Stan Wawrinka

Wawrinka: Djokovic, Federer und krude Sportpolitik

Stan Wawrinka hat innerhalb kürzester Zeit zweimal öffentlich zu heiklen Themen Stellung bezogen und damit Größen wie Roger Federer und Novak Djokovic angegriffen. In der Öffentlichkeit wird der sonst eher zurückhaltende Schweizer dafür gefeiert. Doch es gibt eine andere Seite der Medaille.

Stanislas Wawrinka ist äußerst aktiv in den sozialen Medien. Auf Instagram und Twitter lässt er seine zusammengerechnet fast 2,7 Millionen Follower fast täglich, mindestens aber wöchentlich teilhaben an seinem Leben als Tennisprofi.

Dazu gehören seit etwas mehr als zwei Wochen nicht mehr nur die sportlichen, tennisspezifischen Aspekte. Wawrinka hat seine Reichweite genutzt, um aktiv gegen die aus seiner Sicht scheinheilige Vorgehensweise der Spielerorganisation ATP im Fall Justin Gimelstob (lesen Sie HIER mehr) aufzubegehren. Das er das tat, überrascht, gehört Wawrinka trotz seines zweijährigen Engagements im ATP-Spielerrat von 2014 und 2016 zumindest nach außen betrachtet nicht zu den Lautsprechern der Tenniswelt. Indirekt kritisierte er mit seinen Einträgen und einem  offenem Brief in der Londoner „Times“ auch die nicht vorhandene oder zu passive Kommunikation der Größen um Rafael Nadal, Novak Djokovic und Roger Federer.

Pikant ist eine zweite Baustelle, die sich öffentlich erst vor zwei Tagen aufgetan hat: Mit seinem Landsmann Federer und dessen Management Team 8 (als Mitveranstalter des Laver Cups) konnte sich Wawrinka und dessen Agent Lawrence Frankopan von der Agentur StarWing Sports nicht auf ein Engagement beim diesjährigen Laver Cup einigen.

Der Schweizer Tagesanzeiger zitiert Frankopan mit den Worten: „Es ist eine Schande, dass wir uns nicht gefunden haben.“ Die dritte Auflage des 2016 von Federer federführend inszenierten Teamwettbewerbs findet 2019 in der Schweizer Heimat in Genf statt – ohne Wawrinka. Bezeichnend: Wawrinka gab in einer Instagramstory kurz und knapp bekannt, dass er in der gleichen Woche nun das 250er ATP-Turnier in St. Petersburg spielen werde.

Beide sportpolitischen Themen und Wawrinkas Handeln müssen differenziert betrachtet werden. Gemeinsam mit den nach seiner langwierigen Knieverletzung ansteigenden sportlichen Leistungen, der 33-Jährige traf am Freitagabend im Viertelfinale der Mutua Open in Madrid auf Rafael Nadal, haben dazu geführt, dass Wawrinka sein Profil in der Tenniszene nochmal schärfen konnte. Seinem Marktwert dürfte das nicht geschadet haben.

Der Reihe nach: Auf seinen öffentlichen Profilen führte der Rechtshänder eine regelrechte medienwirksame Kampagne gegen Justin Gimelstob, die den Amerikaner nach längerer Hängepartie doch schneller als von Beobachtern erwartet, stürzte. Erst teilte er einen kritischen Artikel der „New York Times“. Es folgten Retweets von Andy Murray, Rennae Stubbs und Amelie Mauresmo, die sich gegen Gimelstob und das Schweigen der ATP positionierten. Dann twitterte Wawrinka selbst mit eindeutigen Worten und ließ mit noch größerer Reichweite besagten offenen Brief in der „Times“ publizieren.

Sympathien für diese Vorgehensweise lassen sich schnell entwickeln. Gimelstob, der seit 2008 als Vertreter der Spieler aus Nord- und Südamerika im Vorstand der Spielerorganisation ATP saß, wurde im Oktober 2018 wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Mittlerweile ist bewiesen: Der 42-Jährige hatte eine Bekannter seiner Ex-Frau auf offener Straße verprügelt. Ende April wurde er zu drei Jahren Haft auf Bewährung, 60 Tagen gemeinnütziger Arbeit und einer Therapie zur Aggressionsbewältigung verurteilt. Besonders der letzte Teil kommt einer Farce gleich, denn Gimelstob musste bereits in der Vergangenheit in Therapie wegen wiederholter Gewaltausbrüche. Erst als der öffentliche Druck, mitgestaltet von Wawrinka, zu groß wurde, legte Gimelstob seine Ämter nieder.

Wawrinka: Was steckt wirklich hinter der sozialen Offensive?

Wawrinka selbst erntete überwiegend positives Feedback. Tenor: Mehr Spieler hätten sich klar positionieren sollen. Das ist ein richtiger und wichtiger Aspekt. Allerdings muss die Frage gestellt werden: War das wirklich alles das Werk von Wawrinka selbst? Oder war diese Vorgehensweise nicht mindestens mit seinem Manager oder den PR-Experten seiner Agentur abgesprochen?  Erfolgreich war diese soziale Offensive allemal.

Ein Rafael Nadal wollte sich auf Nachfrage zu Gimelstob gar nicht äußern. Novak Djokovic, das ist ein offenes Geheimnis, steht Gimelstob nahe. Djokovics Ziel war, den Amerikaner als neuen ATP-Chef in der Nachfolge des von ihm mitabgesetzten Chris Kermode zu installieren. Deshalb setzte der Spielerrat um Djokovic den Beschuldigten zunächst nicht ab. Das wäre  mit einer einfachen Mehrheit jederzeit möglich gewesen. Erst nach dem Gimelstob selbst zurücktrat, äußerte sich Djokovic moderat. Es sei die richtige Entscheidung gewesen, zurückzutreten.

Wegen Wawrinka: Federer in der Kritik

Federer, der für seine Nichtkommunikation ebenfalls in die Kritik geraten war, ließ am Rande der Madrid Open eine interessante Einstellung in Sachen Social Media durchblicken. Er sei niemand, der eine Einstellung oder Meinung über diese Plattformen verbreite. Er erklärte zudem, dass er in den vergangenen Wochen nicht auf der Tour gespielt habe. „Niemand klopfte an meine Türe.“ Wenn er nach seiner Meinung gefragt ­werde, beziehe er immer Stellung. In Madrid erklärte er das Thema Gimelstob für beendet, in dem er sagte: „Wir können nun wieder nach vorne schauen.“

Wawrinka sieht das anders, wie sein offener Brief darlegte: „Doch das ist es nicht. Das genügt nicht. Wir sind alle verantwortlich und müssen daraus lernen.“ Weiter schrieb er von einem „besorgniserregenden Zerfall der moralischen Werte.“ Mit seiner Offensive sammelte Wawrinka und sein Team jedenfalls eifrig Pluspunkte bei Fans und Beobachtern.

Antrittsgage: Laver Cup ohne Wawrinka

Geschadet haben wird ihm das freilich nicht. Für einen Platz im „Team Europe“ beim Laver Cup hat es nicht gereicht. Das liegt aber nicht allein an seiner Weltranglistenposition (34). Die drei besten Europäer in der Weltrangliste nach den French Open erhalten einen Platz. Es gilt als unwahrscheinlich, dass das Wawrinka trotz ansteigender Form packt. Doch als Schweizer und dreimaliger Majorsieger wäre er in Genf die logische Wahl für einen der drei weiteren Plätze gewesen, die Kapitän Björn Borg vergibt.

Borg nominiert allerdings nicht selbst. Vielmehr wird im Hintergrund um Antrittsgagen gerungen. Wawrinka und Frankopan sollen sich laut Schweizer Medien auch intensiv um eine Teilnahme bemüht haben. „Stan wollte in Genf spielen, es hätte für ihn Sinn gemacht und er bemühte sich darum“, sagte sein Agent und führte fehlende Flexibilität der Veranstalter an. In der Regel zahlt Team8 Antrittsgagen, die sich nach der Weltranglistenposition richten.

Im Fall von Wawrinka scheitert die Teilnahme 2019 nicht nur aber eben auch am Geld. Im Schweizer Tagblatt ließ Frankopan durchblicken, dass er das Angebot von Steve Zacks, der für den Laver Cup die Verhandlungen geführt habe, nicht für angemessen hält. Und weiter: Wawrinka soll es als Mangel an Respekt empfunden haben, dass höher platzierte Profis, die aber noch nie die Halbfinals eines Grand Slams erreicht haben, besser bezahlt würden.

Wawrinka schießt indirekt gegen Zverev

Das Team Wawrinka könnte mit dieser Aussage durchaus Alexander Zverev gemeint haben. Dessen Draht zu Team 8 wiederum soll immer enger werden. Es ist wahrscheinlich, dass Federers Management nach Beendigung des Rechtstreits von Zverev und dessen Ex-Manager Patricio Apey den Zuschlag für die Vermarktung der deutschen Nummer eins erhält. Dementsprechend ist Zverev in einer ausgezeichneten Verhandlungssituation für eine erneut üppige Laver Cup-Gage.

Das hat Wawrinka wohl indirekt kritisiert. Auch für ihn sind finanzielle Geschäfte nicht gänzlich unwichtig. Von „fehlendem Respekt“ war 2018 beim ATP-Turnier in Genf ebenfalls die Rede. Dort war Wawrinka die Antrittsgage zu niedrig. Auch er ist, bei allen positiven Aspekten in der Causa Gimelstob, ein Teil der Branche. Und in der geht es um Geld, Einfluss und nicht nur um sportlichen Erfolg.

Der 34-Jährige und sein Team kämpfen um seinen Status als dreimaliger Majorsieger – um eine richtige Wahrnehmung in diesem Zirkus. Die sportliche Formkurve zeigt weiter nach oben. Das hatten ihm nach den schweren Knieproblemen nur wenige zugetraut. Die aktuelle Social Media-Offensive hat ihm öffentlichkeitswirksam offensichtlich geholfen. Kommen jetzt noch alte Erfolge hinzu, verbessert sich die sportpolitische Situation Wawrinkas erheblich.