2019 China Open – Day 2

Andy Murray: Er will nur spielen

Ein angekündigter und dann verschobener Rücktritt, eine seltene Hüft-OP und ein unerwartetes Comeback auf der ATP-Tour: Die Entwicklung von Andy Murray ist eine der großen Tennis-Geschichten 2019. Der Schotte könnte sie viel positiver weiterschreiben, als viele annehmen.

Es ist nicht ganz neun Monate her, da überkamen Andy Murray während seiner Pressekonferenz vor dem Auftakt bei den Australian Open die Tränen. Kurzzeitig brach der dreimalige Grand Slam-Champion die Medienrunde ab. Als er zurückkam, löste er ein mediales Erdbeben aus und kündigte seinen Rücktritt vom Profitennis an. Spätestens in Wimbledon sollte Schluss sein. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das schaffe“, bekannte der Olympiasieger von 2012 und 2016. Die Schmerzen in Folge anhaltender Hüftprobleme seien dauerhaft unerträglich. „So macht es keinen Sinn mehr.“

Anschließend verneigte sich die Tenniswelt vor einem der besten Spieler der vergangenen Dekade und verabschiedete ihn mit einer Vielzahl an hochtrabenden Portraits. Auch tennis MAGAZIN reihte sich damals ein (lesen Sie HIER einen emotionalen Karriererückblick).

Nun, im Herbst, meldet sich Andy Murray zurück in der erweiterten Weltspitze. Beim ATP-Turnier in Peking rang der Schotte mit Marco Berrettini einen der besten Spieler 2019 nieder (7:6, 7:6). Es war Murrays erster Top 20-Sieg in 15 Monaten.

Niemand ahnte im Januar dieses Jahres, dass sich nochmals eine Chance für den Kämpfer Murray würde ergeben können. Wobei: Das ist nicht ganz korrekt. Einer hatte eine Vorahnung und war davon überzeugt, dass es einen Ausweg aus den Hüftschmerzen geben könnte: Bob Bryan.

Der Doppelspezialist, seines Zeichens 23-maliger Grand Slam-Champion an der Seite von Bruder Mike, war gerade auf die Profitour zurückgekehrt – schmerzfrei nach nur fünf Monaten und einer schweren wie seltenen Hüftoperation, bei der ihm ein Metallimplantat in die Hüfte eingesetzt wurde. Sowohl gegenüber Murray persönlich als auch medial warb Bryan in jenen Tagen für diese Operation. Gegenüber dem englischen Guardian versicherte er, dass diese Operation eine Möglichkeit für Murray sei, um weiter Profitennis zu spielen.

Die Verletzungsodysee von Murray

In den folgenden Tagen rang Murray mit sich und einer Entscheidung. Denn: Der 32-Jährige blickte im Januar auf eine lange Leidenszeit zurück. Beim Wimbledon-Turnier 2017 ging die verletzungsbedingte Odyssee des „Sir“ so richtig los. Damals hatte er im Viertelfinale gegen Sam Querrey unter starken Schmerzen sein für lange Zeit letztes Profimatch bestritten.

Nach einer zunächst konservativen Behandlung der langwierigen Hüftverletzung und der Trennung von Ivan Lendl, bei der das Thema „Operation – Ja oder Nein“ eine große Rolle gespielt haben soll, missglückten erste Comebackversuche bei den US Open 2017 und später vor dem Start der Australian Open 2018 – bei Showmatches in Abu Dhabi. Zwischenzeitlich wurde schon damals über ein Karriereende spekuliert. Murray betonte, einfach wieder schmerzfrei Tennis spielen zu wollen und unterzog sich schließlich einer Operation.

Später musste Murray feststellen, dass die Operation seiner Hüfte zwar Besserung verschaffte. Die fehlende Dynamik des Gelenk gestalteten ein Comeback auf Augenhöhe mit den besten Spielern und vor allem gänzlich ohne Schmerzen aber als schwierig. Er bestritt Matches, er gewann auf der Asienreise vor einem Jahr nochmal gegen den damaligen Top 20-Spieler David Goffin. Doch die Schmerzen blieben.

Murray unterzog sich kontrovers diskutierter OP

Doch die Euphorie die Bob Bryan versprühte, steckte Murray an.  Die ehemalige Nummer eins ließ sich wie Bryan vom New Yorker Spezialisten Dr. Edwin Su beraten. Der 47-jährige Chirug hat sich auf eine relativ neuartige, aber kontrovers diskutierte Hüft-Operationsmethode spezialisiert. Bei dieser Methode wird der Knochen abgeschliffen und im Anschluss vollständig von einer Kobalt-Chrom-Metallverbindung umhüllt.

Wenig später fand die Operation in London statt. Bei dieser Methode wurde ein Metallstab in die rechte Hüfte eingeführt und eine Metall-Kappe auf den Oberschenkelhalskopf gesetzt. Der deutsche Davis Cup-Art, Dr. Tim Kinateder, erklärte tennis MAGAZIN damals genau, auf was sich Murray medizinisch eingelassen hatte (lesen Sie HIER die Details).

Kinateder gab zu bedenken, dass Lauf- und Sprungsportarten sowie Stop-and-go-Sportarten erhöhte Belastungen für implantierte Prothesen darstellen und nicht ideal seien. „Nochmal kritischer betrachten muss man, ob Leistungs- und gar Spitzensport nach solch einem Eingriff sinnvoll und machbar sind. Es wird spannend sein zu sehen, ob es Andy Murray nach Durchführung dieses Eingriffes zurück auf den Tennisplatz oder gar ins Weltklassetennis schafft. Zu wünschen wäre es ihm.“

Murray: Einen Schritt zurück, zwei vor

Anders als bei seinen vorangegangenen Comebacks ließ sich Murray 2019 mehr Zeit. Zur Rasensaison gab er ein vielbeachtetes Comeback als Doppelspieler an der Seite von Feliciano Lopez, mit dem er prompt das Turnier in Queens gewann. Ein mediales Highlight wurde die Mixedpaarung Murray/Serena Williams in Wimbledon.

Zur Hardcourt-Saison versuchte sich Murray wieder als Einzelspieler. Losgelöst von den Ergebnissen durfte das bereits als großer Erfolg verbucht werden. Murray gab an, dauerhaft schmerzfrei zu sein – im Alltag und im Training. Gegen Richard Gasquet und Tennys Sandgren setzte es aber nicht unerwartete Auftaktniederlagen.

Nach Rücksprache mit Rafael Nadal ging Murray einen Schritt zurück und schlug beim Challenger auf Mallorca in Rafas Tennisakademie auf. Dort gewann er erstmals zwei Einzelpartien am Stück, bevor er gegen die 240 der Welt, den Italiener Matteo Viola, verlor.

Jetzt, vier Wochen später, hat er bereits zwei Siege auf der ATP-Tour errungen. Vor Wochenfrist glückte in Zhuhai die Revanche gegen Sandgren, bevor er gegen Dauerläufer Alex de Minaur, den späteren Turniersieger, in drei Sätzen verlor. Dass Murray in der erweiterten Weltspitze mithalten kann, bewies er nun am Dienstag gegen Berrettini.

Der in Sachen Murray stets gut informierte englische Telegraph schrieb am Dienstag, dass Murray innerhalb eines Monats (seit der Niederlage gegen Viola) einen außergewöhnlichen Entwicklungsschub vollzogen habe – spielerisch und läuferisch.

Murray bremst Erwartungen

Und Murray selbst? Der bremst die Erwartungen der Öffentlichkeit und wohl ebenfalls seine eigenen: „Ich spiele nicht wie ein Top 20 oder Top 30-Spieler. Möglicherweise habe ich mich auf dem Niveau eines Spielers um Position 70 eingependelt. Es wird also nicht einfach, als ungesetzter Spieler in Peking ein Match zu gewinnen“, hatte er vor Wochenfrist in Zhuhai gesagt.

Andy Murray siegte am Dienstag etwas überraschend gegen Matteo Berrettini.

Dementsprechend erstaunt war Murray nun von sich selbst, der nach dem Spiel gegen Berrettini angab, physisch am Ende der Matches noch Probleme zu haben. Ihm fehle Matchpraxis. Dennoch zeigte er, dass er mental weiterhin zur absoluten Weltklasse gehörte. Er kämpfte sich gegen den Italiener trotz Breakrückstand zurück und wehrte zwei Satzbälle im Tiebreak des zweiten Durchgangs ab.

Gegen Landsmann Cameron Norrie kann er auf ATP-Ebene nun erstmals seit seinem Comeback zwei Matches in Serie gewinnen – und damit in die Top 300 zurückkehren.

Errungenschaften, mit denen sich Murray überhaupt nicht auseinandersetzt. Murray hat eine demütige und vielleicht auch realistische Ansicht auf sein Leistungsvermögen in der nahen Zukunft. In Zhuhai sagte er: „Ich glaube nicht, dass ich wieder zu meiner Bestleistung zurückkehren kann. Es wäre naiv und dumm, das zu glauben.“ Spaß habe er immer noch am Tennis und an seinem Comeback. Erst, wenn er keine Fortschritte mehr machen würde, will sich Murray weitere Gedanken um seine Zukunft machen.

Wie diese aussehen könnte? „Jeder möchte nach Möglichkeit auf sehr hohem Niveau aufhören, aber für mich war es schon ein großer Einsatz nach den letzten Jahren, überhaupt wieder auf der Tour zu spielen. Im Moment glaube ich daran, auf hohem Niveau spielen zu können“, sagte Murray dem Daily Mail. „Wenn ich 2020 merke, ich bin nicht mehr wettbewerbsfähig, muss ich mir überlegen, wie es zu Ende geht. In Tokyo bei den Olympischen Spielen aufzuhören, ist etwas, was ich dann in Betracht ziehen würde.“

2019 hat gezeigt, dass solche Ankündigungen nicht unbedingt viel wert sind. Fakt ist: Andy Murray ist zurzeit wieder wettbewerbsfähig. Fans sollten diese Zeit genießen. So wie er das im Moment genießt. Alles weitere wird die Zukunft zeigen.