Angelique Kerber

Mail aus Wimbledon: Was Kerber nach dem Titel erlebte

Unser Reporter vor Ort hat Angelique Kerber am Tag ihres historischen Wimbledon-Titels im Hintergrund auf Schritt und Tritt begleitet. Vom Aufwärmen am Morgen bis nach dem Ende des Interview-Marathons spät am Abend. Was alles abseits der Kameras passierte.

Der Moment des größten Erfolges in der jetzt schon beeindruckenden Karriere von Angelique Kerber verlief auch für den sorgfältigsten Beobachter viel zu schnell ab. Sicherlich möchte die Sportlerin höchstpersönlich jede Milisekunde aufsaugen, den Moment quasi anhalten. Doch auch als Reporter wäre es das Beste, alles würde in Zeitlupe ablaufen. Schließlich soll ein möglichst starkes Bild von dem Gesehenen und von den Emotionen gezeichnet und dann übertragen werden in Wort und Bild.

Doch als sich ein weiterer von zahlreichen Returnbällen von Serena Williams an diesem so sonnigen Samstagspätnachmittag im Netz verfing und undankbar auf dem vorne am Netz noch so satten Grün abtropfte, da verging alles wie im Zeitraffer.

Angelique Kerber, gefeierte Grand Slam-Heldin 2016 und 2017 von den meisten harsch kritisiert und abgeschrieben, sank zu Boden. Wie bei ihren zwei bisherigen Major-Titeln in Melbourne und New York landete sie auf dem Rücken.

„Ich bin jetzt eine Wimbledon-Siegerin”

Rund zwei Stunden später wird sie in der deutschen Presserunde über diesen Moment sagen: „Ich weiß über und nach den Matchball kaum noch etwas, es war ein Returnfehler, richtig? Keine Ahnung, warum ich immer auf dem Rücken lande. Das scheint wohl mein Stil zu sein.“ Sie wird lachen und strahlen.

So wie sie seit diesem Käfermoment auf dem altehrwürdigen Centre Court bis spät in die Sonntagnacht hinein nicht mehr mit dem Lachen aufhören wird können.

Aber auch Glücksgefühle der ganz besonderen Art können schlauchen. In Wimbledon ist bekanntlich alles ein bisschen anders. Die Siegerehrung auf dem Platz wird nicht groß ausgeschlachtet. Es gibt weder ausufernde Dankesreden der Verantwortlichen noch der Sponsoren. Zwei kurzgehaltene Frage-Antwort-Spielchen zunächst mit Serena Williams, dann mit Kerber. Zweimal folgt Gänsehaut-Applaus. Beide ringen mit den Tränen. Die amerikanische Major Rekordhalterin wegen der neuen Mutterrolle. Die deutsche Tennisheldin wegen des gerade Erreichten. „Ich bin jetzt eine Wimbledon-Siegerin.“

Langes Warten auf den Finaleinsatz

Keine zehn Minuten dauerte es, da verschwanden beide Protagonisten Seite an Seite in den Katakomben. Den Moment umgibt eine malerische Szenerie. Da das Finale mit fast zweistündiger Verspätung begann, steht die Sonne in der Abenddämmerung etwas tiefer. Was die nun dreifache Grand Slam-Siegerin wohl denkt, angekommen in der Champions-Umkleide?

Schon sechs Stunden zuvor ist es schwer, Kerber zu lesen. Ganz anders als ihre Gegnerin bestreitet die Fed Cup-Spielerin ihr morgendliches Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf dem allerrechtesten der abgelegenen Trainingsplätze. Als sie mit Trainer Wim Fissette den Weg hinuterschreitet, hat sie ein Lächeln übrig für Manager Aljoscha Thron, der sich mit deutschen Journalisten unterhält.

Sie grüßt kurz und blickt dann gerade aus. Die 30-Jährige habe gut gefrühstückt, sich nicht über die ungewisse Ansetzung nach der Verlängerung des Herren-Halbfinals zwischen Novak Djokovic und Rafael Nadal geärgert, versichert Thron. Bis zum Matchbeginn wird sie mit Trainer und Physio in der Nähe der Umleide bleiben, um ihr Routineprogramm abzuspulen. Zur Not wird einfach einmal mehr getapet.

Kerber mit überragender Returnquote

Die Kameras versuchen, via Weitwinkel etwas vom Training zu erhaschen. Dabei gibt es keine Absperrung zu Platz 14. 100 Meter sind es circa bis zum Grün. Kerber ist leise. Der Physio ist leise. Wim Fissette gibt nur kurze Anweisungen. Es wird ein klassisches Programm abgespult. Nach wenigen Minuten folgt ein intensiverer Blick vom Coach in Richtung Zaun. Das Trio steht auf absolute Ruhe.

Aus der Ferne ist zu erkennen, dass Fissette zehn Minuten Aufschläge imitiert. „Die Returns waren heute mit das wichtigste“, wird Kerber abends sagen. Morgens simulierte sie mindestens 25. Bemerkenswert: Die Turniersiegerin hat während der zwei Wochen die höchste Returnquote aller Spielerinnen. 87 Prozent aller Aufschläge konnte sie spielfähig entschärfen. In 43 Prozent der Fälle gewann sie bei gegnerischem Aufschlag den Punkt. Die 62 Prozent bei zweitem Aufschlag wurden lediglich von der früh gescheiterten Jennifer Brady getoppt.

Nach dem Mittagessen (wohl Pasta) geht es also zur Routine, während sich die Männer in einen Rausch spielen. „Ich habe gestern ein bisschen geschaut. Ich habe mit einem langen Match gerechnet“, wird sie abends bekennen.

Sparsamer Umgang mit Emotionen

Als das Match dann endlich läuft, hat Kerber rasch die Kontrolle und wirkt davon selbst etwas überrascht. Als Williams zu Beginn des zweiten Satzes über Emotionen versucht, irgendwie in das Finale zu finden, schaltet Kerber in einen besonderen Modus. „Ich wusste, dass Serena das probieren wird. So ist sie“, erklärte die Norddeutsche keineswegs missbilligend. „Ich habe versucht, so gut es geht, nicht rüberzublicken, bin ohnehin sehr sparsam mit meinen Emotionen umgegangen“, antwortete sie auf eine entsprechende tennis MAGAZIN-Frage. Sie war auffallend sparsam mit eigenen Anfeuerungen umgegangen.

Gründe zum Jubeln hatte sie nach dem Titel ohnehin genügend. Ungläubig ihr Fotolächeln, als sie sich vor der Siegertafel ablichten lässt. Zu ihrer rechten ihr eingravierter Name. Wimbledon-Champion 2018: Angelique Kerber.

Als wäre das nicht schon aus der eigenen Umlaufbahn werfend genug, steht sie zwei Minuten später vor den beiden Herzöginnen Kate und Meghan. „Ich habe mich wirklich sehr gefreut, diese beiden Persönlichkeiten treffen zu dürfen. Während des Matches habe ich mich gar nicht getraut, in die Royal Box zu blicken.” Zynische Beobachter behaupten: Dieser einzigartige Moment verblasste, als der nicht umunstrittene IOC-Präsident Bach ins Bild drängte, um zu gratulieren.

Erst Medienmarathon, dann Siegesfeier

Darüber dürfte Kerber keinen Gedanken verschwendet haben, hatte sie doch kurz zuvor ihre neueste Trophähe vor mehreren Tausend Fans auf dem Centre Court angrenzenden Balkon in die Höhe gestreckt. Nach dem Promi-Smalltalk gab es das erste Wiedersehen mit ihrem Team und herzliche Umarmungen für Fissette und Thron.

Während Kerber nach der Dusche zum mehrstündigen Medienmarathon aufbrach, organisierte Thron eine Location in London. Ort: selbstredend geheim. Dort soll bis tief in die Nacht gefeiert worden sein, mit Team, engsten Freunden und Familie. Dazu brach sie am späten Abend siegestrunken, aber etwas müde auf. Kurz zuvor erledigte sie noch die Schalte, die später im ZDF-Sportstudio gezeigt wurde. Schließlich war Kerber die sportliche Hauptattraktivität aus deutscher Sicht an diesem Wochenende. Wer hätte das vor Wochen mit der Fußball-WM im Blick erwartet?