Chris Kermode, Novak Djokovic

Mail aus Melbourne: Die Posse um ATP-Boss Chris Kermode

Am Rande der Australian Open wird über die Zukunft von ATP-Präsident Chris Kermode heftig diskutiert. Während Spielerpräsident Novak Djokovic anscheinend für eine Ablösung votiert, bekommt er Gegenwind von Rafael Nadal und Roger Federer. Der Kanadier Vasek Pospisil rief seine Spielerkollegen in einem emotionalen Brief zur Geschlossenheit auf.  

Bei den Australian Open geht es nicht nur um den ersten Grand-Slam-Titel des Jahres, sondern auch um die sportliche Ausrichtung der ATP. Vor allem darum: Geht es nach 2019 mit Chris Kermode als ATP-Präsident weiter? Der Vertrag des 54-jährigen Briten, der im November 2013 die Präsidentschaft des verstorbenen Brad Drewett übernommen hatte, läuft Ende des Jahres aus. Und die Spieler sind sich uneinig darüber, ob es mit Kermode weitergehen soll oder nicht.

Djokovic contra Kermode?

Vor Turnierbeginn in Melbourne kam der ATP Players Council zusammen, um die dringendsten Themen auf der ATP-Tour zu besprechen. Und die Wichtigste scheint derzeit zu sein: Gibt es eine weitere Zukunft für Chris Kermode? Dem Player Council gehören zehn Spieler an. Novak Djokovic ist Spielerpräsident, Kevin Anderson Vizepräsident. Die US-Amerikaner John Isner und Sam Querrey sowie Robin Haase repräsentieren die Spieler in den Positionen 1 bis 50. Vasek Pospisil, Yen-Hsun Lu und Sergiy Stakhovsky sprechen für die Spieler in den Positionen 51-100. Jamie Murray und Bruno Soares kümmern sich um die Belange der Doppelspieler.

Als Novak Djokovic am Sonntag in seiner Pressekonferenz zu den Gerüchten um die Ablösung von Kermode befragt wurde, reagierte der „Djoker“ gereizt. „Ich weiß nicht, woher sie das wissen. Das ist strikt vertraulich”, sagte Djokovic, der betonte, dass es nicht nur um den ATP-Präsidenten gehe, sondern um die strategische Ausrichtung der Herrentour. „Die Entscheidung bezüglich des Präsidenten wurde noch nicht getroffen. Er ist immer noch Präsident. Er wird Präsident bis zum Ende seiner Amtszeit bleiben. Ob es eine Erneuerung gibt oder nicht, wird in der nächsten Periode entschieden.“ Über Kemodes Zukunft soll im März beim Masters-1000-Turnier in Indian Wells entschieden werden.

Pospisil: „Unser System ist gebrochen”

Djokovic gilt als Gegner von Kermode und brachte letztes Jahr eine Spielerunion ins Gespräch, die separiert von der ATP agiert. Auch Vasek Pospisil gehört zu den Kritikern von Kermode. Der Kanadier schrieb einen emotionalen Brief an seine Spielerkollegen. „Die Realität ist, dass wir Spieler nichts über unsere Zukunft entscheiden können. Wir haben keinen Zugang zu finanziellen Informationen der Turniere. Die ATP ist zu Gast bei den Grand Slams, die Millionen Dollar Profit machen. Wir bekommen weniger als zehn Prozent Preisgeld gemessen an den Gesamteinnahmen. Andere Organisationen wie NBA, NHL, NFL, NHL und MLB, die unabhängig von ihren Verbänden vertreten werden, bekommen fast 50 Prozent. Unser System ist gebrochen, und das war so seit Beginn der Open Era. Die ATP repräsentiert die Turniere. Wir kämpfen für jeden Zentimeter, weil wir nicht als vereinigte Organisation agieren. Es ist Zeit für einen Wechsel. Das kann erreicht werden, indem wir vereinigt sind und beanspruchen, was wir verdienen für unsere harte Arbeit.“

Vor Turnierbeginn soll es unter den zehn Mitgliedern des Players Council eine Abstimmung über die Zukunft von Kermode gegeben haben. Laut gut informierten Tennisfachleuten in der Szene haben sich fünf Spieler gegen Kermode ausgesprochen, vier haben für ihn gestimmt. Eine Stimme wurde nicht abgegeben. Die Spieler des Players Council haben nur indirekt Einfluss, ob der Vertrag mit Kermode verlängert wird oder nicht. Die Entscheidung fällt das Board of Directors, in dem neben Präsident Kermode (ist nicht stimmberechtigt) drei Spielerrepräsentanten und drei Turnierrepräsentanten sitzen. Die einfache Rechnung: Kermode braucht sowohl von den Repräsentanten der Spieler als auch von den Turnieren mindestens zwei Stimmen für eine dritte Amtszeit. Spricht sich der ATP Players Council gegen eine Erneuerung des Vertrages von Kermode aus, ist diese Entscheidung zwar nicht bindend für die drei Spielerrepräsentanten, die im ATP Board of Directors sitzen, aber sie dürfte wahrscheinlich befolgt werden.

Justin Gimelstob wegen Körpervelrtzung vor Gericht

Zu den drei Mitgliedern gehören Justin Gimelstob, David Edges und Alex Inglot. Gimelstob, Trainer von John Isner, geriet zuletzt abermals in die Schlagzeilen, nachdem er wegen Körperverletzung festgenommen wurde. Die ehemalige Nummer 63 der Welt soll einen Mann auf offener Straße zusammengeschlagen haben. Der US-Amerikaner muss sich nun vor Gericht verantworten. Obwohl lautstark Gimelstobs Rauswurf aus dem ATP Board of Directors gefordert wurde, unter anderem von Lleyton Hewitt, musste der US-Amerikaner noch nicht seinen Platz räumen. Djokovic nahm Gimelstob in Melbourne in Schutz. „Das ist ein laufender Prozess. Das sind derzeit Anschuldigungen. Sollte er schuldig gesprochen werden, dann ist das eine völlig neue Situation, mit der wir dann umgehen müssen“, sagte Djokovic. Gimelstob galt vor seiner Verhaftung als aussichtsreicher Kandidat, um Kermode als ATP-Präsident abzulösen. Nun steht unter anderem der Name Craig Tiley, Turnierdirektor der Australian Open, im Raum.

Das Vorgehen von Djokovic in der Causa Kermode stößt einigen Spielern sauer auf, darunter Rafael Nadal. Der Spanier gab nach seinem Auftaktsieg bei den Australian Open zu, dass er gar nicht gewusst habe, dass es um die Zukunft von Kermode gehe. „Wenn der Players Council meine Meinung hören möchte: Ich glaube bei Projekten an die Langfristigkeit, nicht an die Kurzfristigkeit. Daher glaube ich, dass es nicht gut ist, jederzeit Veränderungen zu haben, denn es ist schwierig, ein gutes Projekt zu entwickeln, wenn es alle drei, vier Jahre Veränderungen gibt. Chris hat gute Arbeit geleistet. Ich sehe nicht, dass er negative Sachen gemacht hat oder genug negative Sachen, um nicht in der Position zu bleiben“, sagte Nadal. Auch Roger Federer gehört zu den Unterstützern von Kermode. „Ich denke, wir hatten fünf, sechs gute Jahre unter der Führung von Chris. Es ist eine wichtige Rolle. Wir müssen sehr sorgfältig darüber reden“, sagte Federer. Robin Haase, Mitglied im Players Council, merkte an. „Ist die ATP gesund? Geht es ihr gut? Ich glaube: Ja. Weil ich nur auf die Zahlen schaue, und die Zahlen sind gut. So einfach funktioniert das für mich.“

Dimitrov: „Es wäre einer der größten Fehler”

Und auch Stan Wawrinka, Grigor Dimitrov, Nick Krgios und Stefanos Tsitsipas wünschen sich die Fortführung von Kermodes Arbeit. „Wenn man sich anschaut, was die letzten Jahre passiert ist, dann denke ich, dass er Tennis geholfen hat, in einem besseren Zustand zu sein. Er hat einen tollen Job gemacht und alles verbessert“, sagte Wawrinka dem „Telegraph“. „Er ist ein toller Typ. Er unternimmt das Beste für unseren Sport“, stellte Tsitsipas fest. „Kermode nicht zu behalten, wäre einer der größte Fehler, den man machen kann. Tennis ist in solch einer guten Position“, meinte Dimitrov. Darren Cahill, ehemaliger Trainer von Andre Agassi, Lleyton Hewitt und Simona Halep, pflichtet vielen Spielern bei. „Großer Anstieg beim Preisgeld, Rentenpläne, neue Events, neue fortschrittliche Regeln für verletzte Spieler. Ich wäre erstaunt, wenn Chris Kermode nicht bleiben würde. Die ATP braucht nun Stabilität.“

Spielerpräsident Djokovic ruderte nach seinem Auftaktsieg in Melbourne etwas zurück. „Die Vertreter des Councils, die Vertreter der Spieler werden mit Roger und Rafa sprechen, wie mit jedem, der an der Sache interessiert ist. Es ist wichtig zu verstehen, dass Rafa immer in unsere Entscheidungen involviert war, daran gibt es keinen Zweifel. Ob er jetzt Teil der politischen Struktur war, im Council oder nicht, er hat immer versucht, etwas zu unserem Sport beizutragen. Und dafür danke ich ihm.“ Gibt es einen neuen ATP-Präsidenten oder geht Chris Kermode in seine dritte Amtszeit? Die Entscheidung darüber fällt wohl im März in Indian Wells.