TENNIS-GBR-WIMBLEDON

Mail aus Wimbledon: Was jetzt noch für Zverev spricht

Angelique Kerber kämpfte sich mit viel Leidenschaft und läuferischer Topleistung in Runde drei; spielerisch war noch viel Luft oben. Alexander Zverev muss beim Stand von 1:2-Sätzen gegen Taylor Fitz am Freitag sogar nachsitzen. Unser Reporter mit seiner Einschätzung aus Wimbledon.



Er habe sich erstmal ins Match reinfühlen müssen. Das hatte Alexander Zverev nach seiner letztlich souveränen Erstrundenvorstellung gegen den Australier James Duckworth zu Protokoll gegeben, nachdem der erste Satz bis zum Stand von 5:5 eng verlaufen war. Danach folgten zwei glasklare Sätze und der erste Rasensieg dieser Saison.

Zwei Tage später sorgte Taylor Fritz, der gleichaltrige Amerikaner, der im NextGen-Hype aufgrund von Verletzungen in der Vergangenheit etwas untergegangen ist,  dafür, dass das gesamte Zweitrundenmatch des Deutschen eng war. Nach Angelique Kerbers knappen Dreisatzerfolg gegen die Juniorensiegerin von Wimbledon 2017, Claire Liu, deutete sich das aus deutscher Sicht nächste Spiel auf der Kippe an.

Nur, dass Zverev die Kontrolle verlor, je länger die Abendsonne am Donnerstagabend auf Court eins vor sich hindämmerte. Dominierte Zverev in Satz eins noch mit seinem zweiten Aufschlag und brutaler Effektivität, gewann Fritz in der Folge mit seinem ersten Aufschlag und schnellen Grundlinienschlägen mit guter Länge die Oberhand. Zverev brachte bis zum Abbruch bei 6:4, 5:7 und 6:7 nur 35 von 102 Returns ins Feld, viele der 35 davon waren zu ungefährlich.

Bezeichnend: Der Tiebreak des dritten Satzes ging mit 0:7 verloren. Immerhin: Der anschließende Abbruch wegen Dunkelheit brachte nur einem etwas – Alexander Zverev, der sichtbar nachdenklich wirkte, als er den zweitgrößten Platz der Anlage verließ.

Die Ausgangslage war ja eigentlich klar: Zverev hatte wegen der in Paris gegen Dominic Thiem erlittenen Oberschenkelverletzung (nach eigenen Angaben ein nach neun Tagen ausgeheilter Muskelriss) vor seinem einzigen Vorbereitungsturnier in Halle nur ein Training absolvieren können. Borna Coric verweigerte ihm vor Ort mit einer Topleistung in Runde eins weitere wichtige Matchpraxis, die trotz des Finaleinzugs im Doppel an der Seite von Bruder Mischa und täglichen Trainingseinheiten kaum zu ersetzen war.

Anschließend wurde in London trainiert. Zverev gab an, keine körperlichen Probleme mehr zu haben. Die Ungewissheit, wie weit sein Rasenspiel schon ausgeprägt ist, hatte er wohl selbst nicht ganz. Zum Vergleich: Vor dem Achtelfinaleinzug 2017 hatte er in ’s-Hertogenbosch und inklusive Finale in Halle acht Vorbereitungsmatches absolviert.

Nun liegt er also 1:2 in Sätzen gegen Fritz zurück. Der Amerikaner hat eine ganze Nacht lang Zeit, nervös zu werden, überspitzt formuliert. Dann geht es um Punkt 13 Uhr zurück auf Court eins, auf dem ihm am Donnerstag gegen Ende hin immer mehr gelang.

Doch auch der Amerikaner wird die French Open verfolgt haben, bei denen Alexander Zverev von Runde zwei bis Achtelfinale gleich dreimal einen 0:2-Satzrückstand drehte. Das hatten vor ihm erst drei Spieler in der Open Era geschafft und gab dem Davis Cup-Spieler jede Menge Argumente gegen die Kritiker, die behaupteten, Zverev könne kein Best-of-five.

Wimbledon: Zverev hat mit das größte Kämpferherz

Am Freitag muss er erneut mentale Stärke unter Beweis stellen. Der gebürtige Hamburger hat definitiv bereits mit 21 Jahren eines der größten Kämpferherzen der Tour. Spielt Fritz aber so weiter, muss sich Zverev auch spielerisch strecken. Oder wie Jürgen Klopp im Fußball einst sagte: Man müsse nicht immer das bessere Team haben. Es gehe darum, an einem bestimmten Tag das gegnerische Team auf das eigene Niveau herunterzuziehen.

Auf das Tennis übertragen: Die Angelique Kerber von Donnerstag imitieren. Zumindest, die der Sätze zwei und drei. „Ich habe heute definitiv nicht mein bestes Tennis gespielt. Aber ich habe mich reingefightet und bin durchgekommen“, sagte die Finalistin von 2016.

Sie hatte mit ihrer Körpersprache zu kämpfen, die auch Trainer Wim Fissette nachträglich kritisierte. „Ich bin ein emotionaler Mensch und zeige das auch auf dem Platz. Zum Glück hat das auf positive Art und Weise noch geholfen“, erklärte Kerber diplomatisch.

Kerber trifft am Samstag auf Naomi Osaka, die sich in der Presserunde sehr respektvoll über die Deutsche äußerte.

Kerber gab die Komplimente brav zurück. Im direkten Vergleich steht es 2:1 für die Deutsche, alle Duelle fanden 2017 statt. Bitter war das Aus bei den US Open. Während sich Osaka daran erinnern wollte, sagte Kerber knapp. „Das war ja 2017 und daran denke ich nicht mehr.“

Wimbledon: Kerber benötigt gegen Osaka die Balance

Die Deutsche weiß um die powervollen Schläge der Japanerin, muss selbst aggressiver als zuletzt spielen. „Letztlich muss es ein Mix zwischen Aggressivität und Ausdauer in den längeren Ballwechseln geben“, sagte Kerber. Am Freitag trainiert sie eine Stunde und bleibt dann zur Regeneration mit dem Team in Wimbledon.

Ob Zverev in Wimbledon bleibt, wird die Fortsetzung gegen Fritz zeigen. Der Deutsche benötigt seine im Tiebreak verloren gegangene Rückhand. Gepaart mit seinem Aufschlag, seinem Kampfgeist und seiner taffen Art kann es noch etwas geben mit der dritten Runde. Trotz der mäßigen Vorbereitung.

Klar ist: Zverev hat in den vergangenen zwei Jahren mehr Erfahrung auf dem höchsten Niveau gesammelt als Fritz. Er ist selbstbewusst, auch wenn er zurückliegt. Er hat gute Chancen, das Match zu drehen.

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