Dominic Thiem

Dominic Thiem im Portrait: Mit Wucht nach vorne

In seiner Heimat wird er bereits als Nachfolger von Thomas Muster gefeiert – und auch weltweit trauen viele Experten Dominic Thiem eine große Karriere zu. Er mag Boygroups und Schokolade. 



Als wir Dominic Thiem zum ersten Mal für ein Interview treffen, ist der Bursche, wie man ihn in der Heimat gern nennt, noch 20 Jahre alt. Er hat zu diesem Zeitpunkt weder die Top 50 erreicht, noch einen Turniersieg gefeiert. Trotzdem gilt er bereits als große Versprechung für die Zukunft. Thiem lehnt damals lässig in seinem Stuhl und sagt beiläufig einen Satz, der für einen so jungen Profi von ausgeprägtem Selbstbewusstsein zeugt: „Ich würde gern einmal gegen mich selbst spielen. Ich wüsste nicht, wie ich agieren sollte.“ 

Eineinhalb Jahre später hat sich eine Menge verändert. Thiem hat inzwischen drei Turniere gewonnen – Ende Mai in Nizza sowie zwei Monate später direkt hintereinander die Events von Umag und Gstaad. In der Weltrangliste ist ihm der Sprung in die Top 20 gelungen. Zuhause in Österreich haben Fans und Medien keine geringere Erwartung, als dass ihr „Domi“ möglichst bald in die Fußstapfen von Thomas Muster treten soll – mindestens. 

Wie ein Messias gefeiert

Anfang August bei seinem Heimatturnier in Kitzbühel, als Thiem im Halbfinale an Philipp Kohlschreiber scheiterte, feierte man ihn wie einen Messias. Auf einer Pressekonferenz, bei der sich sogar internationale Fernsehteams für den Wiener interessierten, applaudierten die österreichischen Kollegen ihrem Jungstar fast schon ehrfürchtig. Normalerweise verbietet der Pressekodex diese Form der Lobhudelei. Vergleichbare Ausrutscher erlebt man selbst bei Auftritten von Roger Federer nur höchst selten. 

Thiem gehört zu jenen viel zitierten „Young Guns“, die in absehbarer Zeit die Federers und Nadals beerben sollen. In erster Reihe stehen Kei Nishikori (25), Milos Raonic (24) und Grigor Dimitrov (24), von denen Experten schon lange Wunder erwarten. Doch da der Generationenwechsel bislang nicht glückte, rücken die noch Jüngeren um Thiem (22), Nick Kyrgios (20), Bernard Tomic (22), Borna Coric (18) und auch Alexander Zverev (18) als Hoffnungen zunehmend in den Fokus. Klammert man den Deutschen aus, so passt Thiem als Typ kaum in die Riege der extrovertierten und schillernden Youngsters mit ausgeprägtem Hang zur Selbstdarstellung. 

„Passt-schon-Mentalität“

Thiem ist trotz des Riesenhypes in seiner Heimat die Bodenständigkeit in Person. Er hat einen kleinen Freundeskreis, legt vor allem Wert auf ein familiäres Umfeld. Thiem war nie ein Partygänger, besuchte als Jugendlicher keine Diskotheken, verschmähte jeden Alkohol. Stattdessen schwärmt der leidenschaftliche Fan des englischen Fußballclubs FC Chelsea für die Natur in Österreich. Er hört Musik von Boygroups wie Brosis, Westlife oder den Backstreet Boys. „Der Ernests“, sagt Thiem und meint seinen langjährigen Trainingspartner Gulbis, „hört immer Hip Hop und Russenrap. Damit kann ich nichts anfangen. Ich brauche etwas Entspannteres.“ Wenn man mit Thiem spricht, versprüht er die typisch österreichische „Passt-schon-Mentalität“ gepaart mit einen Mix aus gesunder Überzeugung von der eigenen Stärke und sympathischer Bescheidenheit. „Um eines muss man sich bei Dominic nie sorgen – dass er abheben könnte“, sagt sein Coach Günter Bresnik.   

Er spielt neben den Eltern die wichtigste Rolle im „Team Thiem“. Mutter Karin und Vater Wolfgang, beide Tennistrainer, brachten ihren Sohn im Alter von neun Jahren zu Bresnik. Die Familie lebt am Rande von Wien, etwa eine halbe Autostunde von der Akademie des früheren Boris Becker-Trainers entfernt. Der 54-Jährige ist seitdem Coach, Berater und väterlicher Freund in einer Person. Vater Wolfgang arbeitet als Bresniks rechte Hand in der Akademie, die beiden sind seit 15 Jahren eng befreundet. Fällt Bresnik aus, übernimmt der Vater das Training seines Sohnes – oder Joakim Nyström, 52, ein Ex-Profi, der ebenfalls schon lange für Bresnik arbeitet und Thiem gelegentlich zu Turnieren begleitet. Neben Dominic trainiert Bresnik auch dessen Bruder Moritz, 15. Er gilt als Ausnahmetalent – natürlich mit Aussicht auf eine Profikarriere. In Kitzbühel stand er täglich als Sparringspartner von Philipp Kohlschreiber auf dem Court – sogar vor dem Halbfinale seines großen Bruders gegen den Deutschen. „Danach hing der Haussegen erstmal schief“, scherzt Bresnik.   

Bresnik: Coach und Kritiker

Trotz der besonderen Nähe zur Familie, ist Bresnik einer der wohl größten Kritiker Thiems. Anders als viele Coaches überhäuft er seinen Schützling nicht mit Lob – auch, um Thiems eigene Erwartungen zu bremsen. „Von den Top Ten ist Dominic noch weit entfernt. Der nächste Schritt ist, dass er sich in den Top 20 etabliert. Dafür wird er bestimmt ein Jahr benötigen“, sagt Bresnik. Er sieht vor allem im körperlichen Bereich Defizite. „Dadurch ist der Abstand zu den Topspielern noch groß – obwohl Dominic technisch über ein großes Spektrum an Schlägen verfügt und mit vielen Spitzenspielern auf Augenhöhe ist.“  

Für die Fitness ist ebenfalls Allzweckwaffe Bresnik zuständig, auch wenn Thiem zwischenzeitlich sporadisch mit Sepp Resnik zusammenarbeitete. Der 62 Jahre alte österreichische Extremsportler ließ den Youngster auch mal im Wald Baumstämme schleppen und um Mitternacht Sit-ups machen. Ganz oben auf dem Wunschzettel für die kommende Saison steht ein fester Physiotherapeut, der das Team ergänzen soll. Im Trainingsbereich ist der 22-Jährige bestens aufgestellt: Mit Gulbis hat er einen erfahrenen – wenn auch deutlich verrückteren – Profi an seiner Seite. Der Lette trainiert, von kleinen Unterbrechungen abgesehen, ebenfalls seit vielen Jahren bei Bresnik. Sie absolvieren die Saisonvorbereitungen gemeinsam, fliegen dafür meistens im Winter nach Teneriffa. Etwa zehn Wochen im Jahr verbringt Thiem in der Heimat Wien. Dann trainiert er oft mit österreichischen Talenten oder mit Landsmann Andreas Haider-Maurer, immerhin die Nummer 52 der Weltrangliste.  

Krankheit kostet viel Zeit in der Entwicklung 

Um zu verdeutlichen, wie sehr Dominic Thiem für seine Leidenschaft Tennis lebt, hilft ein Blick zurück an den Tiefpunkt seiner noch jungen Karriere. Mit 16 Jahren fängt er sich in Südafrika eine chronische Salmonellen-Vergiftung ein. Jahrelang fühlt er sich schlapp, ist kaum zu Höchstleistungen imstande. Bresnik muss Trainingseinheiten immer wieder unterbrechen, kann nie konstant mit seinem Schützling arbeiten. Das Problem: Die Ärzte wissen nicht, was ihm fehlt. Als Thiem später sogar Blutspuren in seinem Stuhl entdeckt, verschweigt er dies – aus Angst, sonst nicht mehr trainieren zu dürfen. Erst 2013, nach drei beschwerlichen Jahren, wird eine bakterielle Darminfektion diagnostiziert. Inzwischen ist er wieder gesund. „Körperlich und psychisch war diese Phase eine extreme Belastung für mich“, sagt Thiem. Bresnik ergänzt: „Die Krankheit hat Dominic viel Zeit in der Entwicklung gekostet, er wäre wohl sonst schon weiter.“ 

Spricht Bresnik über seinen Schützling, lobt er vor allem die Professionalität des 22-Jährigen „Dominic braucht niemanden, der ihm etwas über Ernährung erzählt“, sagt der Trainer. Thiem beschäftigt sich intensiv mit Nahrungsmitteln und deren Inhaltsstoffen. „Er weiß genau, wann er was essen muss. In den letzten zwölf Monaten hat er kein Stück Zucker zu sich genommen“, sagt Bresnik und fügt an: „Das ist nicht selbstverständlich für einen so jungen Profi.“  

Ritterschlag von Lendl

Einer, der schon früh von Thiems Talent überzeugt war, ist Ivan Lendl. Mit einem Manager eines großen Bekleidungsherstellers schlenderte der Amerikaner vor fünf Jahren über die Anlage bei der Orange Bowl, der inoffiziellen Weltmeisterschaft für Junioren in Florida. Als sie Thiem spielen sahen, sagte Lendl: „Er verfügt über außergewöhnliche Fähigkeiten. Der Junge ist der erste Spieler seit Jahren, der aus der Masse der vielen normalen Talente heraussticht.“ Ein Ritterschlag für den Österreicher, der ihm kurze Zeit später seinen ersten Ausrüstungsvertrag bescherte. 

Die Zielsetzung von Dominic Thiem für die nächsten Jahre ist logisch: Weltspitze. Auch wenn er sich mit solchen Äußerungen öffentlich bedeckt hält. „Ich setze mir nicht gern konkrete Ziele. Ich möchte jeden Tag ein besserer Spieler werden“, sagt er. Coach Bresnik prognostiziert: „Dominic ist keiner, der plötzlich explodiert. Er verbessert sich kontinuierlich.“ Was Thiem neben der Athletik noch fehlt? „Die Quote beim ersten Aufschlag ist zu gering, die Effektivität muss erhöht werden“, sagt Bresnik. „Auch bei der Spieleröffnung gibt es Potenzial zur Verbesserung.“ Klar scheint: Thiem ist noch weit von seinem Zenit entfernt. Gegen sich selbst würde er dann wahrscheinlich gar nicht mehr so gerne antreten.

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