Alexander Zverev

Mail aus Melbourne: Alexander Zverevs große Reifeprüfung

Statt eines möglichen souveränen Dreisatzsieges brauchte Alexander Zverev fünf Sätze, um in die dritte Runde bei den Australian Open einzuziehen. Jeremy Chardy verlangt dem Weltranglistenvierten fast alles ab. Auch wenn Zverev mehr Energie als erwartet auf dem Platz gelassen hat, sollte der Sieg ihm Auftrieb für den weiteren Turnierverlauf geben.

Als Alexander Zverev um 22:22 Uhr Ortszeit in der Margaret Court Arena in Melbourne einen Rückhand-Passierball aus vollem Lauf vorbei an Jeremy Chardy spielte und im dritten Satz das Rebreak zum 3:4 schaffte, baute er sich vor den Zuschauerrängen in Jubelpose auf. Als wolle er sagen: „Hey, heute gibt es keinen anderen Gewinner als mich.“ Es dauerte aber noch knapp zwei Stunden, ehe sich Zverev über den Einzug in die dritte Runde der Australian Open freuen konnte. Um 0:15 Uhr war die Schwerstarbeit für den Weltranglistenvierten erfolgreich beendet. Nach unterhaltsamen 3:46 Stunden siegte Zverev gegen Chardy, Nummer 36 der Welt, mit 7:6 (7:5), 6:4, 5:7, 6:7 (6:8), 6:1.

„Ich denke, es war ein sehr intensives Match mit hoher Qualität. Jeremy hat im dritten und vierten Satz extrem stark gespielt. Aber ich wusste, wenn ich so weitermache, dann bekomme ich weiter meine Chancen, um zu gewinnen“, kommentierte Zverev, als er um 1:15 Uhr zur Pressekonferenz kam. „Ich werde gleich noch was mit meinem Physio Hugo (Gravil) machen. Vor 3:30 Uhr werde ich heute sicherlich nicht ins Bett gehen.“ Man musste sich zwischenzeitlich Sorgen um Zverev machen, als er den Satzausgleich kassiert hatte. Würde er wieder im fünften Satz einbrechen, wie vor einem Jahr in Melbourne in der dritten Runde gegen den Südkoreaner Hyeon Chung sowie in Wimbledon gegen Ernests Gulbis? Beide Matches hatte er nach 2:1-Satzführung verloren – den fünften Satz dabei jeweils mit 0:6.

Mund abputzen, weitermachen, den Sieg holen

Doch heute war ein anderer Zverev auf dem Platz als noch im Vorjahr. Der 21-Jährige wirkte viel gelassener als in vielen Matches zuvor. Zwar sah man hier und da eine Unmutsäußerung gegenüber seiner Box, aber der Deutsche ging mit den vielen kleinen Rückschlägen im Matchverlauf wie ein gereifter Topspieler um. Nach dem Motto: Mund abputzen, weitermachen, den Sieg holen. Im vierten Satz fing der Deutsche sogar einen Querschläger von Chardy zum Amüsement des Publikums mit seiner Hosentasche auf.

Es sah lange Zeit nach einem recht ungefährdeten Dreisatzsieg für Zverev aus, als er beim Stand von 5:5 im dritten Satz insgesamt vier Breakbälle vergab. Statt Break und Aufschlag zum Matchgewinn für den Deutschen hieß es wenige Minuten später aber Satzgewinn Chardy. „Bei fast allen Breakbällen hat er überragend serviert und viele Vorhandwinner gespielt.“ Zverev blieb cool. Genauso wie im vierten Satz im Tiebreak, als er nach Matchball für sich bei 6:5 drei Punkte später den Satzausgleich hinnehmen musste. „Ich war noch nie 2:0-Sätze vorne und habe dann den 2:2-Satzausgleich kassiert. Das war heute das erste Mal. Das hat definitiv geholfen, dass ich gewonnen habe. Es ist eine gute Erfahrung“, sagte Zverev. Er räumte aber auch ein: „Jeremy war auch etwas müde im fünften Satz, das hat man gemerkt. Er hat in der ersten Runde fünf Sätze und einen Match-Tiebreak zum Schluss gespielt. Ich bin froh, dass ich gegen einen Qualitätsspieler wie Jeremy im Turnier bleiben konnte.“

„So wie ich mich fühle, so werde ich mich zeigen”

Man spürt, dass die Präsenz von Ivan Lendl in der Box ihn auf den Platz besonnener macht. Kein Schlägerwerfen, kein regelmäßiges Lamentieren nach Fehlern, stattdessen volle Konzentration auf das Hier und Jetzt auf dem Platz. Doch Zverev selbst sieht den Eindruck, den man von ihm seit der Zusammenarbeit mit Lendl gewonnen hat, differenzierter. „Ich bin immer natürlich. So wie ich mich fühle, so werde ich meine Emotionen zeigen. Heute war ich etwas ruhiger. An anderen Tagen werde ich nicht ruhig bleiben.“

Der Turnierbaum hat sich für Zverev nun leicht geöffnet (Lesen Sie HIER mehr). In der dritten Runde wartet überraschend der australische Wildcard-Spieler Alex Bolt. Ein Ausscheiden gegen die Nummer 155 der Welt wäre eine herbe Enttäuschung. So ehrlich muss man sein. Milos Raonic im Achtelfinale und Borna Coric im Viertelfinale könnten die weiteren Stationen auf dem Weg ins erste Grand-Slam-Halbfinale sein. Zverev hat die erste große Reifeprüfung im Tennisjahr 2019 mit Bravour und kühlem Kopf gemeistert. In den nächsten Tagen in Melbourne könnten weitere hinzukommen.