2019 Sydney International – Day 7

Dämon auf der Überholspur: Alex de Minaur im Portrait

Mit erst 19 Jahren ist Alex de Minaur Australiens größte Hoffnung bei den Australian Open. Mit seiner aufoperungsvoll kämpfenden und gleichzeitig bescheidenen Art ist er ein Gegenentwurf zu den skandalumwobenen Bernard Tomic und Nick Kyrgios.

von Jannik Schneider und Marlene Meinicke

„Ich habe es vor allem dank euch durchs Match geschafft“, sagt er freudestrahlend ins Mikrofon, während das On Court-Interview läuft. Die australischen Zuschauer auf dem Centre Court toben. So eben hat ihr Schützling die dritte Runde beim ersten Grand Slam des Jahres erreicht.

Alex de Minaur hatte sich durchgebissen – mit 6:4, 6:2, 6:7, 4:6, 6:3 gegen den Schweizer Henri Laackson, der sich zuvor konstant von der Qualifikation bis in die zweite Runde spielte. Zum Auftakt besiegte der in Sydney geborene de Minaur souverän den portugiesen Pedro Sousa.

Viele hatten dem 19-Jährigen diesen Start nicht zugetraut, hatte er doch beim Vorbereitungsturnier in Sydney jede Menge Kraft gelassen. Zwar gewann er das ATP-Turnier, musste Halb- und Finale aber am gleichen Tag bestreiten. De Minaur bezwang erst Gilles Simon 6:3, 6:2 und Andreas Seppi (7:5, 7:6).

Alex de Minaur: Irritationen um Auslosung bei den Australian Open

Die Auslosung beim Happy Slam in Melbourne meinte es jedoch nicht gut mit dem Davis Cup-Spieler. Er wurde bereits für Montag angesetzt, was kaum Zeit zur Regeneration ließ. Das missfiel dem ansonsten außerhalb der Courts sehr sanftmütigen de Minaur sehr. Vor allem der Zeitpunkt ärgerte ihn: Er erfuhr es zwischen den beiden Matches in Sydney und gab noch voll mit Emotionen ein nicht jugendfreies Statement ab, das er später bereute.

Im Unterschied zu einigen seiner Landsleute belastete ihn dieser Nebenkriegschauplatz aber nicht lange. Er gewann Sydney, flog nach Melbourne, regenerierte, trainierte, bewältigte seine Medienaufgaben und erkämpfte sich als einer von drei Australiern in die dritte Runde. Bezeichnend, dass die anderen beiden keine arrivierten Spieler sind, die Schlagzeilen lediglich außerhalb der Courts produzieren.

De Minaur führt das Trio der nächsten Generation um Alex Bold (18) und Alexei Popyrin (18) an. Auf Twitter war dem Ältesten der drei die Freude anzumerken. Kein Wunder: In den vergangenen zwölf Monaten hat sich viel geändert.

2018 erhielt Alex de Minaur nach guten Vorleistungen eine Wildcard für die Australian Open, schied nach ordentlicher Leistung gegen Tomas Berdych in der ersten Runde aus. Zwei Wochen später verlor er nur hauchdünn im Tiebreak des Entscheidungssatzes gegen Alexander Zverev bei der Partie im Davis Cup in Brisbane.

Auch wegen Kyrgios: De Minaur schon jetzt bester Australier

Im Laufe der Saison etablierte sich der „Demon“, wie der Youngster von seinen Fans gerufen wird, nach und nach im Welttennis. Bis zu den French Open erreichte er auf Challengerebene jeweils ein Viertelfinale, ein Halbfinale und ein Finale. Er qualifizierte sich für die Hauptfelder in Paris und Wimbledon  –  dort schaffte er es sogar bis in die dritte Runde, in der er Rafael Nadal unterlag!

Ausgerechnet auf den Spanier trifft der Dämon nun auch in Runde drei von Melbourne – mittlerweile aber bereits als gesetzter Spieler (29). Vom Newcomer mit Wildcard schaffte er innerhalb eines Jahres den Sprung zu einem gesetzten Spieler und zum besten Australier. Was zum einen an der beständigen Weiterentwicklung des Publikumlieblings liegt.

Zum anderen an den unkonstanten Leistungen und der nicht profesionellen Einstellung eines Nick Kyrgios. Der 24-Jährige scheiterte Anfang des Jahres als Titelverteidiger in Runde eins von Brisbane und bekannte anschließend: „Das war erst mein zweiter Tag Tennis.“ Er verlor Punkte und Setzung für die Australian Open und blieb in Runde eins gegen Milos Raonic chancenlos.

Alex de Minaur: Einstellung ist Trumpf

Damit befeuerte der extrovertierte Kyrgios exakt die Einstellung, die seine Landsleute nicht gerne sehen. Die sportbegeisterten Aussies haben ein Faible für hart arbeitende, demütige Kämpfernaturen. Das verkörpert der schmächtige, 1,83 Meter große Rechtshänder in Perfektion. Schon jetzt ist der Wahlspanier einer der schnellsten Spieler der Tour mit ausgezeichneter Koordination und Antizipation. Qualitäten mit denen er sich 2018 ins Finale von Washington (Niederlage gegen Zverev) und ins Halbfinale von Shenzhen spielte. Zum Abschluss erreichte er bei den ATP Nextgenfinals das Finale (Niederlage gegen Tsitsipas).

In der Vorbereitung arbeitete der Davis Cup-Spieler, der sich direkt über dem Herzen die Zahl 109 tättowieren hat lassen (als 109. Spieler, der für Australien antrat, in Brisbane hart an den Grundlagen und an seinem offensiven Spiel. Oft an seiner Seite: Davis Cup-Kapitän Lleyton Hewitt.

De Minaur ist Australier durch und durch, obwohl er spanische sowie uruguayische Wurzeln hat. Mit fünf Jahren zog er mit seiner Familie auf die iberische Halbinsel, schlug aber aber von Beginn an für Australien auf. Bereits im Alter von 13 Jahren nahm er das erste mal an einer ITF Junior Tour-Event teil und trat 2015 das erste mal auf den unteren Events der Profi-Tour in Erscheinung. Sein Trainer ist Adolfo Gutierrez, Hewitt spielt als Mentor jedoch eine große Rolle.

De Minaur: Hewitt als Mentor

Der ehemalige Wimbledonsieger ist  überzeugt davon, dass er dem Druck bei den Australian Open gewachsen ist. „Er ist der Typ Spieler, der es liebt, auf der großen Bühne aufzuschlagen. Er mag die Aufmerksamkeit, die ihm auf dem Platz zu Teil wird.“ Und weniger die Art von Aufmerksamkeit,  die Spieler wie Kyrgios oder Tomic außerhalb des Tennis erzeugen.

Selbstverständlich, dass sich der Teenager auf das Duell mit Nadal freut. Der Australier ist kräftemäßig deutlich unterlegen und auch mit viel Erfahrung kann der junge Spieler noch nicht punkten. Allerdings gibt de Minaur keinen Ball verloren. Aufgrund des Fitnesslevel von de Minaur wird es für Nadal die wohl erste, richtige Herausforderung.

Unabhängig vom Ausgang der Partie scheint klar: Alex de Minaur hat Großes vor – trotz relativ kleiner Voraussetzungen. Er könnte zu einem der prägendsten Namen der nächsten Jahre werden.