwei Jahre. Darüber denke ich nicht mehr nach.” Zverev ist erstmals angekommen in der zweiten Woche in Melbourne. Und er ist gekommen, um zu bleiben.