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Mail aus Melbourne: Stan the Man

Als das Turnier vor elf Tagen begann, galten Novak Djokovic und Roger Federer als Favoriten. Dem angeschlagenen Rafael Nadal wurden Außenseiterchancen eingeräumt, genau wie Andy Murray. Aber Stan Wawrinka hatten die wenigsten auf dem Zettel. Warum eigentlich?

Nachdem Stan Wawrinka am frühen Mittwochabend Melbourne-Zeit Kei Nishikori glatt in drei Sätzen besiegt hatte, saß er im großen Interviewraum und beantwortete die Fragen der Journalisten. Wawrinka ist kein Show-Man, er spricht eher leise, jetzt gerade englisch mit französischem Akzent. Und das, was er sagt, ist auch nicht sonderlich spektakulär.

Ja, er spiele gut seit dem Masters in Shanghai. Er freue sich, wenn es zu dem Duell gegen Djokovic kommen würde (zu dem Zeitpunkt stand noch nicht fest, dass die Nummer eins Milos Raonic geradezu vernichtete). Schließlich habe er ja eine Historie mit dem Serben in Australien – 2013 unterlag er Djokovic im Achtelfinale mit 10:12 im fünften Satz, 2014 schlug er ihn im Viertelfinale mit 9:7 im entscheidenden Durchgang und gewann anschließend das Turnier.

Eine Rückhand zum Sterben schön

Wawrinka ist der Titelverteidiger. Und doch ist – oder besser war – er unter dem Radar. Vor Turnierbeginn galten Djokovic und Federer als die großen Favoriten. Nadal und Murray wurden Außenseiterchancen eingeräumt, aber immerhin. Von Wawrinka sprach niemand. Man fragt sich eigentlich warum.

Der Davis Cup-Sieg mit der Schweiz ging zu einem erheblichen Teil auf sein Konto. Wawrinka spielte anschließend nicht die IPTL, wie so viele seiner Kollegen. Er bereitete sich in aller Ruhe in der Schweiz auf die Mission Titelverteidigung vor – mit dem cleveren Coach Magnus Norman und Fitness-Coach Pierre Paganini.

Wenn der Weg in sein erst drittes Halbfinale bei einem Grand Slam-Turnier eher ruhig verlief, dann war die Performance gegen Nishikori krachend. „Stan the man“ schlug 20 Asse. Wenn er seine Rückhand einsetzte, ging ein Raunen durch die vollgepackte Rod Laver Arena. „Eine Rückhand zum Sterben schön“, adelte die Tageszeitung The Age Wawrinkas Paradeschlag. Vielleicht ist er sogar der beste Schlag im Tennis überhaupt – Beidhänder eingeschlossen.

Serve-and-Volley von Nishikori

Kei Nishikori jedenfalls war so beeindruckend von Wawrinkas Grundlinienspiel, dass der 1,78-Meter-Mann phasenweise Serve-and-Volley spielte. Ein Akt der Verzweifelung? In jedem Fall dominierte Wawrinka komplett, schaffte 46 Winner, exakt doppelt so viele wie der Japaner.

Gegen Djokovic kommt es am Freitag zum 20. Duell. 16-mal gewann der Serbe. Aber Wawrinka gewann eben die letzte große Auseinandersetzung im Melbourne Park. Wawrinka gegen Djokovic – es riecht nach einer grandiosen Show.

 

Schlaganalyse: Die Ästhetik von Wawrinkas Rückhand