Miami Open 2019 – Day 5

Miami Open: Kerber vor Mutprobe gegen Andreescu

Am Freitag wäre die Neuauflage des Indian Wells-Finals zwischen Angelique Kerber und Shootingstar Bianca Andreescu bei den Miami Open fast von einer mutigen Qualifikantin verhindert worden. Doch Kerber erhält die Chance auf eine Revanche.

Bianca Andreescu stand am Freitagnachmittag im Inneren des Hard Rock-Stadions bereits Rede und Antwort. Die erst 18-jährige Kanadierin ist in diesen Tagen eine der am meisten beobachteten Spielerinnen auf der Tour. Die Mehrheit der Anwesenden im Pressekonferenzraum waren sich nach ihrem glatten Sieg über Sofia Kenin sicher: Es kommt zur Neuauflage des vergangenen Indian Wells-Finals.

Was die Wenigsten zu diesem Zeitpunkt wussten: Während Andreescu über die dreimalige Grand Slam-Siegerin sprach, steckte Kerber bis zum Hals in Schwierigkeiten – oder in ihrem konkreten gestrigen Fall: bis zum Oberschenkel.

3:6 und 1:2 lag die Nummer vier der Welt gegen die tschechische Qualifikantin Karolina Muchova zurück. Die Nummer 113 der Welt spielte variabel, streute einige erfolgreiche Netzangriffe ein. In Satz eins nutzte Muchova drei ihrer vier Breakbälle und gewann mehr als 70 Prozent ihrer Punkte bei erstem Aufschlag. Kerber war schlichtweg zu passiv.

Kerber: Medical Timeout leitet Wende ein

Im dritten Spiel des zweiten Satzes ließ Kerber den Physiotherapeuten rufen und verließ nach kurzer Behandlung gemeinsam mit der dieser den gut gefüllten Außenplatz sechs. Muchova musste fast acht Minuten warten – Kerber kehrte inklusive Verband um den Oberschenkel zurück.

Kerber hielt Freitag keine Pressekonferenz nach dem Match ab. Das Management der Deutschen äußerte sich auf Anfrage zuversichtlich. Tenor: Der Oberschenkel sollte die kommenden Matches keine Probleme machen.

Das Momentum hatte sich durch die Auszeit jedoch komplett gedreht. In der Folge spielte sie mit ihrer Gegnerin eine Partie ,Ball über die Schnur‘. Dies aber mit viel mehr Qualität und Länge in ihren Schlägen als noch zu Beginn dieser Partie. Vor allem die cross geschlagenen Returns bereiteten ihrer Gegnerin plötzlich Schwierigkeiten.

Kerber: Oberschenkelverletzung nicht schlimm

Nach einem immer einseitiger werdenen zweiten Satz zog die 31-Jährige auf 3:0 im entscheidenden Durchgang davon, gewann fast die Hälfte aller Ballwechsel bei Aufschlag Muchova. Letztlich verwandelte Kerber nach 2.08 Stunden ihren Matchball und machte das erneute Duell gegen Andreescu perfekt.

Die Teenagerin hatte bei ihrem großen Medieanaufwand nichts von dem Trubel auf Court sechs mitbekommen. „Ich bin ehrlich: Das Finale in Indian Wells hätte auch für Kerber ausgehen können. Es war ein offenes Match“, sagte Andreescu eine Stunde zuvor.

Kerbers Gegnerin Andreescu mit beeindruckender Serie

In der Wüste von Kalifornien hatte Andreescu 6:4, 3:6, 6:4 gesiegt und ihren märchenhaften Lauf vorerst gekrönt. 2018 hatte sie auf Position 178 abgeschlossen. Nach dem Sieg gegen Kerber war sie die Nummer 24 der Welt. Der Sieg gegen Kenin war der neunte in Serie. Gepaart mit ihren blutjungen 18 Jahren hat sie damit das Interesser vieler Beobachter auf sich gezogen (Lesen Sie HIER die zehn interessantesten Dinge über die kanadische Einwanderin aus Rumänien).

Auf tennis MAGAZIN-Nachfrage philosophierte der Teenager über ihren verbesserten körperlichen Zustand. „Ich hatte 2018 Probleme mit dem Rücken im unteren Bereich. Ich hatte lange Zeit viele Behandlungen und tue viel für mehr Stabilität. Damit habe ich die Schmerzen und die Probleme unter Kontrolle bekommen.“

Andreescu überwand Rückenprobleme

Schmerzen habe sie deshalb nicht mehr. „Aber momentan spüre ich meine Schulter“, gab sie zu Protokoll. Zu Juniorzeiten habe sie einmal mehr als zehn Matches am Stück gespielt. „Ich bin die Belastung gewohnt, aber ein bisschen anders ist das jetzt schon.“ Andreescu versicherte, dass sie kaum bis gar nicht an ihre Siegesserie denke, während sie spiele. Das Momentum ist dennoch klar auf ihrer Seite.

Tags zuvor lag sie gegen die unangenehm zu bespielende Rumänin Irina-Camelia Begu mit 4:6, 1:5 und Matchball gegen sich zurück. Sie rettete sich und ihre Serie, gewann den Tiebreak und schließlich das gesamte Match. Trotz ihrer Weltranglistenposition ist der Newcomer nicht gesetzt, da zur Setzung das Ranking vor Indian Wells zu Rate gezogen wurde.

Auch deshalb kreuzen sich Kerbers und Andreescus Wege so früh hier im Norden Miamis. „Ich weiß, was auf mich zukommt. Ich denke, ich bin taktisch sehr gut aufgestellt gegen sie“, sagte Andreescu selbstbewusst. Für Kerber dagegen wird das Generationenduell eine Standortbestimmung und auch so etwas wie eine Mutprobe.

Am Freitag gegen Muchova gestikulierte sie immer wieder mit beiden Armen und Händen; presste diese mit Symbolcharakter nach vorne. Als wolle sie allen und nicht nur ihr selbst anzeigen: sei endlich mutiger, gehe mehr in die Bälle hinein.

Genau das dürfte die Marschroute sein, die Rainer Schüttler seinem Schützling wohl vorgeben wird. Ihr Trainer saß wenige Minuten vor dem Match tiefenentspannt im Spielerbereich, hielt den ein oder anderen Plausch. Auch dem ehemaligen Australian Open-Finalistin wird der Finaleinzug in Indian Wells wohlmöglich gut getan haben. Auch wenn Kerber behauptet, es geht in diesen Tagen einzig und allein um ihre Motivation (lesen Sie HIER mehr).

An der dürfte es am Samstag (in der Nacht zum Sonntag MEZ) auf dem Centre Court des Hard Rock-Stadions nicht mangeln. Revanchegelüste hier, ein vollgepacktes Stadion da. Miami darf sich freuen.

Unterdessen hat auch Tatjana Maria die dritte Runde erreicht. Sie besiegte die an 29 gesetzte Camilla Giorgi 6:3, 6:4. Nächste Gegnerin: Sloane Stephens. Im Wettbewerb sind zudem noch Julia Görges und Alexander Zverev vertreten.